Kinderspiel bis Lebensprojekt

Musik als Hobby kann einen ganz unterschiedlichen Stellenwert im Leben von Menschen einnehmen: Die einen legen die Blockflöte aus der Grundschulzeit schnell wieder beiseite, andere begleitet das Musizieren ein Leben lang. Wolfgang Lessing beschreibt das Musizierverhalten in unterschiedlichen Altersklassen, sozialen Schichten und Orten.

Musizieren schafft einen Ausgleich zum Alltag, es hilft, Emotionen zu verarbeiten und Gemeinschaft entstehen zu lassen. Es kann spontan und anlassbedingt erfolgen, zugleich aber auch ein kontinuierlicher Lebensbegleiter sein. Es hat, mit einem Wort, das Potenzial, zu einem erfüllten Leben beizutragen. Daher überrascht es nicht, wenn sich laut einer Studie des Deutschen Musikinformationszentrums (miz) gegenwärtig 14,3 Millionen Menschen in Deutschland (also 18,8 Prozent der Bevölkerung ab 6 Jahre) als Amateurmusizierende bezeichnen. Diese beeindruckende Zahl weist nicht nur auf das sinnstiftende Potenzial der Musik hin, sondern auch auf die Dichte und Qualität der kulturellen Infrastruktur in Deutschland, die für die Entfaltung dieses Potenzials unverzichtbar ist. Denn um musizieren zu können, müssen Musikschulen, Chöre, Amateurorchester, Musikvereine und vieles mehr vorhanden sein. Ebenso muss es Verbände geben, die sich den Erhalt und Ausbau dieser Angebote zur Aufgabe machen und auf politischer Ebene einfordern.

Zugang zum Musizieren

Die Studie des miz zeigt – kaum überraschend –, dass Kinder bzw. Jugendliche von 6 bis 15 Jahre vor allem über das dichte Netz der formalen bzw. non-formalen Bildungseinrichtungen einen näheren Zugang zum Musizieren finden (bei vielen wird ein musikalisches Interesse schon zuvor durch Elternhaus oder Elementare Musikpädagogik geweckt worden sein, doch die unter 6-Jährigen erfasst die Studie nicht). Dazu zählen Musik-AGs in Schulen, Schulorchester und -chöre, Musikschulen, Privatunterricht, Chöre, Vereine sowie deren vielfältige Kooperationen; so arbeiten bspw. viele öffentliche Musikschulen mit u. a. Schulen und Musikvereinen zusammen. Die Kontaktaufnahme über diese Institutionen führt zu einer Stimulierung des häuslichen Musizierens, das in dieser Altersgruppe den bei Weitem höchsten Rang unter den Musiziergelegenheiten einnimmt. Musikalische Bildungsangebote und häusliches Musizieren sind also miteinander verzahnt. Das etwa an einer Musikschule, im Musikverein oder im Rahmen eines schulischen Klassenmusizierprojekts erlernte Instrument findet Eingang in das Familienleben, sei es im gemeinsamen Musizieren mit den Eltern oder Geschwistern, bei der Ausgestaltung von Familienfesten oder einfach nur durch das regelmäßige häusliche Üben. Sofern zwischen diesen beiden Bereichen eine gegenseitige Abstimmung in Bezug auf Erwartungs- und Werthaltungen vorliegt – z. B. hinsichtlich der Wichtigkeit regelmäßigen Übens –, kann das Musizieren zu einer kontinuierlichen, das gesamte Leben begleitenden Tätigkeit werden.

Durch zunehmende zeitliche Belastungen und die Entwicklung eigener Interessen kommt es im späteren Jugendalter oft zu einem Rückgang der musikalischen Aktivität. Während fast die Hälfte der 6- bis 15-jährigen musiziert, ist es in der Bevölkerung zwischen 16 und 29 Jahren nur noch ein knappes Drittel; beim Übergang ins Berufsleben verringert sich dieser Anteil nochmals auf 13 Prozent, hält sich danach aber die gesamte weitere Biografie über konstant auf diesem Niveau. Anders gesagt: Wer bis zum Eintritt in die Erwerbstätigkeit beim Musizieren bleibt, wird es auch später kaum noch aufgeben.

Wie es für den Sport schon seit Langem selbstverständlich ist, muss auch das Spielen eines Instruments keineswegs ein „Lebensprojekt“ mehr sein, sondern kann durchaus auch nur eine Zeit lang betrieben werden. Entwicklungen wie die Einrichtung schulischer Bläser- oder Streicherklassen oder die Verbreitung von Initiativen wie “Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen” (JeKiTS) sind von vornherein nur für einen bestimmten Zeitraum und ohne Verpflichtung zu einer Fortführung ausgelegt. Ob und inwieweit diese frühen Musizierimpulse ein Wiederaufgreifen des Musizierens in späteren Lebensphasen zur Folge haben, lässt sich derzeit aufgrund fehlender Daten noch nicht sagen.

