Unterrichtsausfall löst Abwärtsspirale aus

Wer als Kind keine musikalischen Grundlagen erhält, musiziert weniger, wählt nicht so häufig Musik als Leistungskurs, studiert kaum Musik auf Lehramt und besucht wenig klassische Konzerte. Der Präsident des Bundesverbandes Musikunterricht, Michael Pabst-Krueger, zeigt die gesellschaftlichen Folgen des Ausfalls von qualifiziertem Musikunterrichts an Grundschulen auf.

MIZ: Die Grundschulen sollen heute vieles vermitteln: Lesen, Schreiben und Rechnen, gutes Sozialverhalten, gesunde Ernährung, den Umgang mit dem Computer. Warum sollte hier auf jeden Fall auch Musik dazugehören?

PABST-KRÜGER: Die Grundschule ist die einzige Schulart, in der alle Kinder gemeinsam Musikunterricht erhalten, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft oder ihres familiären Hintergrunds. Aufbauend auf vorschulischen musikalischen Erfahrungen erfüllt der Musikunterricht dort die wichtige Funktion, das kindliche Bedürfnis nach Auseinandersetzung mit der musikalischen Umwelt aufzugreifen, musikalische Betätigung zu ermöglichen und dadurch die Grundlage für musikalische Bildung zu schaffen.

Außerdem verfügen Kinder im Grundschulalter noch über eine sogenannte „Offenohrigkeit“, das heißt, sie haben ein viel breiteres Spektrum an Zugängen zur akustischen Welt und zu ganz unterschiedlichen Musiken, was in späteren Lebensphasen nicht mehr in demselben Maße vorhanden ist. Daher können die Grundlagen für musikalische Bildung am besten in dieser Zeit geschaffen werden.

MIZ: Welche soziale Funktion hat Musik im schulischen Kontext?

PABST-KRÜGER: Musik ist eine hervorragende Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam in Aktion zu bringen. Zudem belegen Studien, dass auch kognitive Fähigkeiten wie das Konzentrationsvermögen verbessert werden. Vor allem sollten wir aber immer auch den Bereich der kulturellen Bildung im Auge behalten, weil die sozialen Funktionen – die sogenannten Sekundäreffekte – prinzipiell auch durch andere Aktivitäten wie bspw. Sport erfüllt werden können. Daher dürfen kulturelle Bildung und musikalische Bildung in den Schulen nicht marginalisiert werden, denn sie gehören zur Allgemeinbildung. Sie anderen Zielsetzungen bspw. im Rahmen der MINT-Diskussion zu opfern, führt dazu, dass die allgemein bildende Schule ihrem gesellschaftlichen Auftrag nicht mehr gerecht wird.

MIZ: In der Grundschule sind viele Klassen heute durch eine große Heterogenität der Schülerschaft geprägt. Wie kann der Musikunterricht darauf reagieren?

PABST-KRÜGER: Einerseits bieten gerade der Musikunterricht und das gemeinsame Musizieren durch die große Vielfalt an Zugangsweisen und verschiedenen Aufgaben in gemeinsamen Aktionen große Potenziale zum Einbezug sehr unterschiedlicher Menschen bezüglich Vorbildung, musikalischer Erfahrungen und Interessen, Motivation usw. Andererseits kann man heutzutage gar nicht mehr eindeutig zuordnen, welchen kulturellen Hintergrund eine Schülerin oder ein Schüler hat: Hat ein Schüler, der in Hamburg geboren wurde, einen mitteleuropäischen klassischen musikalischen Hintergrund? Oder bringt jemand, der als Migrant zu uns kommt, einen Hintergrund mit, der durch die Volksmusik seines Heimatlandes geprägt ist? Die Forschung und auch die Erfahrung zeigen, dass dies nicht der Fall ist, sondern dass es sich in der Regel um kulturelle Mischformen handelt. Dies müssen wir im Unterricht aufgreifen und dabei Musiken der unterschiedlichsten Kulturen einbeziehen.

