Vielfalt des Blockflötenklangs

Seit 2007 besteht im mittelfränkischen Wendelstein ein besonderes Orchester, das ausschließlich aus Amateurblockflötist*innen besteht. Bei Konzerten präsentieren bis zu 60 Mitwirkende ein buntes Repertoire von der Renaissance bis heute.

Von Stephan Schwarz-Peters

Ein Probenbesuch kurz vor dem Beginn der Corona-Pandemie: Meist lässt Petra Menzl erst ein paar Tonleitern spielen; diesmal startet die Probe jedoch gleich mit „richtiger“ Musik: „Dance of Joy“, Buchstabe D wie Dora. Das Stück der Berliner Komponistin Sylvia Corinna Rosin (*1965) liegt erst seit Kurzem auf den Pulten, bis zum nächsten Konzert des Blockflöten-Orchesters Wendelstein muss es sitzen. Nach ein paar Takten, die noch etwas dünn und zaghaft daherkommen, schlägt Petra Menzl ab. „Da war schon viel Schönes dabei“, sagt die Orchesterleiterin trocken, „aber wie kriegen wir das noch besser hin?“ „Stützen und Pobacken zusammenkneifen“, lautet die Antwort aus den Reihen der Tenor- und Bassflöten. Beim zweiten Mal läuft es schon viel besser.

Als erfahrene Pädagogin, die im Lauf der Jahre unzählige Blockflöten- und Klavierschüler*innen unterrichtet hat, weiß Petra Menzl genau, wie man Amateure bei der Stange hält. Auch in der Gruppe. Dabei kommt es nicht nur auf präzise Schlagtechnik an, sondern auch auf den richtigen Umgang, den Tonfall, die Motivation. Die Atmosphäre im Raum ist diszipliniert und locker zugleich, auch wenn man mal etwas enger aufeinandersitzt.

Blockflöten in Orchesterstärke

Petra Menzl, die Leiterin von flautississimo (Foto: flautississimo)

„Regulär proben wir einmal pro Woche mit etwa 25 Leuten“, berichtet Petra Menzl, „das sind unsere Stammspieler*innen‘“. Sie bilden den Kernbestand des Ensembles. „Hinzu kommen unsere ‚Dauer-Friends‘, also Orchestermitglieder, die weniger Zeit haben oder weiter weg wohnen und deshalb nicht jede Woche bei uns in Wendelstein vorbeikommen können.“ Für sie veranstaltet Petra Menzl ungefähr einmal im Monat gemeinsame Samstagsproben mit der Stammbesetzung. „Wenn wir alle zusammennehmen, kommen wir auf volle Orchesterstärke“. In der Tat sitzen bei Konzerten des Blockflöten-Orchesters Wendelstein bis zu 60 Personen auf der Bühne. Zumindest von der Anzahl her würde es reichen, eine Brahms-Sinfonie aufzuführen.

Dass sich ein solcher Besetzungsaufwand lohnt, macht das nächste Stück auf dem Probenplan deutlich. Nach dem zeitgenössischen „Dance of Joy“ begibt sich das Ensemble auf Zeitreise in den Frühbarock: Lodovico Grossi da Viadanas „La Cremonese“ fordert zwei Blockflötenchöre, aufgeteilt auf insgesamt acht Stimmen. Hierfür müssen ein paar Plätze getauscht werden. „In unserem Orchester gibt es keine feste Besetzung“, erläutert Petra Menzl. Welche Stimme und damit welche Flötenart, hängt vom Stück ab. Vom Diskant bis in die tiefsten Regionen deckt das Orchester dabei die komplette Klangpalette ab, fast jedes nur denkbare Mitglied der Blockflötenfamilie ist vertreten. Besonderen Eindruck hinterlassen die zwei Subkontrabassflöten, die wegen ihres kantigen Erscheinungsbildes von den Orchestermitgliedern liebevoll „IKEA-Bass“ genannt werden.

Petra Menzl hat diese Instrumente aus eigenen Mitteln finanziert. „Im Grunde genommen ist das Orchester ein teures Hobby.“ Das stimmt – vor allem, wenn man bedenkt, dass eine Subkontrabassflöte im Schnitt mit 5.000 Euro zu Buche schlägt. Kann man dieses Geld jemals wieder reinbekommen? „Natürlich sind keine großen Gewinne zu erwarten“, sagt Petra Menzl, „ich bekomme ein monatliches Honorar von den Orchestermitgliedern, derzeit 33 Euro von den Stammspier*innen und zwölf Euro von unseren ‚Dauer-Friends‘.“

Anders als die meisten Amateurgruppierungen ist das Blockflöten-Orchester Wendelstein kein Verein. Die eher lose Struktur geht zurück auf die Anfangsjahre, in denen Petra Menzl erstmals ein Blockflötenensemble auf die Beine stellte, das aus gerade einmal sechs Mitgliedern bestand. „Vier Kinder, die bei mir Unterricht hatten, und zwei Mütter“, erinnert sie sich, „aber die Idee eines richtigen Blockflötenorchesters war schon von Anfang an da.“ Anstoß hierfür gab die Arbeit des Dirigenten und Komponisten Dietrich Schnabel, der bereits vor Jahrzehnten ähnliche Projekte initiiert hatte. Petra Menzl lernte ihn Anfang der Nullerjahre bei einem Aufenthalt an der Bayerischen Musikakademie Hammelburg kennen. „Der Aufbau unseres Orchesters war dann eine Art ‚schleichender Prozess‘, es kamen einfach immer mehr Spieler*innen dazu,“ berichtet sie. Als offizielles Gründungsjahr gibt sie das Jahr 2007 an.

