Mit Musik zum Lernerfolg

Viele Kinder machen mit Begeisterung Musik. Gemeinsames Singen und Tanzen führt zu einer guten Unterrichtsatmosphäre und kann damit den Lernerfolg von Grundschüler*innen wesentlich befördern. Wie dies in der Praxis ohne ausgebildete Musiklehrkräfte gelingt, berichtet Andrea Winkelmann, Rektorin der Grundschule von Bad Hönningen in Rheinland-Pfalz.

MIZ: Sie sind Rektorin der Grundschule von Bad Hönningen in Rheinland-Pfalz. Welche Rolle spielt Musik an Ihrer Schule?

WINKELMANN: Musik spielt eine ganz große Rolle an unserer Schule und ist ein fester Bestandteil des Schullebens und des täglichen Unterrichts. Nicht nur in den Musikstunden, auch in allen anderen Fächern kommt Musik täglich mehrfach zum Einsatz. Außerdem bieten wir AGs in der Ganztagsschule an, in denen gemeinsam auf Instrumenten musiziert, Hiphop getanzt und gesungen wird. Es gibt immer wieder musikalische Events, wir holen die Oper in die Schule, wir besuchen Musiktheater, Musiker von der Philharmonie in Koblenz kommen her und stellen Instrumente vor, und wir haben eine Kooperation mit dem Musikverein, der ebenfalls Instrumente vorstellt oder mit den Kindern kleine Musikstücke einübt.

Musikalität ist ein Ausdruck von Lebensfreude und von Gemeinschaftsgefühl und das ist unserem Lehrerteam ganz besonders wichtig. Musik hören, Musik spüren, Musik in Bewegung umsetzen, Musik machen und etwas über Musik erfahren sind wesentliche Bestandteile unserer Arbeit. Damit fördern wir das Sozialverhalten, die Sprachentwicklung, die Konzentrationsfähigkeit, die Emotionalität und die Lernfähigkeit. Gute Laune und positive Atmosphäre unterstützen Lern- und Entwicklungserfolge bei Kindern und dazu trägt Musik auf jeden Fall bei.

MIZ: Welche Bedeutung hat Musik für die Strukturierung des schulischen Alltags?

WINKELMANN: Grundsätzlich ist der Unterricht in der Grundschule rhythmisiert. Natürlich haben wir Stundentafeln, die wir bedienen müssen, d. h. Fächer sind mit einer bestimmten Stundenzahl zu belegen, so auch das Fach Musik. Aber die Rhythmisierung bedeutet, dass auch in allen anderen Fächern ganz viel mit Musik gemacht wird. Wir beginnen schon den Schulmorgen mit einem Lied, es gibt Klassenlieder mit Bewegung, und es wird immer wieder gesungen und Musik gehört. Außerdem gibt es kurze Einspielungen von bestimmten Musiken, die den Kindern anzeigen, dass sie etwas tun sollen, z. B. sich versammeln, die Sachen wegpacken oder in eine Stillarbeitsphase gehen.

MIZ: Machen Sie die Musik selbst oder spielen Sie sie ein?

WINKELMANN: Wir haben viel vom Band, da gibt es sehr gute Anbieter, aber es wird immer gemeinsam dazu gesungen. Wenn ich Musikunterricht mache oder in der Klasse bin, spiele ich selbst Gitarre und singe mit den Kindern.

Wir haben auch Mitsingmorgen und Feiern im Jahreskreis, die fester Bestandteil des Schullebens sind, dazu gehören z. B. Advents- und Faschingsfeiern, Sankt Martin oder ein großes Mitsingevent mit alten und modernen Weihnachtsliedern am Tag vor den Weihnachtsferien. Wir haben ein eigenes Liederheft der Schule, das immer wieder ergänzt wird und in dem sowohl traditionelle als auch neue Lieder stehen.

MIZ: Wie ist Ihre Schule für den Musikunterricht ausgestattet?

WINKELMANN: Wir haben einen eigenen Musikraum, Musikbücher im Klassensatz, viele Instrumente für die Schülerhand und das sind nicht nur die bekannten Orff-Instrumente, sondern z. B. auch Cajons und Boomwhackers sowie Trommeln und zwei Klaviere. Unsere Lehrerbibliothek ist ebenfalls gut ausgestattet, und selbst für fachfremd unterrichtende Lehrer gibt es Material und Tonträger, mit denen man schnell eine gute Musikstunde in allen Klassenstufen durchführen kann.

