Ensembles in Existenznot

Musizieren auf Distanz, Konzertabsagen und Auftritte mit Publikumsbegrenzung. Die Corona-Pandemie schränkt freie Ensembles und Orchester erheblich ein. Lena Krause, Geschäftsführerin von FREO – Freie Ensembles und Orchester in Deutschland, berichtet aus dem Alltag der Formationen und skizziert langfristige Folgen der Krise.


MIZ: Die freien Ensembles und Orchester sind als Zusammenschlüsse selbständiger Musikerinnen und Musiker von der Corona-Krise in besonderer Weise betroffen. Wie ist die Lage bei den Mitgliedern von FREO?

KRAUSE: Die Lage ist unterschiedlich, weil unsere Mitglieder und generell die freien Ensembles und Orchester ganz unterschiedlich organisiert sind. Für viele ist die Situation kritisch und existenzbedrohend. Die Einnahmen fehlen, weil kaum Veranstaltungen stattfinden dürfen. Ausfallhonorarregelungen, um den Musikerinnen und Musikern zu helfen, gibt es nur teilweise. Bundesland A regelt es anders als Bundesland B, auf Bundesebene ist es noch einmal anders.

Einige Ensembles haben auch berichtet, dass Zuwendungsbescheide, die ab nächstem Jahr gelten sollten, gekündigt wurden. Hier herrscht Unklarheit, was das zu bedeuten hat. Ist dies ein bürokratisch notwendiger Schritt, um in Verhandlungen zu gehen? Oder ist das eine Pauschalabsage, was wir natürlich nicht hoffen. Aber dies könnten schon erste Anzeichen sein, wie es 2021 laufen wird.

Die großen Fragen sind: Wann können wir wieder spielen? Wie können wir wieder spielen? Und vor allem: Wie können wir möglichst alle durch die Krise retten?

MIZ: Es gibt mittlerweile Lockerungen in einzelnen Bundesländern. Kulturveranstaltungen sollen jetzt unter strengen Hygienevorschriften wieder möglich sein. Aber bei Ihnen scheint es noch wenig Optimismus zu geben.

KRAUSE: Es kommt in Wellen: Den einen Tag gibt es positive Entwicklungen, die uns optimistisch stimmen. An anderen Tagen ist es das genaue Gegenteil. Persönlich war ich erleichtert, als das Eckpunktepapier der Kulturstaatsministerin und der Kulturminister der Länder kam – es machte Hoffnung, dass nun endlich über Konzepte für ein Wiederbeleben der Kultur diskutiert wird. Denn bis dahin hatte man den Eindruck, dass es eine pauschale Absage aller Veranstaltungen bis Ende August geben würde. Und das war für uns keine Option. Uns allen ist klar, dass die Pandemie nicht Ende August und auch nicht am 31. Dezember vorbei sein wird, sondern uns noch lange begleiten wird. Daher müssen wir einen Weg finden, wie wir unseren Alltag und eben auch Kultur trotz Corona wieder stattfinden lassen können.

Uns stellt sich auch die Frage: Wie soll denn eine Öffnung unter Hygienebedingungen und Abstandsregelungen aus einer wirtschaftlichen Sicht funktionieren? Die Arbeit der Ensembles baut auf einem extrem fragilen finanziellen System aus Drittmitteln, Eigenmitteln, Einnahmen aus Ticketverkäufe usw. Wenn hier nur ein einzelner Baustein entfällt – etwa, wenn auf einmal nur ein Viertel oder noch weniger Publikum in einen Saal darf –, dann bricht dieses ganze System zusammen. Wir dürfen Öffnungsstrategien also nicht nur unter der Prämisse von Hygiene- und Abstandsregeln betrachten, sondern brauchen auch Antworten darauf, wie wir Einnahmeausfällen begegnen können und wie sich eine Öffnung aus wirtschaftlicher Sicht realisieren lässt.

Hilfen nicht immer passend


MIZ: Waren die bisherigen Hilfen für die Ensembles nicht ausreichend?

KRAUSE: Das lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Nehmen wir z. B. das Soforthilfeprogramm des Bundes für freie Orchester und Ensembles: Für das Programm wurden Gelder aus dem Förderprogramm Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland umgewidmet. Manche Ensembles erhalten dadurch die Möglichkeiten, unter den besonderen Bedingungen der Corona-Pandemie Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Allerdings konnten sehr viele freie Ensembles gar keinen Antrag stellen, weil die Kriterien in den Fördergrundsätzen sehr hoch angesetzt waren.

Ein anderes Beispiel ist die Soforthilfe des Bundes. Diese ist seit Beginn in ihrer Ausgestaltung nicht ausreichend. Lebenshaltungskosten oder ein fiktiver Unternehmerlohn werden nicht anerkannt, sondern nur Betriebskosten. Das geht völlig an den Arbeits- und Lebensrealitäten Solo-Selbstständiger vorbei. Seit Wochen kritisieren nicht nur die Kulturverbände, sondern auch die Wirtschaftsminister*innenkonferenz diese Situation. Im Bundesrat haben sich alle 16 Bundesländer dafür ausgesprochen, dass hier nachjustiert werden muss. Bis heute hat sich nichts geändert. Den Musiker*innen in den Ensembles bleibt nur die Grundsicherung.

