Ein jahrzehntelanges Versagen der Bildungspolitik

Seit vielen Jahren gibt es zu wenige Musiklehrkräfte an den Grundschulen. Mit der Studie "Musik in der Grundschule" kann diese Situation erstmals statistisch beschrieben werden. Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats, hat die Studie mit initiiert und spricht über das bildungspolitische Versagen, das zu dem Lehrkräftemangel geführt hat.

MIZ: Gerade ist die Studie zum „Musikunterricht an Grundschulen“ erschienen. Sie waren als Generalsekretär des Deutschen Musikrats einer der Initiatoren der Studie. Was war der Anlass für die Untersuchung?

HÖPPNER: An den Grundschulen besteht seit vielen Jahren eine starke Unterversorgung im Bereich der musikalischen Bildung. Um die Situation zu beschreiben, fehlten bisher aber valide, nachprüfbare Daten. Das ist uns von politischer Seite auch vorgehalten worden und hat unsere Position in der kulturpolitischen Debatte geschwächt.

Es ist dem Deutschen Musikrat dann gelungen, eine Tür zur Bertelsmann Stiftung zu öffnen, um eine wissenschaftliche Studie zur Gewinnung von validen Daten durchführen zu lassen. So haben sich die drei Partner Deutscher Musikrat, Konferenz der Landesmusikräte und Bertelsmann Stiftung in einer Partnerschaft zusammengetan und diese Studie vorgelegt. Damit haben wir nicht nur eine Bestätigung dessen, was wir schon wussten, sondern auch eine valide Grundlage für unsere Forderung nach mehr Musikunterricht an den Schulen.

MIZ: Die Studie hat einen erheblichen Mangel an ausgebildeten Musiklehrkräften an den Grundschulen festgestellt. Es gibt Bundesländer, da werden über 70 Prozent des Musikunterrichts fachfremd erteilt. In anderen Ländern erhält jedes zehnte Kind überhaupt keinen Musikunterricht. Wie konnte es zu dieser Situation kommen?

HÖPPNER: Dahinter steht in erster Linie ein jahrzehntelanges Versagen in der Planung der Bildungspolitik – was ich wirklich skandalös finde, denn es ist ja bekannt, wie viele Kinder geboren werden und wie viele Lehrkräfte benötigt werden. Der zweite Grund für den eklatanten Fachlehrermangel liegt darin, dass in der Phase, in der sich junge Menschen beruflich orientieren, viele Berührungspunkte weggefallen sind. Da ist zum einen der ausfallende oder fachfremd erteilte Musikunterricht und zum zweiten die zunehmende Reduzierung der Musikleistungskurse. Die Leistungskurse an den Gymnasien bilden jedoch ein erhebliches Reservoir für zukünftige Musiklehrkräfte. Ich selbst hatte Leistungskurs Musik und bin dadurch auf die Idee gekommen, Musiklehrer zu werden.

MIZ: Der Deutsche Musikrat fordert seit Langem ein Stundenkontingent von zwei Stunden Musikunterricht an Grundschulen. Warum halten Sie dies für so wichtig?

HÖPPNER: Die künstlerischen Schulfächer und der Sport sind zentral für die Persönlichkeitsbildung und für den gesamten Bildungsprozess. Die zwei Schulstunden sind nicht in Stein gemeißelt, sondern stehen sinnbildlich für unsere Forderung, dass Musik qualifiziert und kontinuierlich in der Schule stattfinden muss und genauso ein Hauptfach sein muss wie alle anderen Fächer. Die MINT-Fächer haben ein sehr starkes Gewicht, und die künstlerischen Fächer und insbesondere die Musik, die den Menschen in einer besonderen Breite und Tiefe erreichen kann, sind als Nebenfach oder als Freizeitbeschäftigung deklassiert worden.

Das ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, der über viele Jahre abgelaufen ist. Wir haben eine fatale Diskrepanz zwischen Sonntagsreden und Montagshandeln, zwischen politischen und wissenschaftlichen Aussagen von der Bedeutung der Musik und dem, was dann tatsächlich passiert.

Das betrifft den Frühförderungsbereich insgesamt. Wir haben uns jetzt schwerpunktmäßig mit der Grundschule befasst, werden das aber in einen größeren Zusammenhang stellen. „Mehr Musik in Kita und Schule“ nennen wir die Initiative, weil auch die Situation in den Kindertagesstätten desaströs ist. In der DDR hatten die Erzieherinnen in ihren Ausbildungsgängen ein Modul Elementare Musikerziehung; das ist heute nicht mehr vorgesehen. Dementsprechend wird in den Kindertagesstätten kaum noch gesungen. Bis zum 13. Lebensjahr ist die musikalische Prägephase jedoch weitestgehend abgeschlossen, und ausgerechnet da versagen wir.

MIZ: Warum ist Musikunterricht gerade im Hinblick auf eine sehr heterogene Schülerschaft, wie wir sie heute haben, wichtig?

HÖPPNER: Wir erleben immer wieder, dass Musik geeignet ist, schon im kleinen Klassenverband das herzustellen, was wir als gesellschaftlichen Zusammenhalt bezeichnen. Überall da, wo Arbeitsgemeinschaften stattfinden, wo es Chöre, Orchester, Bands gibt oder auch zeitlich befristete Projekte, kommen Menschen unterschiedlichster Auffassung und Herkunft zusammen und haben das Musizieren als gemeinsames Thema. Diese Chance für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wird zwar oft beschworen, aber sie wird nicht durch die entsprechenden Rahmenbedingungen gefördert.