Nicht flautissimo sondern flautississimo

Solistinnen beim Konzert "flautississimo & friends" in der Freien Waldorfschule in Wendelstein 2018 (Foto: flautississmo)

Seitdem trägt der Klangkörper die offizielle Bezeichnung Blockflöten-Orchester Wendelstein. Dieser beziehe sich, so Petra Menzl, aber hauptsächlich auf die montags probenden Stammmitglieder. Für das um die Wochenend-Spieler*innen erweiterte Gesamtensemble suchte sie nach etwas Griffigerem. „Ich dachte zuerst an ‚flautissimo‘“, sagt sie. „Das gab es aber schon wie Sand am Meer. Also habe ich mich für die Steigerung entschieden.“ Für die Steigerung der Steigerung nämlich: Wenn das Orchester heute bei Konzerten seine geballte, auf 60 Musiker*innen verteilte Blockflötenpower aufs Publikum loslässt, firmiert es unter dem (patentierten) Namen „flautississimo“. „Allerdings ist die Abgrenzung zwischen dieser Bezeichnung und ‚Blockflöten-Orchester Wendelstein‘ nicht so strikt“, sagt Petra Menzl. „Alle sind flautississimo.“ Auch die Jugend-Ensembles, Spieler*innen mit zwei bis sieben Jahren Unterrichtserfahrung, die bei Konzerten mit auf der Bühne stehen.

Was beim Blick in die Orchesterreihen besonders ins Auge springt: Der Frauenanteil ist extrem hoch. Deutlich weiter gespannt ist die Verteilung der Altersgruppen. Hier trifft Jung auf Alt, die 20-jährige Studentin auf die 80-jährige Rentnerin. Das soziale Gefüge innerhalb einer so heterogenen Gruppe im Gleichgewicht zu halten, ist kein Problem, wenn man die richtigen Leute beisammenhat. Natürlich verlangt Petra Menzl von ihren Orchestermitgliedern ein Grundmaß an Können. Wichtiger als die technisch-musikalischen Fähigkeiten aber ist, dass Interessierte in die Gemeinschaft passen. „Bisher habe ich alle genommen, die die sich als motiviert, aufgeschlossen, tolerant und unternehmungslustig erwiesen haben. Das hat sehr gut funktioniert.“

Neben der Bereitschaft, sich in die Gruppe einzuordnen und nicht immer nur die Hauptstimme spielen zu wollen, zeichnen sich die Orchestermitglieder durch großes Engagement aus. Um montags bei den Proben in Wendelstein mitmachen zu können, nehmen viele von ihnen – oft nach anstrengenden Arbeitstagen – weite Anfahrten in Kauf. Zwar stammen einige direkt aus dem Ort und aus der nahe gelegenen Metropole Nürnberg. Nicht wenige jedoch sind bis zur Corona-Krise aus Erlangen und sogar aus dem 45 Minuten entfernten Ansbach angereist. Bei den Samstagsproben ist der Radius noch größer und reicht bis Coburg, Würzburg und selbst München.

Zeitgenössische Kompositionen und Uraufführungen

Blockflötensinfonie von flautississimo und dem Berliner Blockflöten Orchesters mit 90 Spieler*innen im Nürnberger Heilig-Geist-Saal (Foto: flautississimo)

„Nicht nur in Bayern, sondern allgemein ist das Angebot an Ensembles wie diesem recht überschaubar“, sagt Petra Menzl. Insgesamt, schätzt sie, gebe es deutschlandweit vielleicht 20 Orchester mit vergleichbarer Struktur und Größe. Mit einigen von ihnen pflegt die engagierte Orchesterleiterin einen engen musikalischen Austausch. So hatten sich etwa zu Beginn des Corona-Jahrs 2020 die Wendelsteiner mit dem Berliner Blockflöten Orchester zusammengetan, um auf Einladung der Hochschule für Musik Nürnberg ein gemeinsames Konzert zu geben. Vor einem brechend vollen Auditorium präsentierte das fränkisch-märkische Doppelensemble im Nürnberger Heilig-Geist-Saal die unglaubliche Vielfalt des Blockflötenklangs – und die des Repertoires, das an diesem Abend von Händel über Glenn Miller bis hin zu Gustav Mahler und Ravels „Bolero“ reichte.

„Neugier ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um bei uns mitspielen zu können“, sagt Petra Menzl, die immer wieder auch zeitgenössische Stücke aufs Programm setzt. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Komponisten, die Stücke für das Orchester aus Wendelstein geschrieben haben. Einige dieser Werke sind auch auf den vier CDs dokumentiert, die das Orchester im Laufe der Jahre veröffentlicht hat. Sogar ein musikalischer Blockflötenkrimi ist darunter. Ihn hat der mittlerweile verstorbene US-Schweizer Allan Rosenheck (1938–2018) für die Wendelsteiner komponiert. „Wir können ja nicht nur die Klassiker einstudieren“, sagt Petra Menzl, bevor sie den Taktstock zum Einsatz nach der Probenpause hebt. Und deshalb werden sich die Spieler*innen auch weiterhin mit Flatterzunge und anderen ungewöhnlichen Spieltechniken auseinandersetzen müssen: Uraufführungen werfen ihre Schatten voraus.

 

Stand des Beitrags: 10.6.2021