Häuserportraits

Städtische Bühnen Frankfurt am Main

Zwischen 840 und 880 Millionen Euro veranschlagte eine Machbarkeitsstudie 2017 für eine Gesamtsanierung der Frankfurter Theaterdoppelanlage. Die Bauaufgabe ist hochkomplex, denn hinter der 60er-Jahre-Glasfassade verbergen sich 100 Jahre Baugeschichte.

Zu diesem Haus

Standort

Frankfurt am Main

Architekten

  • Heinrich Seeling
  • Otto Apel in Bürogemeinschaft mit Letocha, Rohrer, Herdt und Lehberger
  • Otto Apel, ABB Architekten

Bauherr

Städtische Bühnen Frankfurt am Main GmbH

Eröffnung

1902 / 1951 / 1963

BGF

49.730 m²

Die Baugeschichte

Die heutige Doppelanlage von Oper und Schauspiel am Willy-Brandt-Platz bildet nur scheinbar eine bauliche Einheit. Tatsächlich handelt es sich um ein komplexes Ensemble von Bauwerken, die in über hundert Jahren zusammengewachsen sind. An dem damals Gallustor genannten Straßenverlauf durch die Wallanlagen wurde 1902 das nach einem Entwurf des Theaterarchitekten Heinrich Seeling entstandene Schauspielhaus eröffnet. Bei einem Luftangriff 1944 wird das Haus stark beschädigt.

Von 1949-51 wird das Gebäude von Otto Apel in Bürogemeinschaft mit Letocha, Rohrer, Herdt und Lehberger in Teilen wiederhergestellt; das Haus wird nun vorwiegend für Opernaufführungen genutzt.

Die Erweiterung zu einer Doppelanlage wird von der Stadtverordnetenversammlung 1958 beschlossen; der Planungsauftrag ging an das Büro Otto Apel, ABB Architekten. Diese Lösung schien wegen der dadurch möglichen gemeinsamen Nutzung von Werkstätten, Lagerflächen und Verwaltung durch Oper und Schauspiel vorteilhaft. Zusammengefasst wurden die beiden Baukörper durch das signifikante Bild des neuen, Oper und Schauspiel vereinenden 120 Meter langen und 9 Meter hohen gläsernen Foyers. An der Eingangssituation der beiden Häuser im Erdgeschoss lassen sich allerdings bis heute die unterschiedlichen Bauphasen ablesen.

Bei einem Wiederaufbau des Opernsaals (nach einer Brandstiftung 1987) wurde der Gebäudekomplex um einen neuen Baukörper für Künstler- und Proberäume sowie einen aufgesetzten Ballettsaal erweitert.

Der Foyerbereich und Saal des Schauspiels erhielt 1991/92 eine technische Überarbeitung und neue Gestaltung.

Im südöstlichen Teil der Anlage wurde von 2007 bis 2010 der gesamte Werkstattkomplex (rund 14.000 Quadratmeter) neu errichtet beziehungsweise wurden zusätzliche Flächen auf den Bestand aufgesetzt. Der Entwurf dafür stammte von dem Büro gmp – Architekten von Gerkan, Marg und Partner. Im Zuge dieser Baumaßnahmen ist auch das neue Eingangshaus für das Kammerspiel entstanden.

Luftbild der Theaterdoppelanlage mit dem Bühnenturm von Oper (rechts) und Schauspiel (links). (Foto: Uwe Dettmar/Städtische Bähnen FFM)
Luftbild der Theaterdoppelanlage mit dem Bühnenturm von Oper (rechts) und Schauspiel (links). (Foto: Uwe Dettmar/Städtische Bähnen FFM)
Außenansicht (Foto: Wolfgang Runkel)
Außenansicht (Foto: Wolfgang Runkel)
Blick von der Bühne in den Zuschauerraum der Oper (Foto: Barbara Aumüller)
Blick von der Bühne in den Zuschauerraum der Oper (Foto: Barbara Aumüller)
Zuschauerraum mit Blick auf die Bühne (Foto: Rui Camilo)
Zuschauerraum mit Blick auf die Bühne (Foto: Rui Camilo)

Die Bestandsaufnahme / Machbarkeitsstudie vom Juni 2017

Über 50 Jahre nach der Fertigstellung der Doppelanlage sind vom Hochbauamt der Stadt Frankfurt jährlich hohe Investitionen für die allernötigsten Reparaturen notwendig. Im August 2011 wurde von den damaligen Kultur- und Baudezernenten als erster Schritt und Grundlage zu einem abgestimmten Gesamtsanierungskonzept eine umfassende Bestandsaufnahme mit Bewertung der Gesamtsituation beauftragt. Diese Studie gliedert sich in drei Stufen:

  •   Bestandsaufnahme (Stufe 1)
  •   Bestandsanalyse / Nutzerbedarfsanalyse (Stufe 2)
  •   Machbarkeitsstudie (Stufe 3)

Die Bestandsaufnahme und -analyse (Stufen 1+2)

Für die Bestandsaufnahme wurden neben Archivrecherche, Ortsbegehungen mit detaillierter Vermaßung, Bauteilöffnungen, Messungen und Kamerabefahrungen durchgeführt. Damit ist erstmals ein konsistenter Satz an Planunterlagen aus Ansichten, Grundrissen und Schnitten im Maßstab 1:50 des gesamten Gebäudeensembles mit allen gebäude- und bühnentechnischen Anlagen sowie der dazugehörigen Leitungstrassen und Kanäle entstanden.

Die Bestandsbewertung führte zu einer umfangreichen Liste an Mängeln in vielerlei Hinsicht, wie energetisch und baukonstruktiv mangelhafte Fassaden, Feuchte in den Untergeschossen, undichten Dachabdeckungen, unzureichende Raumhöhen und fehlende Lagerflächen. Flächendeckend unzureichend und veraltet ist die technische Gebäudeausrüstung hinsichtlich der Lüftungs-, Elektro-, Sanitär-, Heizungs- und Kälteanlagen sowie Teile der Steuerungs- und Regeltechnik. Aus der Baugeschichte heraus haben sich unterschiedliche Höhenlagen der beiden Hauptbühnen sowie Höhenversätze in den Erschließungsfluren ergeben. Eine Barrierefreiheit im Betrieb ist so nicht vorhanden.

Durch die »verwachsene« Struktur des Ensembles tangiert jede Teilmaßnahme immer auch andere Bereiche. Damit ergibt sich die Situation, dass der Bestandsschutz hinsichtlich technischer Standards oder  Maßnahmen  des vorbeugenden Brandschutzes aufgrund größerer, notwendiger Änderungen erlöschen könnte. Daher wären alle Eingriffe in einem präzisen Sanierungskonzept aufeinander abzustimmen.

Die Machbarkeitsstudie (Stufe 3)

Es wurden drei Varianten zu Ablaufszenarien einer Sanierung entwickelt und hinsichtlich der zu erwartenden Kosten untersucht:

  • Variante 1: Sanierung und Erweiterung: Verbleib Schauspiel und Oper am Standort
  • Variante 2: Sanierung und Erweiterung: Auslagerung Schauspiel an einen externen Standort
  • Variante 3: Komplettabriss und Neubau: Auslagerung Oper und Schauspiel an einen externen Standort

Für eine Kostenberechnung der drei Varianten wurden sämtliche relevanten Kosten berücksichtigt: Kosten für Abbruch, Baukosten für Sanierung bzw. Neubau, Risikozuschläge, externe Interimskosten sowie zu erwartende Preissteigerungen.

Quelle: Deutsches Architekturmuseum / Yorck Förster