MIZ: Wer unterrichtet neben Ihnen Musik an der Schule?

WINKELMANN: Wir haben keine ausgebildeten Musiklehrer – die sind tatsächlich Mangelware, genauso wie ausgebildete Sportlehrer. Wenn ich neue Kolleginnen oder Kollegen zugewiesen bekomme, geht es meist um eine Klassenleitung, da spielt das Fach eine untergeordnete Rolle.

Alle, die früher Lehramt für Grund- und Hauptschule studiert haben und als sogenannte „Zehnkämpfer“ ausgebildet sind, haben auch eine Grundausbildung in Musik. In der jetzigen Grundschullehrerausbildung spielt das auch eine Rolle, wenngleich eine geringere. Grundsätzlich sollte jeder Grundschullehrer und jede Grundschullehrerin alle Fächer unterrichten können. Über den Unterrichtseinsatz entscheidet der Schulleiter.  Bei uns zum Beispiel gilt, dass nur Leute, die in Sport ausgebildet sind, auch Sport unterrichten dürfen, gleiches gilt für das Fach katholische Religion.

Musik unterrichten in den Klassenstufen 1, 3 und 4 die Klassenlehrer, in Klassenstufe 2 unterrichte ich die beiden Klassen. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben eine musikalische Grundausbildung im privaten Bereich genossen, d. h. sie können ein Musikinstrument spielen, Noten lesen und manchmal auch ganz passabel singen. Das Wichtigste ist aber, dass die Kollegen selbst Freude und Interesse an Musik haben. Das ist schon die halbe Miete für eine gelingende Vermittlung des Unterrichtsstoffes.

MIZ: Haben die Kolleginnen und Kollegen auch Fortbildungen gemacht, um sich für den Musikunterricht weiter zu qualifizieren?

WINKELMANN: Es gibt einiges an Zusatzausbildungen und immer wieder auch Fortbildungen und zwar vom Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz, vom Institut für Lehrerfortbildung, von den Verlagen, deren Musikbücher wir benutzen, und von der Landesmusikakademie in Neuwied. Darüber hinaus haben wir viele Bücher und Tonträger sowie Tanz-DVDs mit moderner und kindgerechter Musik und guten Unterrichtsvorschlägen. Außerdem haben wir eine Musikzeitschrift abonniert, die Unterrichtsmaterialien und eine sogenannte Hybrid-CD bietet. Mit ein paar Vorkenntnissen kann man die Sachen eins zu eins verwenden.

MIZ: Erfolgen die Fortbildungen im Bereich Musik auf freiwilliger Basis?

WINKELMANN: Grundsätzlich ist jede Lehrkraft nach den landesrechtlichen Vorschriften in Rheinland-Pfalz zur Fortbildung verpflichtet. Aber man kann keinen zwingen. Es gibt Vorlieben für Fächer, und wenn jemand völlig unmusikalisch ist und mit Musik nichts anfangen kann, ist es nicht sinnvoll, so jemanden im dem Fach einzusetzen. Ich will ja, dass bei den Kindern etwas ankommt und sie nicht am Ende womöglich keine Lust mehr auf Musik haben.

Jedes Jahr steht uns ein ganztägiger Studientag zu, bei dem das Lehrerkollegium das Thema selbst wählen kann. Dafür holen wir uns eine Fortbildung ins Haus, an der jeder teilnehmen muss. Vor einiger Zeit hatten wir das Thema „Musik fachfremd unterrichten“. Da hat uns ein Dozent ein Repertoire an Musikstücken und Liedern in Kombination mit einer CD vorgestellt und uns gezeigt, wie man sehr schnell und effektiv mit Kindern musizieren kann.

Unser Kollegium bildet sich außerdem in den wöchentlichen Dienstbesprechungen weiter. Ich hole dafür Referenten ins Haus, die über verschiedene Themen moderieren. Bewegung, Tanz, Musik allgemein sind da immer wieder dabei. Auf diese Art und Weise muss keiner aus dem Haus und seine Klasse einem anderen Lehrer überlassen, denn für die Teilnahme an einer Fortbildung muss Vertretungsunterricht geplant werden. So haben alle Kolleginnen und Kollegen etwas davon und bilden sich weiter.