MIZ: Die jüngst erschienene Studie „Musikunterricht in der Grundschule“ weist auf ein starkes Defizit an ausgebildeten Musiklehrkräften hin. In manchen Bundesländern erhält jedes zehnte Schulkind gar keinen Musikunterricht und es gibt einen hohen Anteil an fachfremd erteilten Schulstunden. Was sind die Hintergründe, die zu dieser Situation geführt haben?

PABST-KRÜGER: Die Situation ist von Bundesland zu Bundesland verschieden, aber es gibt einige übergreifende Hintergründe. Zunächst einmal führt das Klassenlehrerprinzip in den Grundschulen dazu, dass selbst die vorhandenen Musiklehrkräfte vielfach nur wenige Musikstunden geben. Oftmals unterrichten sie Musik nur in ihrer eigenen oder in wenigen anderen Klassen. Außerdem gibt es insgesamt viel zu wenige Musiklehrer an den Schulen.

Auch die Ausbildung ist ein Problem, denn es werden viel zu wenig Grundschullehrkräfte in Musik ausgebildet. Das liegt vor allem an der Attraktivität der Lehramtsstudiengänge für weiterführende Schulen, denn musikaffine junge Menschen, die Musik auf Lehramt studieren wollen, haben dort wesentlich mehr musikalische Bildungsangebote und Entfaltungsmöglichkeiten. Im Studium für das Grundschullehramt ist der musikalische Anteil dagegen relativ gering, da die Erziehungswissenschaften und die anderen Fächer den überwiegenden Teil des Studiums ausmachen. Daher wechseln viele Studierende, die ein Studium Musik für das Grundschullehramt begonnen haben, nach einigen Semestern zum Studium für weiterführende Schulen. Ein weiterer Grund hierfür ist die bessere Bezahlung im Lehramt an weiterführenden Schulen.

Auch die schon vor längerer Zeit in fast allen Bundesländern erfolgte Abschaffung der pädagogischen Hochschulen, die ja vorwiegend Grundschullehrkräfte ausgebildet haben, dürfte einen Beitrag zum Musiklehrermangel geleistet haben. Da die offiziellen Schätzungen der Schülerzahlen über lange Zeit viel zu niedrig lagen – sie wurden erst letztes Jahr deutlich nach oben korrigiert – wurden zudem über viele Jahre deutlich zu wenig Lehrer eingestellt, die jetzt fehlen und aufgrund des leergefegten Marktes kurzfristig nicht ersetzt werden können.

MIZ: Sie sprachen das Klassenlehrerprinzip an. Würde es helfen, in der jetzigen Situation davon abzuweichen und ausgebildete Musiklehrkräfte in allen Klassen einzusetzen, wie das vielfach auch im Sport- und Religionsunterricht geschieht?

PABST-KRÜGER: Aus fachlicher Perspektive ist das in jedem Fall anzuraten, denn die Anforderungen an Musiklehrkräfte sind sowohl fachlich wie pädagogisch sehr hoch. Aber speziell an Grundschulen spricht auch vieles für das Klassenlehrerprinzip. Helfen könnte deshalb auch eine Basisqualifikation Musik für alle Grundschullehrkräfte, wie dies beispielsweise in Bayern in allen Studiengängen für Grundschullehrkräfte Pflicht ist.

An jeder Grundschule sollte mindestens eine ausgebildete Musiklehrkraft vorhanden sein, die das Schulleben in Bezug auf Musik gestaltet und darüber hinaus all diejenigen, die fachfremd Musik unterrichten, berät und ihnen Hilfen an die Hand gibt. So kann auch bei den nicht ausgebildeten Musiklehrkräften musikpädagogische Kompetenz kontinuierlich aufgebaut werden.

Die Fähigkeiten und Kompetenzen, die für die Erteilung eines qualifizierten Musikunterrichts erforderlich sind, können nicht im Rahmen von Nachqualifikationen an wenigen Wochenenden aufgebaut werden. Sie umfassen weitaus mehr, als bspw. Lieder zu singen oder mit grundschulspezifischen Instrumenten zu musizieren. Da geht es auch um Bewegung und Tanzen, Rezeption von Musik, Nachdenken und Sprechen über Musik, Gestalten in Verbindung mit anderen Künsten und vieles andere mehr.

