Deutsch und Mathe statt Musik

Wer heute das Lehramt Grundschule studiert, muss sich vor allem mit Deutsch und Mathematik befassen. Susanne Fontaine, Professorin für Musikwissenschaft an der UdK Berlin, erklärt, welche Konsequenzen das für Studium und Schule hat.

MIZ: Die gerade erschienene Studie „Musikunterricht in der Grundschule“ konstatiert einen erheblichen Mangel an Lehrkräften im Fach Musik. Wie konnte dieser Mangel entstehen?

FONTAINE: Die derzeitige Grundschulmisere gehört in einen größeren Kontext: Seit vielen Jahren wird der Beruf des Lehrers und der Lehrerin schlechtgemacht. Für die Situation des Fachs Musik an der Grundschule spielt überdies die Entscheidung der Kultusministerkonferenz eine große Rolle, dass im Studiengang Grundschullehramt Deutsch und Mathematik studiert werden, während Musik wie auch Kunst, Sachkunde, Sport, Englisch und vergleichbare Fächer nur noch vertieft studiert werden, diese Schulfächer also keine eigenen Studienfächer mehr sind.

Die Studie geht vollkommen richtig davon aus, dass gerade bei Studierenden im Fach Musik eine sehr hohe intrinsische Motivation besteht, die sich auf das Fach stützt. Diese Leute werden jedoch enttäuscht, wenn sie erst eine Zugangsprüfung machen, dann aber hauptsächlich Deutsch und Mathematik studieren und nur in einem geringen Maße Musik. Hinzu kommt, dass der Studienanteil bei den Bildungswissenschaften sehr stark erweitert wurde z. B. in den wichtigen Bereichen Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache und Inklusion.

Ich habe lange einem Prüfungsausschuss vorgesessen. Dort habe ich viele Studierende erlebt, die vom Lehramt Grundschule in das Lehramt für die Oberschulen gewechselt haben, um ein Zwei-Fach-Studium mit hohen Musikanteilen zu bekommen.

MIZ: Durch die Studienordnung besteht heute die Situation, dass viele Grundschullehrkräfte an die Schulen kommen, die keine oder nur sehr geringe Studienanteile in Musik hatten, das Fach aber dennoch unterrichten müssen. Welche Probleme ergeben sich hieraus?

FONTAINE: Wir müssen hier differenzieren. Es gibt diejenigen, die keine Neigung für das Fach haben und es deswegen am liebsten gar nicht unterrichten. Dann fällt die Musikstunde schlicht aus. Oder die aus Verlegenheit eine Mitspiel-CD einlegen. Andere jedoch waren vielleicht früher bei den Pfadfindern und haben dort gelernt, Gitarre zu spielen und mit Kindern und Jugendlichen zu singen. Sie verfügen über informell erworbene Kompetenz. Diese Leute kennen Lieder und musikalische Spiele. Sie wissen etwa, wie man bei Kindern Töne angeben muss. Das z. B. wissen ganz viele andere nicht und wundern sich dann, dass die Siebenjährigen nur ihre Bruststimmen benutzen.

MIZ: Wie sollten Lehrerinnen und Lehrer, die das Fach Musik nicht studiert haben, weiterqualifiziert werden?

FONTAINE: Alle, die in der Schule Musik unterrichten, müssen über ein gewisses Handwerkszeug verfügen. Nicht jeder muss eine Fortbildung besuchen, aber ein bestimmter Anteil in einem Kollegium sollte das tun und dann zum Beispiel lernen, wie man Töne für Kinderstimmen angibt und wie man eine Gitarre stimmt, eine Begleitung erfindet, body percussion einsetzt oder Bewegungsspiele durchführt.