Singen und Instrumentalspiel

Musizieren ist nicht gleich Musizieren. Während das Erlernen vieler Instrumente mehr oder minder umfangreiche häusliche Übezeiten mit sich bringt, ist das Singen in Jugendgruppen, Kirchen- und Projektchören eine Tätigkeit, die schon durch regelmäßig wiederkehrende Anlässe sinnstiftend gepflegt werden kann. Daher überrascht es nicht, wenn das Singen mit insgesamt 37,5 Prozent hinsichtlich seiner Häufigkeit noch deutlich vor den populärsten Instrumenten (wie etwa Blockflöte, Gitarre und Klavier) liegt. Dabei fällt auf, dass der Anteil von Mädchen und Frauen deutlich überwiegt: Mehr als doppelt so viele weibliche wie männliche Personen (nämlich 50 im Vergleich zu 23,4 Prozent) singen in ihrer Freizeit.

Diese markanten Geschlechterunterschiede setzen sich auch im Bereich des Instrumentalspiels fort. Der weiblichen Präferenz für das Singen steht die Tatsache gegenüber, dass die männlichen Musizierenden zu 92,8 Prozent ein Instrument spielen, während es bei den weiblichen nur 75,9 Prozent sind (bei den musizierenden Kindern ist das Geschlechterverhältnis mit jeweils 96 Prozent ausgeglichen). Geht es dann um die Frage der konkreten Instrumentenwahl, zeigt sich, dass Instrumente bzw. Instrumentengattungen noch immer stark mit Gender-Klischees belegt zu sein scheinen: Männliche Personen wählen häufiger elektronische Instrumente als weibliche, bevorzugen Instrumente aus der Popularmusik (z. B. E-Gitarre oder Keyboard) oder spielen ein Blechblasinstrument. Auch beim Spielen in einer Band scheint es sich um eine Männerdomäne zu handeln, bei der möglicherweise Rollenvorbilder aus der Pop- und Rockmusik Einfluss haben. Mädchen und Frauen hingegen entscheiden sich für Blockflöte, Klavier oder ein Streichinstrument (wobei die letztgenannte Gruppe in quantitativer Hinsicht insgesamt marginal ist).

Lieblingsinstrumente

Die „Hitliste“ der beliebtesten Instrumente wird von Klavier, Blockflöte und Gitarre angeführt. Dabei dürfte sich der prominente Platz des Klaviers nicht zuletzt aus seiner langen Tradition im häuslichen Musizieren erklären. Dies hat zu einer hohen Dichte der Infrastruktur rund um das Instrument geführt mit vielfältigen Unterrichtsangeboten, Lehrwerken und Klavierhäusern mit ausgefeilten Leasing-Angeboten, welche den Beginn auf dem Instrument – trotz des Anschaffungsaufwands – erleichtern. Hinzu kommt, dass das Klavier wie kaum ein anderes Instrument stilistisch ungebunden ist und sowohl für das schlichte Nachspielen des jeweiligen Lieblingssongs, für ein freies ungebundenes Improvisieren als auch für elaborierte pianistische Zielsetzungen Raum lässt. Die letztgenannten Kriterien gelten auch für die Gitarre, die durch ihre Mobilität und ihre vielfältigen Einsatzmöglichkeiten (etwa als Begleitung zum Singen) das ideale Instrument für anlassgebundene Musiziersituationen darstellt. Die Popularität der Blockflöte lässt sich durch die rasche Erlernbarkeit der elementaren Anfangsgründe und die preiswerten Anschaffungskosten erklären, wodurch sie zu einem bevorzugten Einstiegsinstrument wird.

Bei der Wahl der Instrumente spielen neben geschlechtstypischen auch milieubedingte bzw. regionale Faktoren eine Rolle. So werden überall dort, wo es im ländlichen Raum eine Tradition der Musikvereine bzw. der kirchlichen Posaunenchöre gibt, verstärkt Blasinstrumente anzutreffen sein, während das Spielen von Streichinstrumenten eher dort auftreten dürfte, wo Menschen mit einem hohen sozioökonomischen Status leben. Ebenfalls nicht vergessen werden sollte, dass durch Globalisierung und Migration der traditionelle Bestand an Instrumenten mittlerweile deutlich erweitert ist. So können Instrumente wie Oud, Bağlama oder Saz in bestimmten Regionen oder Ballungszentren durchaus eine Häufigkeit besitzen, die an die „klassischen“ populären Instrumente heranreicht. Nicht zuletzt durch die Zunahme der kulturellen Vielfalt haben sich Genres, Repertoires und Gruppen in den letzten Jahrzehnten immer weiter ausdifferenziert und umfassen heute eine riesige Bandbreite von der Stubenmusik bis zu “Crossover”-Projekten transkultureller Ensembles.

