Kleider zwischen Fräcken

Bis vor wenigen Jahrzehnten gab es kaum Frauen auf den Konzertpodien. Heute machen sie 39,6 Prozent der Orchestermitglieder aus. Sind sie damit auf dem Weg zur Gleichstellung?

Frauen im Orchester – bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war das vollkommen undenkbar. Noch 1971 betrug der durchschnittliche Frauenanteil deutscher Klangkörper nach Angaben der Deutschen Orchestervereinigung lediglich knapp sechs Prozent. Als Madeleine Carruzzo 1982 als erste Frau ein Probespiel bei den Berliner Philharmonikern gewann, war das eine kleine Sensation – erst 15 Jahre später sollten die Wiener Philharmoniker als letzte international klingende Männerbastion gleichziehen und eine seit vielen Jahren dort als Aushilfe spielende Harfenistin schließlich fest anstellen. Mittlerweile sind laut der Erhebung des Deutschen Musikinformationszentrums (miz), die 2020 das Geschlechterverhältnis in allen 129 öffentlich finanzierten Orchestern in Deutschland untersuchte, insgesamt 39,6 Prozent der Beschäftigten Frauen. In der Altersgruppe der 25- bis 45-Jährigen ist das Verhältnis sogar schon annähernd paritätisch, wie aus aktuellen Daten der Versorgungsanstalt der deutschen Kulturorchester hervorgeht. Das ist ein drastischer Wandel in verhältnismäßig kurzer Zeit. Dank des Tarifvertrags in Konzert- und Theaterorchestern TVK existiert darüber hinaus kein gender pay gap – Orchestermusikerinnen gleich welchen Instruments verdienen also automatisch ebenso viel wie die männlichen Kollegen gleicher Position. Wie kam es dazu – und sind Orchestermusikerinnen heute damit tatsächlich gleichgestellt?

Die Kontrabassgruppe des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Marco Borggreve). In den öffentlich finanzierten Orchestern wird Kontrabass zu 85,3 Prozent von Männern gespielt.

Alles begann mit einem Stück Stoff. Nachdem es Mitte der 1970er Jahre unter den Studierenden im Fach Instrumentalmusik bereits 38 Prozent Frauen gab, die Stellenvergabe jedoch noch von starken Vorbehalten dem weiblichen Geschlecht gegenüber geprägt war, gingen die Orchester einen radikalen Schritt, um die Gleichberechtigung voranzutreiben: Die Leistung im Probespiel wurde durch Einführung des Vorhangs – zumindest in der ersten Runde – anonymisiert. Damit war die Orchesterlandschaft anderen Branchen weit voraus. Zusätzlich wurde, ebenfalls mit dem Ziel größtmöglicher Fairness, eine Sammlung der gängigsten Probespielstellen initiiert und diese für jedes Instrument als Heft herausgegeben: So hatten alle Bewerber*innen die Chance, sich langfristig auf schweres Repertoire vorzubereiten, "Lieblingskandidaten" waren nicht mehr so leicht durchzusetzen. Die Maßnahmen zeigten Wirkung: Wer heute in ein Konzert oder die Oper geht, blickt auf dem Podium und im Graben in viele weibliche Gesichter; in einigen wenigen Klangkörpern sind es gar mehr als die Hälfte. Zwischen den einzelnen Instrumentengruppen gibt es freilich große Schwankungen: So findet sich der größte prozentuale Frauenanteil wenig überraschend in der Gruppe der Harfen mit 93,7 Prozent, der niedrigste mit 1,9 Prozent bei der Tuba. Die Infografik "Geschlechterverteilung in Berufsorchestern" zeigt den Anteil von Musikern und Musikerinnen bei sämtlichen Orchesterinstrumenten im bundesweiten Durchschnitt auf. Genderspezifische Stereotype (Mädchen spielen Geige oder Flöte, Jungen Blechblasinstrumente oder Schlagzeug) scheinen dabei angefangen bei den Musikschulen und Jugend musiziert über das Bundesjugendorchester und die Studierenden bis hin zum Arbeitsmarkt fortzuwirken. Die Unterschiede in der Geschlechterzusammensetzung in den Orchestern erklären sich also nicht zuletzt durch die Bewerberlage.

Weniger offensichtlich sind die Ursachen für zwei weitere Ergebnisse der miz-Orchestererhebung: Dies betrifft zum einen den Frauenanteil in hohen Dienststellungen (Konzertmeister-, Stimmführer- sowie Soloposition) und zum anderen denjenigen bei den hochdotierten Spitzenorchestern.

Bei der Besetzung von Leitungsfunktionen fällt der Frauenanteil vielfach deutlich geringer aus als es der Gesamtzahl von Orchestermusikerinnen nach zu erwarten wäre. So ist in den Streichinstrumentengruppen zwar jedes zweite Orchestermitglied weiblich, ihr Anteil an den höheren Positionen liegt jedoch bei lediglich 32,7 Prozent. Noch deutlicher zeigt sich die Diskrepanz bei den 1. Violinen: Obgleich insgesamt zu rund 59 Prozent weiblich besetzt, sind Frauen in den wenigen höheren Dienststellungen mit 37 Prozent demgegenüber unterrepräsentiert. Bei den 1. Konzertmeister*innen beträgt ihr Anteil lediglich 30 Prozent. Anders sieht es bei den Blasinstrumenten aus: Hier entspricht der Anteil der Frauen in Führungspositionen mit 25 Prozent genau ihrem Gesamtanteil.

