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Joshua Rifkin, Preisträger des Europäischen Kirchenmusikpreises 2020
Joshua Rifkin, Preisträger des Europäischen Kirchenmusikpreises 2020 (Foto: Jan Kobel)

31. Januar 2020

Preis der Europäischen Kirchenmusik 2020 geht an Joshua Rifkin

Der US-amerikanische Musikwissenschaftler, Dirigent, Cembalist und Pianist Joshua Rifkin erhält den Preis der Europäischen Kirchenmusik 2020. Die Stadt Schwäbisch Gmünd ehrt ihn mit dieser Auszeichnung für seine großen Verdienste um die geistliche Musik. Rifkin zählt international zu den bedeutendsten Alte-Musik-Interpreten mit Schwerpunkt Johann Sebastian Bach. Sein musikalisches Interesse ist aber nicht auf Bach begrenzt: Es reicht von der frankoflämischen Vokalpolyphonie über Händel bis Strawinsky, von Monteverdi und Schütz bis Joplin. Ob Alte Musik oder Neue Musik – für Joshua Rifkin steht die historische Wahrhaftigkeit im Mittelpunkt seiner Forschung und Aufführungspraxis. Er möchte das Wesen der Dinge erfassen und mit seiner ansteckenden Leidenschaft verlebendigen. Oberbürgermeister Richard Arnold verleiht die Auszeichnung im Rahmen des Festivals Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd (15. Juli bis 9. August) am Samstag, 25. Juli, um 20 Uhr in der Augustinuskirche. Das Festkonzert gestaltet der Preisträger mit seinem weltbekannten „Bach Ensemble“. Zur Aufführung kommen die Bach-Motetten BWV 225-229. Der Kartenvorverkauf beginnt am Freitag, 27. März.

Joshua Rifkin, 1944 in New York geboren, hat Komposition an der Juilliard School of Music, Musikwissenschaft an der New York University, an der Universität Göttingen sowie an der Princeton University studiert. Anfang der 1960er Jahre reiste er als Student zu den Darmstädter Ferienkursen, weil ihn damals neben Bach, Schütz und dem klassischen Repertoire vor allem die Avantgarde interessierte. In Vertretung für Pierre Boulez wurde der Kompositionskurs von Karlheinz Stockhausen geleitet, den Rifkin später in New York näher kennenlernte: „In New York wie in Europa eine fantastische Zeit: Bildende Kunst, Rockmusik, Neue Musik oder die Anfänge der historischen Aufführungspraxis – überall Aufbruch und Bewegung“, blickte Rifkin 2012 in einem Interview auf diese prägende Zeit zurück. Während seiner Jahre in Göttingen, damals Sitz des Neuen Bach-Instituts, die Rifkin zum Subskribenten der Neuen Bach-Ausgabe machte, zeichnete sich seine Laufbahn als Bach-Forscher ab. 1978 gründete er in New York das „Bach Ensemble“, das ihm die Möglichkeit eröffnete, Ergebnisse seiner Forschungen klanglich umzusetzen. 1981 war Rifkin der erste Musikwissenschaftler, der glaubhaft belegte, dass die gesamte Vokalmusik Johann Sebastian Bachs (Kantaten, Messen, Passionen, Oratorien, Motetten etc.) für eine Besetzung mit Einzelstimmen gedacht und geschrieben wurde. Damit brach er radikal mit einer Interpretationstradition, die durch die romantische Vorstellung Felix Mendelssohn Bartholdys und das Ideal des 19. Jahrhunderts geprägt war. Rifkins These stieß in der musikalischen Öffentlichkeit zunächst auf Unverständnis und Ablehnung. Mit der Jahrtausendwende aber hat sich die „Rifkin-Methode“, wie sie in Japan genannt wird, zu einer fundierten Aufführungspraxis etabliert. Maßgeblich unterstützt wurde der Forschungsansatz von Rifkins Kollegen Andrew Parrott, Sigiswald Kuijken und Paul McCreesh.

Zwischen 1970 und 1982 lehrte Joshua Rifkin als Professor an der Brandeis University, als Gastdozent auch in Harvard und Yale. Seit 2003 ist er Professor für Musik, Musikwissenschaft und Musikethnologie an der Boston University. Daneben arbeitet er als Pianist, Cembalist und Dirigent mit Orchestern und Ensembles in aller Welt. Sein internationaler Erfolg lässt sich auf eine Vielzahl gefeierter Konzerte sowie mehrfach preisgekrönter Einspielungen zurückführen. 1999 wurde Joshua Rifkin die Ehrendoktorwürde der Universität Dortmund zuteil, 2013 erhielt er die Lichtenberg-Medaille als höchste Auszeichnung der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und 2014 die Ehrendoktorwürde der Musikakademie Krakau. Die „Süddeutsche Zeitung“ bezeichnete ihn jüngst als den „vielleicht größten Radikalen unter den Dirigenten“ – eine Bereicherung für die Musikwissenschaft und Musikpraxis.

Der Preis der Europäischen Kirchenmusik ist mit 5.000 Euro dotiert. Seit 1999 zeichnet er hochrangige Interpreten und Komponisten für wegweisende Leistungen im Bereich der Geistlichen Musik aus. Zu den bisherigen Preisträgern gehören die Komponisten Petr Eben, Sofia Gubaidulina, Klaus Huber, Arvo Pärt, Younghi Pagh-Paan, Krzysztof Penderecki, Wolfgang Rihm, John Rutter, Dieter Schnebel, Sir John Tavener und Hans Zender. Zu den Geehrten gehören ferner die Dirigenten Frieder Bernius, Marcus Creed, Eric Ericson, Hans-Christoph Rademann und Helmuth Rilling, der Organist Daniel Roth, der Kammersänger Peter Schreier, der Musikwissenschaftler, Dirigent und Komponist Clytus Gottwald, der Gregorianik-Experte Godehard Joppich und der Thomanerchor Leipzig. In diesem Jahr wird der Preis der Europäischen Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd zum 22. Mal verliehen.

Quelle: https://www.schwaebisch-gmuend.de/startseite.html