Vertreter*innen aus Schule, Schulverwaltung und Hochschule sollten sich zusammentun und beraten, welche Mindeststandards es für Lehrerfortbildungen geben soll. Da wäre auch die „Arbeitsgemeinschaft Schulmusik an den Hochschulen für Musik“ gefragt, dazu die Universitäten und Pädagogischen Hochschulen, an denen Grundschullehrkräfte studieren. In diesem Rahmen könnte man sich auf Inhalte verständigen, die dann z. B. durch den BMU oder die Landesmusikakademien vermittelt werden könnten.

An den Schulen müsste natürlich auch dafür gesorgt werden, dass Lehrerinnen und Lehrer, die sich fortbilden wollen, auch freigestellt werden, trotz des Personalmangels.

MIZ: Sind solche Fortbildungen eine Lösung für den Musiklehrermangel?

FONTAINE: Nein, sie können immer nur Notlösungen sein. Es darf nicht passieren, dass Lehrkräfte, die lediglich musikalische Fortbildungen besucht haben oder informell erworbene Kenntnisse besitzen, denselben Status haben wie diejenigen, die einen Bachelor und Master im Fach Musik gemacht haben. Dann fragen sich die Absolventen, warum sie überhaupt Musik studiert haben, und dann fragt sich auch die Politik, warum sie ein solches Studium bezahlen soll.

Es reicht natürlich auf Dauer nicht, im Unterricht ein Lied zu singen. Wir brauchen an den allgemein bildenden Schulen für Musik als ordentliches Unterrichtsfach professionell ausgebildete Lehrkräfte. Sie müssen einen Blick für die Begabung der Kinder haben und Eltern bei der Wahl von Instrumentalunterricht für ihre Kinder beraten können. Und sie müssen auch Fehler erkennen können, wenn etwas schiefläuft.

MIZ: Wer das Fach Musik im Lehramtsstudiengang Grundschule studieren möchte, muss eine Eignungsprüfung bestehen. Die Anforderungen sind an vielen Hochschulen recht hoch. Sollte hier das Niveau abgesenkt werden, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

FONTAINE: Zunächst einmal:  Ein Studium ist keine Handreichung zum Lehrplan. Ein Studium ist auch keine Ausbildung. Im Studium gibt es immer ein Surplus, das dazu befähigt, das eigene Tun zu reflektieren, die Schulbücher kritisch zu betrachten und mehr zu wissen, als man für die nächste Schulstunde braucht. Man steht für sein Fach. Insofern entspricht das Niveau der Zugangsprüfung nicht immer eins zu eins dem, was man im Alltag in der Schule benötigt.

Die Zugangsprüfungen sind sehr speziell auf einzelne Studiengänge ausgerichtet. Die Prüfung für das Lehramt Grundschule hat ein deutlich, mancherorts inzwischen drastisch abgesenktes Niveau im Verhältnis zum Lehramt für die Oberschulen. Hier haben viele Hochschulen in den letzten Jahren sehr genau überlegt, über welche Kompetenzen Grundschullehrkräfte verfügen müssen. Wenn man aber das Niveau zu sehr absenkt und Prüfung wie Studieninhalte zu sehr auf die spätere Berufspraxis bezieht, macht man das Studium für diejenigen unattraktiv, die genau dieses Fach Musik später unterrichten möchten.

MIZ: Sollten vermehrt Quer- und Seiteneinsteiger*innen an Grundschulen beschäftigt werden?

FONTAINE: Quer- und Seiteneinsteiger*innen sind in allen Bereichen Ergebnis einer Verzweiflungstat. Man muss den Unterschied zwischen ihnen und ausgebildeten Lehrkräften wirklich sichtbar machen, weil man sonst diejenigen, die das Lehramt von der Pike auf gelernt haben, abqualifiziert. Es ist für sie eine unhaltbare Situation, finanziell und laufbahntechnisch genauso dazustehen wie diejenigen, die aus einem anderen Kontext kommen. Das stellt die eigene Professionalität grundsätzlich infrage.