MIZ: Welche Konsequenzen hat der mangelnde Musikunterricht in den Grundschulen für die weitere Schullaufbahn der Schülerinnen und Schüler?

PABST-KRÜGER: An den weiterführenden Schulen haben wir inzwischen sehr häufig Schülerinnen und Schüler, die keine musikalische Vorbildung besitzen, weil sie keinen oder nur einen unqualifizierten Musikunterricht an der Grundschule hatten. Leider setzt sich dies manchmal an den weiterführenden Schulen fort, denn durchgehender Musikunterricht ist auch dort – insbesondere an den nicht-gymnasialen Schulformen – oftmals nicht vorhanden. Es ist seit vielen Jahren zu beobachten, dass deutlich weniger musikbezogene Qualifizierungen im Rahmen von Leistungskursen oder Profilkursen an den Schulen erworben werden und deshalb auch der Nachwuchs für die Musikhochschulen und letztlich für spätere Musiklehrerinnen und Musiklehrer fehlt. Dies ist eine unglaubliche Abwärtsspirale.

MIZ: Der Unterrichtsausfall kann also eine Kettenreaktion auslösen. Was sind die gesellschaftlichen Folgen davon?

PABST-KRÜGER: Der Unterrichtsausfall hat negative Folgen für das gesamte Musikleben, denn ohne eine fundierte musikalische Allgemeinbildung sinkt sowohl das Interesse am eigenen Musizieren als auch an Konzertbesuchen. Die Abnahme eines ambitionierten kritischen Konzertpublikums, insbesondere im klassischen Bereich, ist schon lange zu beobachten. Die Opern und Konzerthäuser haben deswegen Gegenmaßnahmen ergriffen und sind ganz erheblich in den Bereich der musikalischen Bildung eingestiegen. Ihre Kooperationen mit Schulen sind sehr vielversprechend und wertvoll, können einen qualifizierten und über die gesamte Zeitspanne der Schulzeit erteilten Musikunterricht jedoch nicht ersetzen. Das kulturelle Leben in der Gesellschaft braucht eine kulturelle Bildung breiter Bevölkerungsschichten, die im Wesentlichen nur die Schulen leisten können.

Die Abnahme des Interesses am eigenen Musizieren hat vor allem Konsequenzen für die Musikschulen, aber auch für die gesamte Amateurmusik, deren Grundlage dadurch wegbricht.

Schließlich ist auch der gesamte Bereich der Persönlichkeitsentwicklung betroffen. In den Schulen werden die MINT-Fächer immer stärker in den Mittelpunkt gestellt, weil dort Defizite festgestellt wurden. Dies ist nicht grundsätzlich abzulehnen, geht in der Praxis jedoch sehr häufig zu Lasten der ästhetischen Fächer. Die Schülerinnen und Schüler lernen so hauptsächlich, sich kognitiv mit der Welt auseinanderzusetzen, während der ästhetische Weltzugang mehr und mehr ausgeblendet wird. Damit nehmen wir den Kindern und Jugendlichen wesentliche Erfahrungsmöglichkeiten.

MIZ: Abschließend die Frage: Welche Vorschläge und Forderungen bestehen seitens des BMU, um die Situation des Musikunterrichts an den Grundschulen zu verbessern?

PABST-KRÜGER: Zunächst einmal muss dafür gesorgt werden, dass musikalische Bildung an allen Grundschulen überhaupt stattfinden kann und nicht immer wieder hinterfragt bzw. von ungünstigen Rahmenbedingungen bestimmt wird. Vielmehr müssen die Rahmenbedingungen den Erfordernissen einer qualitativ und quantitativ dem Bildungsauftrag der allgemein bildenden Schule angemessenen musikalisch-kulturellen Bildung angepasst werden.