Ein Ungleichgewicht bei der Geschlechterverteilung zeigt sich auch, wenn man die Eingruppierung der Orchester nach TVK und damit die Vergütung der Orchestermitglieder betrachtet. Die öffentlich finanzierten Orchester in Deutschland werden nach ihrer Besetzung und Planstellenzahl in die Vergütungsgruppen A bis D eingeordnet, wobei D die niedrigste und A die höchste Vergütungsgruppe darstellt; innerhalb der Vergütungsgruppen A und B kann zusätzlich eine Fußnotenzulage (F) gezahlt werden. Einzelne Orchester haben einen Haustarifvertrag, der sich jedoch am TVK orientiert.

Hornist*innen der Münchner Philharmoniker (Foto: Uli Neumann-Cosel). In der Stimmgruppe Horn sind in den öffentlich finanzierten Orchestern 22,5 Prozent Frauen vertreten.

Bei den hochdotierten Orchestern zeigt sich, dass der Gesamtfrauenanteil von den Orchestern der Vergütungsgruppe A über die Gruppen A/F1 und A/F2 zur obersten Gruppe über A/F1 hin stetig abfällt; ähnlich verhält sich dies – allerdings auf einem nochmals deutlich niedrigeren Niveau – bei den hohen Dienststellungen dieser Orchester. Dabei ist der Sprung zwischen den Gruppen A/F1 und A/F2 zu über A/F1 besonders eklatant. So weisen die letztgenannten 21 Klangkörper über alle Instrumente und Positionen hinweg lediglich einen Frauenanteil von 34,5 Prozent auf. Noch greifbarer ist der „Solo-Effekt“: Während der Frauenanteil auf den höheren Positionen im Orchesterdurchschnitt A/F1 bis unter D bei rund 30 Prozent und damit bereits deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt der Frauenanteile dieser Orchester von 41,3 Prozent liegt, ist er bei den 21 Spitzenorchestern mit lediglich 21,9 Prozent ausgewiesen. Bezogen auf die Anzahl der Orchester heißt das: Während in den meisten Klangkörpern mindestens jedes dritte Pult von einer Frau besetzt ist, in manchen sogar rund jedes zweite, ist es auf den Solopositionen der renommiertesten Orchester nur etwa jedes fünfte.

Über die Gründe für dieses Ungleichgewicht lassen sich lediglich Mutmaßungen anstellen, denn die Daten sagen dazu nichts aus und Untersuchungen zu dem Thema fehlen. Sicher spielt es eine Rolle, dass die Stellen in den öffentlich finanzierten Orchestern mit unbefristeten Verträgen ausgestattet sind, sodass Positionen, die vor mehreren Jahrzehnten hauptsächlich mit Männern besetzt worden sind, erst allmählich frei werden und ggf. mit Frauen nachbesetzt werden. Warum der Frauenanteil in den hochdotierten Orchestern und auf Führungspositionen vergleichsweise gering ist, erklärt dies jedoch noch nicht. Bewerben sich Frauen seltener auf Spitzenpositionen? Wagen sie nicht so häufig von der ersten Stelle aus den zweiten Karriereschritt – der vielfach mit einem Ortswechsel verbunden ist und ggf. von einem Partner bzw. einer Familie mitgetragen werden müsste? Oder greifen hier tiefsitzende gesellschaftliche Konventionen, wie sie zuletzt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gezeigt hat: Danach lag der Anteil von Frauen in Spitzenpositionen 2019 sowohl in der Privatwirtschaft als auch im öffentlichen Sektor bei durchschnittlich 26 Prozent. Die Orchester wären damit ein Spiegel der Gesellschaft – ohne dass dies als Empfehlung zu sehen ist.

Was könnte für mehr Geschlechtergerechtigkeit sorgen? Zum einen muss frau die Karriere im Orchester sicherlich wollen und sich auch mit Nachdruck darum bemühen, sprich sich auf die entsprechenden Stellen bewerben. Zum anderen braucht es vielleicht eine noch höhere Sensibilität bei den Orchestern selbst, denn es sind die Orchesterjurys, die über die Aufnahme neuer Kolleg*innen entscheiden. Mit der Einführung des anonymen Vorspiels in den 1970er Jahren waren Orchestermusiker*innen anderen Branchen weit voraus. Ein Anreiz, dies in den 2020er Jahren wieder zu sein?

Über die Autorin

Kathrin Bellmann war als Flötistin in mehreren Orchestern tätig und arbeitet heute als Personalpsychologin an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. Ihre Dissertation "Das Probespiel als Personaldiagnostik: Probleme und Lösungsansätze" erschien im November 2020.

Stand des Beitrags: 08.02.2021