MIZ: An vielen Grundschulen gibt es überhaupt keine ausgebildeten Musiklehrkräfte. An anderen Schulen wird nur ein Teil des Musikunterrichts durch Fachkräfte erteilt. Können Fort- und Weiterbildungen hier Abhilfe schaffen?

HÖPPNER: Wir haben hier zwei wesentliche Probleme. Erstens fehlt es an genügend Möglichkeiten, und zweitens sind Fort- und Weiterbildungen nicht verpflichtend, sondern lediglich Angebote. Hier müsste dienstrechtlich u. a. durch die Abminderung des Lehrdeputats dafür gesorgt werden, dass Lehrerinnen und Lehrer sich kontinuierlich weiterbilden können und fachlich qualifiziert werden.

Zur Behebung des Fachlehrermangels würde ich auch ein Fragezeichen beim Klassenlehrerprinzip in der Grundschule setzen – zumindest muss man es noch einmal kritisch hinterfragen. Bayern ist jetzt gerade dabei, das zu überprüfen.

MIZ: Die Studie rät dazu, verstärkt Quer- und Seiteneinsteiger für den Musikunterricht heranzuziehen. Wie beurteilen Sie dies?

HÖPPNER: Das Präsidium des Deutschen Musikrats hat gerade eine Stellungnahme beschlossen, in der festgehalten ist, dass Quer- und Seiteneinsteiger kein Ersatz sein können für Menschen mit einer musikalischen Berufsausbildung. Das heißt nicht, dass dieses Modell generell schiefgehen muss. Es gibt immer wieder die Fälle, wo Persönlichkeiten geeignet sind, sich in die schulische Arbeit einzuarbeiten und einen attraktiven Musikunterricht zu machen. Aber das System an den Musikhochschulen und Universitäten ist nicht umsonst so ausdifferenziert, um Menschen musikalisch und didaktisch zu qualifizieren.

Das Thema Quer- und Seiteneinstieg darf nicht das Pflaster auf der Wunde einer verschlafenen Bildungsplanung sein. Es kann nur übergangsweise dazu dienen, die Situation, dass Musikunterricht gar nicht stattfindet oder fachfremd erteilt wird, abzumildern.

MIZ: Welche Vorschläge und Forderungen hat der Deutsche Musikrat, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

HÖPPNER: In der Ausbildung der Grundschullehrkräfte muss Musik viel stärker Berücksichtigung finden. Es muss, neben den verschiedenen Schulmusikausbildungsgängen ein Angebot in Elementarer Musikerziehung geben, das eine Grundkompetenz vermittelt und zusätzlich Motivationen wecken kann. Das gilt im Übrigen auch für die Ausbildungsgänge der Erzieherinnen und Erzieher, denn in den Kindertagesstätten wird bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr gesungen und musiziert.

Die viertstärkste Industrienation der Welt, verfügt über die finanziellen Ressourcen da, eine qualifizierte und kontinuierliche Bildung der nachwachsenden Generationen sicherzustellen, sie tut es nur nicht im geboten Maße.  Die Ausbildungsstätten sowie die Fort- und Weiterbildungseinrichtungen müssen in die Lage versetzt werden, bedarfsgerecht Ausbildungsplätze anzubieten. Zudem muss der Beruf verstärkt beworben werden.

Das Wesentliche ist, dass die Politik, und in dem Fall ist es die Kultusministerkonferenz, zu einer vorausschauenden Bildungsplanung kommt und sich stärker für die qualifizierte und kontinuierliche Vermittlung in den künstlerischen Schulfächern engagiert. Hier herrscht leider Uneinigkeit. Unter dem Schutzschild des Föderalismus wird die nach außen dargestellte Position von der Bedeutung der Musik in der Praxis dadurch perforiert, dass der Musikunterricht gar nicht stattfindet oder nur fachfremd erteilt wird. Wir brauchen einen stärkeren politischen Einsatz, und da ist auch die Bundesebene gefordert.

Das übergeordnete Ziel muss es ein, eine Trendwende im gesellschaftlichen Bewusstsein zu erreichen. Die künstlerischen Schulfächer und der Sport sind die Kernfächer für die Persönlichkeitsentwicklung und die zentrale Plattform, Erkenntniszusammenhänge im Verbund mit den naturwissenschaftlichen Fächern zu eröffnen.  Die jedem Mensch angeborene Neugierde erhalten und befördern, Zusammenhänge erkennen und Orientierungshilfen geben sind die prioritären Aufgaben einer ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung. Gerade die Musik kann in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft ein Mosaikstein für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sein. Ich behaupte nicht, dass Musik bessere Menschen macht, aber sie kann Menschen dazu befähigen, zuzuhören, Unterschiede schätzen zu lernen, zu differenzieren, andere Positionen aushalten zu können und letztlich auch Selbstwertstabilität zu bekommen über den Zugang zur eigenen Emotion.

Prof. Christian Höppner

Prof. Christian Höppner ist Generalsekretär des Deutschen Musikrats. An der UdK Berlin erhielt er eine Ausbildung zum Instrumentallehrer, Musikpädagogen und Cellisten mit anschließendem Dirigierstudium. Seit 1986 unterrichtet er dort Violoncello. Er arbeitet in zahlreichen Institutionen und Gremien mit, u. a. ist er Sprecher für die Sektion Musik im Deutschen Kulturrat. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande sowie des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. .


Das Interview mit Prof. Höppner führte Dr. Karin Stoverock, Referentin des MIZ, am 25. Februar 2020.



Foto: privat