BMU-Position



In seiner Stellungnahme „Musikalische Bildung in der Grundschule: BMU-Position zur inhaltlichen und personellen Ausgestaltung des Musikunterrichts an der Grundschule“ benannte der Bundesverband Musikunterricht e.V. im Oktober 2019 zentrale Kernpunkte für den Ausbau und die Sicherung der Qualität musikalischer Bildung in Grundschulen. Das Papier richtet sich an alle politischen Entscheidungsträger in Bund und Ländern.

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Wir vom BMU haben im vergangenen Jahr ein Positionspapier veröffentlicht, in dem wir die Situation an den Grundschulen analysiert und einige zentrale Gelingensbedingungen für musikalische Bildung benannt haben. Dazu gehört, dass an den Grundschulen Musikunterricht als verbindlicher Fachunterricht zu etablieren ist. Teilweise taucht das Fach in den Stundentafeln nämlich gar nicht auf oder wird mit anderen ästhetischen Fächern zusammengelegt. Dadurch sinkt die Fachlichkeit, insbesondere, wenn Musik dann auch nicht mehr von Fachlehrkräften unterrichtet wird. Kooperationen mit anderen Bildungsträgern können hierzu gute Ergänzungen bilden, jedoch einen qualifizierten und kontinuierlichen Musikunterricht nicht ersetzen.

Andere Forderungen habe ich bereits angesprochen: An jeder Grundschule muss es mindestens eine Musiklehrkraft geben, und es sollten innerhalb des Lehramtsstudiums Basisqualifikationen im Fach Musik von allen zukünftigen Grundschullehrer*innen erworben werden, wenn man am Klassenlehrerprinzip festhalten will.

Außerdem muss die Anzahl der Studienplätze im Fach Musik erhöht werden, und die Hochschulen müssen dafür sorgen, dass diese Plätze auch besetzt werden. Dies ist gerade im Grundschulbereich besonders wichtig, weil die Studiengänge, wie vorhin beschrieben, für musikaffine junge Menschen nicht unbedingt attraktiv sind.

Weiterhin muss der Zugang zum Studium des Grundschullehramts mit dem Fach Musik erleichtert werden. An einigen Standorten kann man das Studium nicht aufnehmen, selbst wenn man die Eignungsprüfung im Fach Musik bestanden hat, weil es in anderen Fächern Zugangsbeschränkungen gibt. Einige Bundesländer oder Hochschulen handhaben das anders: Hier erhält man nach einer bestandenen Eignungsprüfung im Fach Musik auf jeden Fall einen Studienplatz, unabhängig davon, welches zweite Fach man hat oder ob es dafür einen Numerus Clausus gibt. Das funktioniert z. B. in Schleswig-Holstein sehr gut und wäre auch in anderen Bundesländern ein guter Weg, um wieder mehr Studierende in die Studiengänge für das Lehramt Musik zu bekommen.

Wichtig ist zudem das Thema Quer- und Seiteneinstieg, denn es wird in absehbarer Zeit nicht möglich sein, den Bedarf an Musiklehrkräften über die grundständigen Studiengänge zu decken. Die für die Arbeit an Schulen erforderlichen Kompetenzen können Quer- und Seiteneinsteiger nur in umfangreichen und zertifizierten Qualifikationsmaßnahmen erwerben, die verpflichtender Teil des Dienstes sein müssen.

Dr. Michael Pabst-Krueger

Dr. Michael Pabst-Krueger ist Präsident des Bundesverbands Musikunterricht. Er studierte Diplom-Physik und Philosophie sowie Physik und Musik auf Lehramt. Nach einer mehrjährigen Tätigkeit als Lehrer und Leiter von Lehrerfortbildungen nahm er 1997 eine Lehrtätigkeit an der Abteilung Musikpädagogik der Universität Kiel auf und wechselte 2002 als Dozent für Angewandte Musikpädagogik an die Musikhochschule Lübeck. Darüber hinaus arbeitet er in zahlreichen Gremien und Initiativen mit.


Das Interview mit Dr. Pabst-Krueger führte Dr. Karin Stoverock, Referentin des MIZ, am 4. März 2020.



Foto: privat