Es wäre natürlich eine Maßnahme, verpflichtende Fortbildungen in der unterrichtsfreien Zeit anzusetzen, also in den Ferien. Denn in den Ferien haben Lehrer unbesehen ihrer gesetzlich vorgeschriebenen Urlaubszeit von 30 Arbeitstagen zwar unterrichtsfrei, aber nicht dienstfrei. Diese Zeit müssen sie für Unterrichtsplanung sowie Unterrichtsnachbereitung, Korrekturen etc. verwenden und grundsätzlich auch ihrem Dienstherrn zur Verfügung stehen. Es gibt bereits viele Fortbildungen auf freiwilliger Basis, die in den Ferien stattfinden und auch Bestrebungen, Fortbildungen in den Ferien verpflichtend anzusetzen, aber es hapert noch an der Umsetzung.

MIZ: Gibt es auch schulinterne Fortbildungen?

WINKELMANN: Ja, das findet bei uns in den Fachkonferenzen statt. Jede Schule führt solche Konferenzen durch, und es gibt immer eine Lehrkraft, die für ein bestimmtes Fach zuständig ist. Für das Fach Musik bin ich das an unserer Schule. Ich pflege z. B. die Lehrmaterialien und kümmere mich um die Anschaffung und die Unterbringung von Instrumenten sowie die Organisation von musikalischen Events oder den Besuch von außerschulischen musikalischen Lernorten.

Bei den Fachkonferenzen werden z. B. neue Lehrmaterialien und Fortbildungsmöglichkeiten vorgestellt, und wir sprechen über Neuanschaffungen von Musikinstrumenten oder Tonträgern. Außerdem geht es um Möglichkeiten der Leistungsbeurteilung im Musikunterricht.

MIZ: Welche Möglichkeiten bestehen, Fachkräfte bspw. für den Instrumentalunterricht von außen zu holen?

WINKELMANN: Das ist eine Möglichkeit, die wir im Bereich der Ganztagsschule haben. Hier kann ich über Honorarverträge Leute einkaufen. Wir hatten sehr lange Klavierunterricht von einer Musikpädagogin, die bei uns auch in der Betreuung arbeitet, und Gitarrenunterricht von einem Gitarristen, der eine private Musikschule leitet. Außerdem gibt es bei uns einen professionellen Hiphop-Tänzer, der auch in einer Tanzschule arbeitet sowie ab und zu Leute, die z. B. Gardetanztruppen trainieren.

Das Problem ist jedoch die Bezahlung, denn wir haben eine Budgetgrenze. Zudem möchten die Leute nicht nur für eine Stunde am Nachmittag kommen, denn sie haben in der Regel auch andere besser bezahlte Stellen und oft einen weiten Anfahrtsweg.

MIZ: Was müsste sich denn für ein besseres musikalisches Angebot im Ganztag ändern?

WINKELMANN: Als erstes müssten wir mehr bezahlen und die Leute für einen ganzen Nachmittag verpflichten können. Zurzeit sieht unsere Struktur an drei Wochentagen neben Hausaufgaben, Freizeit und Essen nur eine AG-Stunde vor und allein für die bekomme ich niemanden, weil das für Honorarkräfte nicht attraktiv ist.

Ich würde den Leuten gerne anbieten, einen ganzen Nachmittag hier zu arbeiten, das geht aber nicht, weil man Honorarverträge nur für maximal sechs Wochenstunden abschließen kann und das auch nicht für alle Tätigkeiten.

Als letzte Schwierigkeit kommt hinzu, dass sich viele Kinder am Nachmittag nicht mehr konzentrieren können, da sie schon einen ganzen Tag Schule hinter sich haben und verständlicherweise am liebsten nur noch spielen oder sich ausruhen möchten. Sie jetzt noch für das Erlernen eines Instruments zu begeistern, ist schwierig. Gerade Leute, die keine pädagogische Ausbildung haben, kommen mit dem „Null-Bock“-Verhalten vieler Kinder schlecht zurecht, was einer der Gründe dafür ist, dass ich Leute für den Musikunterricht im Ganztag verliere.

MIZ: Welche anderen Möglichkeiten der musikalischen Bildung nutzen Sie?

