Frauen am Dirigierpult

Nur vier Frauen leiten ein öffentlich finanziertes Orchester. Das mythenbelade Bild vom "Maestro" steht ihnen ebenso im Weg wie Vorurteile gegenüber ihrer persönlichen Eignung. Doch die Vorbilder mehren sich.

Den Beruf des Dirigenten gibt es noch nicht sehr lange. Aus der mehr oder weniger technischen Funktion eines Kapellmeistes hat sich im 19. Jahrhundert die höchste künstlerische Position der Konzert- und Opernhierarchie herausgebildet, die wie kaum eine andere im Sinne des Mythenhaften verklärt wurde: Größe, Führungswille, Wissen, Charisma, Durchsetzungsvermögen gehören zu den Schlagworten. Frauen kamen gegen diese Stilisierung des "Allmächtigen auf dem Podium" (Norman Lebrecht) in der von bildungsbürgerlichen Idealen geprägten Kulturlandschaft mit deren geschlechtsspezifischen Zuschreibungen lange nicht an. Doch in den letzten Jahrzehnten haben sich Dirigentinnen mit einem beharrlichen Blick auf die Kunst einen nicht mehr zu übersehenden Weg in die Öffentlichkeit gebahnt. Mirga Gražinytė-Tyla (Birmingham), Joana Mallwitz (Nürnberg), Simone Young (Sydney), Marin Alsop (Wien), Oksana Lyniv (erste Dirigentin bei den Bayreuther Festspielen 2021) gehören zu den viel gefragten Akteurinnen des Musikbetriebs.

Dass der Weg der Frauen an die Pulte lang und steinig war und auch noch immer ist, zeigt ein Blick in die Presse. Schlagzeilen wie "Wenn sie wenigstens nackt dirigieren würde" (DIE ZEIT, 1976), "Dompteuse mit zarter Hand" (Rheinischer Merkur, 1996) oder "Auf Wagners Absätzen" (Süddeutsche, 1996) geben einen Eindruck von den oftmals abgründigen Kommentaren, denen Dirigentinnen immer wieder begegneten. Denn "ein knallhartes Persönchen" (Die Welt, 2000) auf dem Podest kam in der westlich geprägten Gedankenwelt der Orchester schlicht und einfach bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein nicht vor. Dabei gab es in der von bildungsbürgerlichen Idealen geprägten und getragenen Kulturlandschaft immer wieder Dirigentinnen, siehe Fanny Hensel (1805-1847) – doch ihre Kreativität wurde durch das bürgerliche Postulat "des ruhigen Standes" behindert oder unterbunden. Noch im 20. Jahrhundert riefen künstlerisch tätige Frauen wie Ethel Smyth (1858-1944), Elisabeth Kuyper (1877-1953), Ethel Leginska (1886-1970) oder Antonia Brico (1902-1989) in Ermangelung anderer Möglichkeiten oder zur Aufführung selbst komponierter Werke eigene Frauenorchester ins Leben. Über ihr Engagement ist jedoch in der Musikgeschichtsschreibung lange Zeit kaum etwas zu finden. Eine Aufarbeitung begann erst mit Musikwissenschaftlerinnen wie Sophie Drinker, Freia Hoffmann oder Eva Rieger. Sie stellten fest, dass der Ausschluss von Frauen nicht aufgrund ihrer körperlichen Eigenschaften geschah (wobei dies immer wieder als wichtigstes Argument genommen wurde), sondern durch die gesellschaftliche Sozialisation. Aufgrund der über Jahrhunderte manifestierten Aufgabenteilung und den damit obligatorischen psychischen und sozialen Einordnungen konnten sich Frauen wenig nachhaltig musikalischen Schaffensprozessen widmen.

Joana Mallwitz, Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg (Foto: Simon Pauly)

Heute aufstrebende Dirigentinnen können auf fachinterne Vorbilder emporschauen. Mit Sylvia Caduff wurde 1977 in Deutschland erstmals eine Frau Generalmusikdirektorin (1977 bis 1986, Solingen); Marie-Jeanne Dufour, Simone Young, Marin Alsop oder Konstantia Gourzi leisteten Pionierarbeit. In den letzten Jahrzehnten ist der Orchesterbetrieb beständig weiblicher geworden, es gibt Intendantinnen, Journalistinnen, Managerinnen usw., und an deutschen Musikhochschulen sind immerhin 37 Prozent der Studierenden im Fach Dirigieren weiblich. Dass nach wie vor vergleichsweise wenige Dirigentinnen in der Praxis oder in Förderprogrammen wie dem Dirigentenforum ankommen, ist jedoch auffällig. Sylvia Caduff vermutet im ZEIT-Interview (19.3.2020), dass nicht vorrangig musikalische Themen Frauen von dem Beruf abhalten, sondern die vielen Steine, die angehenden Talenten von Lehrern, Kollegen etc. in den Weg gelegt werden. Hinzu kommen die kaum umsetzbare Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine ständige Reisetätigkeit usw. – Dirigieren ist eine Lebensentscheidung.

Neben den erwähnten Frauen, die derzeit einen Posten als GMD bekleiden, sind Dirigentinnen aktuell vor allem als Gast vor renommierten Orchestern zu erleben oder stehen in der zweiten Reihe als Assistentin, Erste Gastdirigentin oder Korrepetitorin. Repräsentative Abonnementkonzerte oder traditionelle Festspieltermine sind weiterhin meist in männlicher Hand. Denn nach wie vor gilt: Wenn Macht, Renommee und Geld auf einer Position zusammenkommen, dann bleibt die Sphäre männlich dominiert. Doch auch hier verliert die soziale Determinationskraft der Geschlechterfrage zusehends an Kraft, und es setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Förderung von Talenten kein geschlechtsspezifisches "Against all odds" beinhaltet. Vielfalt, Offenheit und ein frühes Empowerment sind vielmehr eine Notwendigkeit für einen zukunftsgewandten Orchesterbetrieb.

Über die Autorin

Anke Steinbeck veröffentlichte ihre Dissertation "Jenseits vom Mythos Maestro – Dirigentinnen für das 21. Jahrhundert" im Jahr 2010. Sie war u. a. für das Bundesjugendorchester und das Jazzfest Bonn tätig und ist seit 2021 Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Musikrat.

 

Stand des Beitrags: 08.02.2021