Es gibt Studiengänge, bei denen es Überschneidungen zu den Schulmusikstudiengängen gibt, etwa Instrumental- und Gesangspädagogik. Hier böte sich die Gelegenheit, die Lehrkräfte so weiterzuqualifizieren, dass sie an den Grundschulen auf gleicher Stufe einsetzbar sind. Das würde aber für sie bedeuten, Deutsch, Mathe, Bildungswissenschaften und die komplette Fachdidaktik für den Unterricht mit Klassen zu lernen und insgesamt das Unterrichten an einer allgemein bildenden Schule in den Blick zu bekommen. Der ist schließlich etwas ganz anderes als der Instrumental- oder Gesangsunterricht, für den Eltern am Nachmittag bezahlen und der kein Pflichtfach ist.

In der Ganztagsschule ließen sich Kooperationen mit Musikschulen stärken. Hier können gute Modelle entwickelt werden, vor allem, wenn räumliche Distanzen überwunden werden müssen. Es gibt ja häufig ein Betreuungsproblem, wenn Kinder aus dem Ganztag in eine Musikschule befördert werden sollen. Das entfällt, wenn der Musikschulunterricht in den Räumen der Schule stattfindet.

MIZ: Wenn weder der Quer- und Seiteneinstieg noch musikalische Fortbildungen adäquate Lösungen für die Beseitigung des Musiklehrermangels sein können, welche Schritte sind dann nötig, um mehr Fachlehrkräfte zu bekommen?

FONTAINE: Man muss die Wünsche derjenigen ernst nehmen, die Lust auf das Fach Musik haben. Es gibt ein großes Interesse bei Abiturientinnen und Abiturienten, Musik für das Lehramt an Grundschulen zu studieren. Daher sollte man im Studium die Anteile im Fach Musik erhöhen und die Fixierung auf Deutsch und Mathematik mit Musik als Vertiefung hinterfragen. Sonst wechseln die Interessierten nämlich ins höhere Lehramt.

Es wäre eine Erleichterung, wenn alle Studierenden drei Fächer studieren könnten und Musik ein gleichberechtigtes drittes Fach wäre. Oder man machte Musik zu einem Doppelfach, das man plus Mathematik oder Deutsch studiert. Hier müsste man sehr kleinteilig die einzelnen Prüfungs- und Studienordnungen betrachten, um herauszufinden, was unter dem großen Dach der KMK alles möglich ist.

Man könnte auch die Möglichkeiten für die Instrumental- und Gesangspädagog*innenen verbessern, die oft in die Grundschule wechseln möchten. Da der Instrumental- und Gesangsunterricht an den Musikschulen nachmittags stattfindet, haben die Lehrkräfte dort oft ein Betreuungsproblem mit ihren eigenen Kindern. Sinnvoll wäre es auch hier, Möglichkeiten für ein Zweitstudium mit wahlweise Mathe oder Deutsch zu schaffen. Nicht sinnvoll ist es dagegen, die hochspezialisierten Absolvent*innen eines reinen Instrumentalstudiums in der Schule einzusetzen. Hier ist eine sinnvolle Nachqualifikation enorm aufwendig.

Beim Musikunterricht an den Grundschulen geht es etwa um fünf Prozent der zu haltenden Schulstunden. Hier muss es doch es Lösungsansätze geben, die nicht gleich alle KMK-Vorgaben aus den Angeln heben, aber dennoch Abhilfe beim Lehrermangel schaffen.

Prof. Dr. Susanne Fontaine

Prof. Dr. Susanne Fontaine ist Professorin für Musikwissenschaft an der Universität der Künste Berlin und war bis Anfang 2020 Vorsitzende des dortigen Zentrums für künstlerische Lehrkräftebildung. Darüber hinaus arbeitet sie in verschiedenen Gremien und Institutionen mit, u. a. ist sie Mitglied des Bundesfachausschusses "Bildung" beim Deutschen Musikrat und Vorsitzende des Landesverbandes Berlin des Deutschen Hochschulverbandes..


Das Interview mit Prof. Fontaine führte Dr. Karin Stoverock, Referentin des MIZ, am 2. März 2020.



Foto: privat