WINKELMANN: Ich organisiere als Fachleiterin immer wieder musikalische Events. Vor einiger Zeit haben wir z. B. an einem Samstag einen musikalischen Projekttag mit der ganzen Schule durchgeführt, „Marienschule sucht den Superstar“. Ausgehend von jahrgangsgemischten Workshops, in denen die Kinder z. B. Trommeln, Tanzen, Ukulele spielen oder Gospel singen lernen konnten, haben wir vor vielen Eltern in einer großen Halle einen Wettbewerb in den Kategorien Einzelgesang, Instrumental und Tanz durchgeführt. Eine Jury aus Musikpädagogen der Nachbarrealschule, hauptberuflichen Musikern, einem Tänzer und dem Bürgermeister hat dann in jeder Kategorie einen „Superstar“ gekürt. Das war eine ganz großartige Geschichte und unglaublich motivierend für alle Schülerinnen und Schüler.

Neben solchen Events gehen wir auch regelmäßig in die Oper. Wir waren schon in der Kinderoper in Köln oder haben Musicals im Jungen Theater Bonn gesehen. Seit einigen Jahren kommt auch die TourneeOper Mannheim zu uns, die das ganz großartig macht. Es wird ein Bühnenbild aufgebaut, und zwei Opernsänger stellen den Kindern ein Stück vor, das meistens eine Mischung aus vielen klassischen Opern ist und eine kindgerechte Thematik hat. Vorher bekommen wir eine Unterrichtsmappe und eine CD mit Mitsingliedern, die wir einstudieren, sodass die Kinder aktiv mitmachen können.

MIZ: Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie, damit man über Events und AGs hinaus einen regelmäßigen Musikunterricht anbieten kann?

WINKELMANN: Die Grundschullehrkräfte müssen breiter ausgebildet werden. Es muss noch mehr der Fokus auf das Fach Musik gelegt werden. Ganz früher war es so, dass Grund- und Hauptschullehrer ein Instrument spielen können mussten. Das war aber schon zu meiner Zeit anders, und ich habe vor 26 Jahren mein Referendariat abgeschlossen. Dabei wäre es wichtig, dass Grundschullehrer ein Instrument spielen können. Wenn ich mit den Kindern singe und dabei Gitarre spiele, kann ich die Kinder wirklich begeistern. Meine Gitarre hat einen Namen, sie wird begrüßt, wenn sie aus ihrem Koffer kommt, die Kinder lieben diese Gitarre und haben einen Heidenspaß, wenn wir zusammen musizieren.

MIZ: Sollte man bei einem Mangelfach wie Musik auf das Klassenlehrerprinzip verzichten und auf das Fachlehrerprinzip zurückgreifen?

WINKELMANN: Grundsätzlich soll ein Klassenlehrer in seiner Klasse so viel Unterricht wie möglich geben, um die persönliche Bindung zu den Kindern herzustellen und eine pädagogische Kontinuität sicherzustellen. Wenn wir jedoch eine ausgebildete Fachkraft für Musik hätten, könnten wir die auch einsetzen. Wir haben ja auch jetzt schon Fachunterricht z. B. in Sport, Schwimmen und katholischer Religion.

Aber man müsste den Fokus darauf legen, dass sich mehr Menschen in dem Bereich ausbilden lassen. Die Lehramtsstudenten müssten breit aufgestellt werden. Wir alle wissen, wie wichtig Musik für die menschliche Entwicklung und das menschliche Zusammensein ist, also müsste man da qualifizierter ausbilden und schlussendlich auch mehr Geld in die Hand nehmen.

Andrea Winkelmann

Andrea Winkelmann ist Rektorin der Marienschule Bad Hönningen, einer Grundschule und Ganztagsschule in Angebotsform in Rheinland-Pfalz. Sie studierte Lehramt für Grund- und Hauptschule an der Universität Koblenz-Landau, arbeitete mehrere Jahre als Klassenlehrerin und übernahm dann die Schulleitung an der Grundschule in Leubsdorf und schließlich 2011 in Bad Hönningen. Neben Unterricht und administrativen Tätigkeiten obliegt ihr an der Schule die Fachleitung Musik.


Das Interview mit Frau Winkelmann führte Dr. Karin Stoverock, Referentin des MIZ, am 28. Februar 2020.



Foto: privat