MIZ: Am 3. Juni hat die Regierung ein Konjunkturpaket vorgestellt, das auch eine Milliarde Euro für die Kultur vorsieht. Tut sich damit eine Perspektive für die freien Ensembles und Orchester auf?

KRAUSE: Das Programm NEUSTART KULTUR, ausgestattet mit einer Milliarde Euro, ist von historischer Dimension. Inwieweit es den freien Ensembles und Orchestern konkret zugutekommt, können wir aber aktuell noch nicht sagen, denn die Verhandlungen laufen noch.

Unterm Strich wünschen wir uns zweierlei: zum einen Modelle, mit denen Strukturen erhalten und gesichert werden können. Und zum anderen Programme, die neue Möglichkeiten eröffnen, etwa bei alternativen Präsentationsformaten, und die auch den Künstler*innen zugutekommen. Denn ohne die Künstler*innen geht es auf Dauer nicht.

MIZ: Welche zentralen Herausforderungen stellen sich den freien Ensembles und Orchestern aktuell?

KRAUSE: Die Herausforderungen sind sehr individuell und von Klangkörper zu Klangkörper unterschiedlich. Bei großen Klangkörpern mit festangestellten Mitarbeiter*innen geht es z. B. auch um das Team: Wie können die Gehälter weitergezahlt und die Struktur erhalten werden? Außerdem müssen ggf. eigene Räumlichkeiten finanziert werden und die geplante Konzertsaison unter den neuen Bedingungen umgesetzt oder auch abgewickelt werden.

Künstlerische Reaktionen auf die Krise


MIZ: Gibt es schon künstlerische Antworten auf die Krise?

KRAUSE: Es gibt viele Ideen. Ein Ensemble überlegt z. B. 1:1 Konzerte zu veranstalten; es spielt also ein Musiker oder eine Musikerin für einen Zuhörer bzw. eine Zuhörerin – natürlich mit Abstand.

Viele freie Ensembles haben sich jüngst auch beim Reload-Programm der Kulturstiftung des Bundes und beim Soforthilfeprogramm der BKM für freie Orchester und Ensembles beworben, beides Programme für künstlerische Fragen. Nach den jeweiligen Förderentscheiden werden wir wahrscheinlich einen Schwung an künstlerischen Projekten sehen, die in der Krise und mit der Krise entstanden sind. Darauf bin ich sehr gespannt.

Ich denke aber, alle würden gerne einfach mit dem weitermachen, was sie vorher schon gemacht haben: mit der künstlerischen Forschung, mit dem Experiment und dem Ausprobieren. Vieles, was jetzt passiert, z. B. im digitalen Raum, ist ja auch aus der Angst entstanden, vergessen und nicht gehört zu werden. Die vielen Online-Angebote sind aber in der Regel keine neuen Einnahmequellen und nichts, was die Ensembles rettet. Das darf bei aller Begeisterung darüber, dass jetzt so viel online passiert, nicht vergessen werden.

MIZ: Sehen Sie für die freien Ensembles und Orchester auch Chancen, die durch die Krise entstehen?

KRAUSE: Viele der freien Ensembles und Orchester haben insofern einen Vorteil gegenüber den staatlichen Orchestern, als sie teilweise sehr kleine Formationen haben und dass sie durch die spezifischen Produktionsweisen in der freien Szene flexibler agieren können. Dadurch können sie flexibler auf Abstandsregelungen und Hygienemaßnahmen reagieren. Ein öffentliches getragenes Symphonieorchester, das normalerweise groß besetzte Werke spielt, wird es jetzt schwerer haben. Ein Ensemble für zeitgenössische Musik hat es da leichter, weil es vielleicht schon vorher Formate erprobt hat, die neue Möglichkeiten des Konzerterlebnisses ausloten. Ich denke da z. B. an Wandelkonzerte; in einem Raum verteilte Musiker*innen. Aber es muss natürlich auch wirtschaftlich tragfähig sein, damit die Ensemblemitglieder angemessen honoriert und laufende Kosten bezahlt werden können.