Einstiegsalter und Intensität des Musizierens

Für alle Instrumente gilt: Je früher mit dem Spielen begonnen wird, umso intensiver wird es später betrieben. Amateurmusizierende, die täglich oder mehrmals in der Woche musizieren, haben im Durchschnittsalter von 10 Jahren begonnen, während ein späteres Einstiegsalter in aller Regel zu einem weniger intensiven Musizierverhalten führt. Die Orte, an denen mit dem aktiven Musizieren begonnen wurde, sehen dabei in den einzelnen Generationen unterschiedlich aus. Während Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre am häufigsten die Schule, die Musikschule und den Privatunterricht nennen – was deren Relevanz noch einmal unterstreicht – dominieren bei Älteren entweder Ensemblesituationen (wie etwa Chor) oder autodidaktische Lernsettings (Nutzung von Büchern oder Apps, informelles Erlernen durch Kontakt zu Familienmitgliedern oder Freunden). Die große Bedeutung analoger Musizierangebote wird durch die fortschreitende Digitalisierung (noch) nicht in Frage gestellt. Selbst wenn mittlerweile die Möglichkeit gegeben ist, sich die Grundlagen eines Instruments auch ohne Rückgriff auf Angebote von Musikschulen, Vereinen oder Kirchen alleine am häuslichen Bildschirm anzueignen, ist der Prozentsatz derjenigen, die sich ein Instrument mit Hilfe von Apps oder Video-Tutorials selbst beigebracht haben, bislang noch eher gering.

Schichtspezifische und geografische Unterschiede

Obgleich in allen Gesellschaftsschichten musiziert wird, sind schichtspezifische Unterschiede dennoch nicht zu übersehen: So umfasst die Gruppe der musizierenden Menschen mit einem hohen sozioökonomischen Status nahezu das Doppelte (31,3 Prozent) im Vergleich zu Personen mit niedrigem bzw. mittlerem Status (12,7 bzw. 16,9 Prozent). Interessant ist bei dieser Verteilung, dass das Verhalten der Menschen mit mittlerem sozioökonomischen Status in Bezug auf das Musizieren eher demjenigen von Personen mit niedrigem Status entspricht, während Untersuchungen der empirischen Bildungsforschung ansonsten eher zeigen, dass mittlerer und hoher Status eine Einheit bilden. Daraus lässt sich eventuell folgern, dass das Musizieren für Menschen mit mittlerem Status nicht unbedingt den Charakter eines erstrebenswerten Statussymbols besitzt.

Die Korrelation von Musizieren und hohem Status zeigt sich, wenngleich in abgemilderter Form, bereits bei Kindern und Jugendlichen bis 15 Jahre. Auch wenn durch schulische Klassenmusizierprojekte (Streicher- und Bläserklassen) oder Initiativen wie JeKits in den vergangenen Jahren umfassende Teilhabemöglichkeiten geschaffen worden sind, scheint die Ungleichheit der Verwirklichungschancen nach wie vor ein zentrales Problem darzustellen, mit dem sich Bildungspolitik und musikpädagogische Arbeit auch künftig auseinandersetzen muss.

Große Unterschiede lassen sich auch hinsichtlich der Frage erkennen, ob in ländlichen oder städtischen Räumen musiziert wird. So gibt es in urban geprägten Regionen deutlich mehr Bands als auf dem Land. Dort wiederum spielen Vereine eine besonders große Rolle. Dies zeigt sich bspw. im ländlichen Raum Süddeutschlands, wo die Musikvereine mit ihren Ausbildungs- und Verbandsstrukturen gemeinsam mit den Musikschulen eine wichtige Funktion im kulturellen Leben übernehmen. Kaum regionale Unterschiede weist hingegen das Musizieren in der Kirche oder in Chören auf.

Zentrales Fundament des Kulturlebens

Die zentrale Bedeutung all dieser Institutionen für das Amateurmusizieren kann nicht groß genug eingeschätzt werden. Durch Veranstaltungen wie den Deutschen Chor- und Orchesterwettbewerb, die chor.com oder die Tage der Chor- und Orchestermusik werden diese wichtigen Träger musikalischer Arbeit zusätzlich gestärkt. Mit seiner Vielfalt an unterschiedlichsten Musizierorten und Musiziergelegenheiten stellt das Amateurmusizieren ein zentrales Fundament des deutschen Kulturlebens dar, ohne das die ebenfalls beeindruckende Dichte an professionellen Orchestern und Chören nicht zu denken wäre. Nicht umsonst ist es daher von der deutschen UNESCO-Kommission in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Sein Erhalt und seine Pflege stellt eine zentrale Aufgabe und Herausforderung für kulturpolitisches Handeln auf Bundes-, Länder- und Kommunalebene dar.

 

Über den Autor

Wolfgang Lessing ist Professor für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik Freiburg und befasst sich in seinen Forschungen u. a. mit dem Musiklernen in Institutionen. Derzeit leitet er ein Projekt zum Thema "Musikvereine als Orte kultureller Bildung".

 

Stand des Beitrags: 31.5.2021