26. Januar 2021

Verwertungsgesellschaften veröffentlichen Studie zur Lage der Kultur- und Kreativwirtschaft in Europa

Kaum eine Branche hat in der Coronakrise ähnlich hohe Verluste wie die Kultur- und Kreativwirtschaft zu verzeichnen. Gleichzeitig könnte ihre gezielte Förderung aber auch ein Schlüssel für die Wiederbelebung der europäischen Wirtschaft sein. Dies ist das Ergebnis der Studie „Re-building Europe: The cultural and creative economy before and after COVID-19“, die im Auftrag der europäischen Verwertungsgesellschaften entstand.

Mit einem Anteil von 4,4 Prozent an der europäischen Wirtschaftsleistung und einem überdurchschnittlichen Wachstum von 2,6 Prozent war die Kultur- und Kreativbranche vor den pandemiebedingten flächendeckenden Schließungen nahezu aller Veranstaltungsorte einer der Aktivposten in Europa. Dementsprechend kann die Branche einen wesentlichen Beitrag beim Aufschwung der europäischen Wirtschaft nach der Krise leisten. Das ist ein Ergebnis der Studie „Rebuilding Europe: The cultural and creative economy before and after COVID-19“, die die wirtschaftliche Bedeutung der Kultur- und Kreativbranche für die europäische Wirtschaft analysiert. Der Dachverband der europäischen Verwertungsgesellschaften GESAC hatte das Beratungsunternehmen EY mit der Durchführung dieser Studie beauftragt.

Die Autoren der Studie identifizieren drei Hebel, die nach der Krise für den Aufbau der europäischen Wirtschaft essentiell sein werden: eine massive öffentliche Finanzierung und die Förderung privater Investitionen; einen soliden Rechtsrahmen, um die Voraussetzungen für die Wiederbelebung der Kreativwirtschaft zu schaffen und ihr langfristiges Wachstum zu sichern; sowie die Nutzung der „Soft Power“ dieses Sektors und des individuellen kreativen Talents, um den gesellschaftlichen Fortschritt voranzutreiben.

„Die Corona-Pandemie hat die Erfolgsgeschichte der europäischen Kultur- und Kreativwirtschaft abrupt unterbrochen. Millionen von Kreativen stehen vor dem Verlust ihrer Lebensgrundlage. Die Regierungen müssen jetzt handeln, um unsere Branchen wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Urheber und Kreative brauchen gezielte Unterstützung, aber auch einen zeitgemäßen Rechtsrahmen, der ihnen garantiert, dass sie für ihre Arbeit auch dann fair entlohnt werden, wenn sie online genutzt wird. Eine schnelle und effektive Umsetzung der neuen EU-Urheberrechtsrichtlinie in deutsches Recht wäre ein wichtiger Schritt in diese Richtung“, erläutert Dr. Harald Heker, Vorstandsvorsitzender der GEMA und Vizepräsident der GESAC, zu den Ergebnissen der Studie. 

Kultur als wirtschaftlicher Treiber vor der Krise

Vor der Krise im Jahr 2019 verzeichnete die Kultur- und Kreativbranche einen Jahresumsatz von 643 Mrd. Euro, was 4,4 Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung entsprach. Mit einem Wachstum von 2,6 Prozent wuchs der Sektor schneller als die Wirtschaft insgesamt im EU-Durchschnitt, die lediglich ein Wachstum von 2 Prozent aufwies. Mit mehr als 7,6 Millionen Beschäftigten zählte der Sektor 2019 zudem zu den führenden Arbeitgebern und beschäftigte mehr Menschen als die Telekommunikations- und die Automobilbranche zusammen. Auch in Bezug auf technologische Innovationen, Geschlechtervielfalt und die Beschäftigung junger Menschen gehörte die Kultur- und Kreativwirtschaft zu den Vorreitern innerhalb der EU.

Die Coronakrise trifft die Kultur wie kaum einen anderen Sektor

So stark die Kultur- und Kreativbranche 2019 war, so sehr wurde sie von den Einschränkungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie getroffen. Der Sektor erlitt Umsatzverluste von mehr als 30 Prozent – ein kumulierter Verlust von 216 Mrd. Euro. Die Kreativbranche verzeichnete damit höhere Umsatzeinbrüche als die Tourismusbranche und kaum geringere als die Luftfahrtbranche. Insbesondere die Musikwirtschaft und der Bereich der Darstellenden Kunst mussten Mindereinnahmen von 75 bis 90 Prozent hinnehmen.

Jean-Michel Jarre, Urheber und Pionier der elektronischen Musik, sagt: „Kultur ist im heutigen Europa zu einer knappen Ressource geworden. Darunter leiden wir alle. Gleichzeitig erleben die Europäer den wirklich tiefgreifenden Wert der Kunst und ihrer Fähigkeit, uns zusammenzubringen. Diese Studie spiegelt diese Realität wider, sie beziffert das Leiden und bietet klare Hinweise auf die Lösung.”

Den Wiederaufbau gemeinsam angehen

Noch nie dagewesene Zeiten erfordern noch nie dagewesene Maßnahmen. Nie zuvor hat Europas Kreativwirtschaft eine solche wirtschaftliche Verwüstung erlebt; deren Auswirkungen werden noch im gesamten Jahrzehnt zu spüren sein. Auf Initiative der GESAC stellt am 26. Januar 2021 eine Delegation von Vertretern der Kreativwirtschaft unter der Leitung von Jean-Michel Jarre die Ergebnisse der Studie Vertretern der EU-Kommission vor und unterstreicht dabei die Bedeutung der Branche für den Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft.

Marc Lhermitte, Partner bei EY, sagt: „Diese Studie liefert die aktuellsten Daten zu den massiven wirtschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Krise auf die Kultur- und Kreativwirtschaft in Europa. 2020 war ein dramatisches Jahr für die Kultur- und Kreativwirtschaft, sowohl in Europa als auch weltweit. Die Kulturbranche war die erste, die einen Großteil ihrer Live- und Einzelhandelsaktivitäten aussetzen musste – und sie wird wahrscheinlich die letzte sein, die sie ohne Einschränkungen wieder aufnehmen darf. Aber die Studie unterstreicht auch, dass dieser Sektor zum Verbündeten Nummer 1 einer wirtschaftlichen Wiederbelebung werden könnte. Sie verdeutlicht die Kraft der Kultur, ihre Dynamik und ihren Beitrag zum globalen Einfluss der Europäischen Union.“

Über die Studie
Die Studie wurde vom Dachverband der europäischen Verwertungsgesellschaften GESAC (European Grouping of Societies of Authors and Composers) in Auftrag gegeben und brachte einen breiten Querschnitt von Partnern zusammen: AEPO-ARTIS, EUROCINEMA, EUROCOPYA, EVA, FIAPF, IMPALA, IVF, SAA, SROC und unterstützende Organisationen; VRE, CEPIC, EACA, ECSA, EGDF, EPC, FEP, FERA, FSE/SCRIPT, IFRRO, IMPF, was die sektorübergreifende Unterstützung der Ergebnisse und Empfehlungen unterstreicht.

Quelle: https://www.gema.de