Mitglieder des Freiburger Barockorchesters geben ein Hinterhofkonzert  (Foto: Stefan Lippert)
Mitglieder des Freiburger Barockorchesters geben ein Hinterhofkonzert
(Foto: Stefan Lippert)
Proberaum des Freiburger Barockorchesters mit Abstandsregelung  (Foto: Stefan Lippert)
Proberaum des Freiburger Barockorchesters mit Abstandsregelung
(Foto: Stefan Lippert)
Streaming eines Konzerts der Internationalen Ensemble Modern Akademie  (Foto: Barbara Fahle)
Streaming eines Konzerts der Internationalen Ensemble Modern Akademie
(Foto: Barbara Fahle)
Ensemble Modern On Air (Foto: Barbara Fahle)
Ensemble Modern On Air (Foto: Barbara Fahle)
Live Stream Konzert "Cherries" des Ensembles LUX:NM im Kesselhaus der Kulturbrauerei Berlin (Foto: LUX:NM, Jakob Klaffs)
Live Stream Konzert "Cherries" des Ensembles LUX:NM im Kesselhaus der Kulturbrauerei Berlin (Foto: LUX:NM, Jakob Klaffs)
Konzert des Ensemble Resonanz im Rahmen von elphi@home 
(Foto: Elbphilharmonie)
Konzert des Ensemble Resonanz im Rahmen von elphi@home
(Foto: Elbphilharmonie)
Dezentrale Aufnahme der "Living Room Music" von Cage mit dem Ensemble Resonanz (Foto: Ensemble Resonanz)
Dezentrale Aufnahme der "Living Room Music" von Cage mit dem Ensemble Resonanz (Foto: Ensemble Resonanz)
Freiluftkonzert des Ensembles Aventure (Foto: Verena Fuchs)
Freiluftkonzert des Ensembles Aventure (Foto: Verena Fuchs)
Probe mit Distanz der Schola Heidelberg (Foto: Schola Heidelberg)
Probe mit Distanz der Schola Heidelberg (Foto: Schola Heidelberg)

Langjährige Probleme treten verschärft hervor


MIZ: Verschärfen sich jetzt in der Krise Probleme, welche die Ensembles schon lange beschäftigen?

KRAUSE: Ja, vieles tritt jetzt wie bei einem Kontrastmittel überdeutlich hervor. Zum Beispiel das Problem der Rücklagenbildung: Freie Ensembles und Orchester können aufgrund des Zuwendungsrechts und auch aufgrund gewisser Rechtsformen nur schwer bis gar keine Rücklagen bilden. Nun zeigt sich mit ganzer Härte, dass ein Sicherungsnetz fehlt. Damit verbunden ist die Frage, wie die Strukturen der freien Ensembles und Orchester insgesamt besser abgesichert werden können.

Zudem stellt sich in verschärfter Form die Frage nach einer angemessenen Honorierung von freier Arbeit. Nach Angabe der KSK lag das Durchschnittseinkommen einer versicherten Frau im Bereich der Musik 2019 bei 12.222 Euro. Damit kann man keine Rücklagen bilden, schon gar nicht, wenn man an eine Krise wie diese denkt.

MIZ: Welche langfristigen Folgen der Krise erwarten Sie?

KRAUSE: Das Thema Altersarmut, das schon vorher viele Solo-Selbständige betroffen hat, verschärft sich noch einmal. Wegen fehlender Einnahmen geht weniger in die Altersvorsorge. Fehlende Einnahmen oder auch Soforthilfeprogramme, die für Solo-Selbstständige nicht passen, können dazu führen, dass private Rücklagen für die Altersvorsorge jetzt aufgebraucht werden müssen.

Immerhin müssen die Musiker*innen derzeit nicht befürchten, den Versicherungsschutz der KSK zu verlieren, wenn sie unter die von der KSK vorgegebene Einkommensgrenze fallen. Es ist allerdings nicht geklärt, inwieweit das Jahr bzw. die Jahre der Krise im Rahmen der diskutieren Grundrente behandelt werden. Die Grundrente schließt schon in ihrem jetzigen Konzept viele solo-selbstständige Kulturschaffende aus, weil sie die Bedingungen in Bezug auf das durchschnittliche Jahreseinkommen nicht erfüllen. Jetzt in der Krise haben viele über Monate aber gar kein Einkommen. Das wird sich bemerkbar machen.

MIZ: Wie planen die Ensembles und Orchester gerade ihre Zukunft?

KRAUSE: Auf Sicht. Und in dem allgegenwärtigen Bewusstsein, dass sich von heute auf morgen alles ändern kann. Die meisten Klangkörper halten an den Plänen für die kommende Saison fest, rechnen aber schon damit, dass sie alternative Formate für geplante Konzertvorhaben finden müssen. Das ist eine extreme Belastung für alle Beteiligten.

Im Verlauf der letzten Monate wurde im Zusammenhang mit der Pandemie auch immer wieder von Entschleunigung gesprochen. Das mag für manche Bereiche zutreffen. Bei den freien Ensembles und Orchestern ist aber das Gegenteil der Fall: Projekte müssen abgewickelt, neu geplant, alternativ gedacht werden. Planungen müssen laufend angepasst werden. Ständig muss recherchiert werden, unter welchen Bedingungen vielleicht wieder gespielt werden darf. Und all das verbunden mit der Ungewissheit, was als nächstes kommt und ob der eigene Klangkörper die Krise übersteht. Von außen betrachtet mag der Eindruck von Entschleunigung entstehen, weil derzeit keine Veranstaltungen stattfinden. Aber in Wahrheit brennt hier die Luft.

Lena Krause

Lena Krause ist Geschäftsführerin von FREO - Freie Ensembles und Orchester in Deutschland e.V. Zuvor arbeitete sie als Geschäftsführerin des Ateliers Neue Musik an der Hochschule für Künste Bremen und anschließend als Managerin und Produktionsleiterin des ensemble mosaik in Berlin.


Das Gespräch mit Lena Krause führte Karin Stoverock am 4. Juni 2020.



Foto Lena Krause / FREO