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19. Januar 2012

Clytus Gottwald erhält den Preis der Europäischen Kirchenmusik 2012

Der Chorleiter und Komponist, Musikwissenschaftler, Theologe und Soziologe Prof. Dr. Clytus Gottwald erhält den Preis der Europäischen Kirchenmusik 2012. Mit der Auszeichnung ehrt die Stadt Schwäbisch Gmünd Clytus Gottwald für seine wegweisenden Anregungen zur Schaffung und Vermittlung Geistlicher Musik. In theoretischer und praktischer Auseinandersetzung verweist er auf die spirituelle Kraft der Musik und eröffnet neue Horizonte. Die Chorliteratur bereicherte er mit herausragenden Transkriptionen älterer Musik und beförderte den musikalischen Standard der aktuellen Chorszene. Der Preis wird während des Festivals Europäische Kirchenmusik (13. Juli bis 5. August) am Dienstag, 24. Juli, um 20 Uhr in der Augustinuskirche durch Oberbürgermeister Richard Arnold verliehen. Die Laudatio hält der Programmdirektor des Festivals, Dr. Ewald Liska. Vor der Preisverleihung singt das französische Vokalensemble „Sequenza 9.3“ unter Leitung von Catherine Simonpietri Bearbeitungen von Clytus Gottwald.

Der Preis der Europäischen Kirchenmusik ist mit 5.000 Euro dotiert und wird seit 1999 zum 14. Mal verliehen. Mit ihm werden hochrangige Interpreten und Komponisten für wegweisende Leistungen im Bereich der Geistlichen Musik ausgezeichnet. Unter den bisherigen Preisträgern waren die Komponisten Petr Eben, Sofia Gubaidulina, Klaus Huber, Arvo Pärt, Krzysztof Penderecki, Dieter Schnebel und Hans Zender. Zu den Geehrten gehören ferner die Dirigenten Frieder Bernius, Marcus Creed, Eric Ericson und Helmuth Rilling sowie der Kammersänger Peter Schreier und der französische Organist Daniel Roth.

Kompositorisch denkender Mensch
Die Verdienste von Clytus Gottwald für die zeitgenössische A-cappella-Musik sind von besonderer Bedeutung. Nicht nur von der Presse wurde er als Vater des modernen Chorgesangs apostrophiert. Einen „Künstlergelehrten“ nannte Manfred Schreier seinen Kollegen. Sich selbst versteht der heute 86-Jährige, der sich gerne als „alten Praktiker“ bezeichnet, weniger als Komponist: „Ich komponiere nicht, ich bin nur ein kompositorisch denkender Mensch“, sagt er lieber. Sein erklärtes Ziel war es, „den Chor als Instrument wieder ernst zu nehmen“.
Dieses „ernst zu nehmende Instrument“ schuf Gottwald 1960 mit der von ihm gegründeten Schola Cantorum Stuttgart, einem 16- bis 18-stimmigen professionellen Vokalensemble. Bis zu seiner Auflösung 1990 sang dieses Ensemble über 80 Ur- und Erstaufführungen und gastierte bei allen Festivals für Neue Musik von Moskau bis New York, von Edinburgh bis Jerusalem. Pierre Boulez, Mauricio Kagel, Dieter Schnebel, Helmut Lachenmann, Krzysztof Penderecki, György Ligeti, Heinz Holliger und viele andere schrieben für diese Formation. Ungeahnte Explorationen in Musik und Sprache, auch Aktionen ergaben sich. Bahnbrechend war 1965 die Uraufführung von Dieter Schnebels als unsingbar geltendem ersten Teil von „missa est“ mit dem Titel „dt 31,6“. Mit der Schola Cantorum Stuttgart wurde Gottwald zum entscheidenden Vermittler, ja selbst zum innovativen Impulsgeber neuer Vokalmusik, die er gegenwarts- und zukunftsfähig machte.
Doch Clytus Gottwald war nicht nur 30 Jahre lang Leiter eines heute legendären Elitechors, sondern auch komponierend tätig. Seine Bearbeitungen von Werken der Spätromantik und des Impressionismus gaben der Chormusik eine neue, ebenso anspruchsvolle wie sinnliche Qualität. Wegweisend war Gottwalds einfühlsame Bearbeitung von Gustav Mahlers Rückert-Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ (1985), die Eric Ericson zu internationaler Bekanntheit führte und zum Klassiker gegenwärtiger Chorliteratur wurde. In diesen Transkriptionen für Vokalorchester übertrug er Satztechniken der Neuen Musik auf Klavier- und Orchesterlieder von Schubert, Berlioz, Wagner, Wolf bis zu Mahler und Debussy. Ligetis Mikropolyphonie im Chorwerk „Lux aeterna“ in Verbindung mit den Klangerfahrungen der Renaissance gaben den Anstoß dazu. Mit überwältigendem Erfolg setzten sich inzwischen diese neuen Vokalklänge auf den Chorbühnen der ganzen Welt durch.
Der geistlichen Musik ist Clytus Gottwald besonders verbunden. Mehrfach standen seine Bearbeitungen für Vokalensembles beim Festival Europäische Kirchenmusik in den vergangenen Jahren im Programm. Aus einer „produktiven Distanz zur Theologie“ könne es Alter wie Neuer Musik gelingen, „dass Musik Religion nicht bloß schönredet, sondern in ihren eigenen Reflexionsprozess“ einbezieht und den Kirchen „meta-theologische Impulse“ mitgeben kann, so Gottwald in seinem musikphilosophischen Opus „Neue Musik als spekulative Theologie“ (2003). Damit reklamierte Gottwald für die aktuelle geistliche Musik eine Perspektive und ein Podium.

Quelle: http://www.kirchenmusik-festival.de