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20. Januar 2011

Hans Zender erhält den Preis der Europäischen Kirchenmusik 2011

Hans Zender zählt zu den prominentesten und profiliertesten Repräsentanten der zeitgenössischen Musik – als Komponist wie auch als Dirigent, Hochschullehrer und Verfasser zahlreicher musikästhetischer und -philosophischer Schriften. Für seine Kompositionen, die von tiefer Humanität getragen sind und Brücken schlagen zwischen kulturellen und religiösen Traditionen, verleiht ihm die Stadt Schwäbisch Gmünd den Preis der Europäischen Kirchenmusik 2011. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wird während des Festivals Europäische Kirchenmusik (15. Juli bis 7. August) am Donnerstag, 28. Juli, um 20 Uhr im Heilig-Kreuz-Münster durch Oberbürgermeister Richard Arnold verliehen. Die Laudatio hält Professor Dr. Dr. h.c. Ingolf U. Dalferth (Zürich). Der Preisverleihung voraus geht die Uraufführung von Hans Zenders „Logos-Fragmenten“ Nr. 7 und 8, bei der Emilio Pomárico das SWR Vokalensemble Stuttgart und das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg dirigiert. Ferner erklingen Zenders „Schubert-Chöre“ sowie die Sinfonie h-Moll von Franz Schubert, die „Unvollendete“.

Der Preis der Europäischen Kirchenmusik
Die Stadt Schwäbisch Gmünd verleiht diesen Preis seit 1999 zum 13. Mal. Die Auszeichnung ehrt hochrangige Interpreten und Komponisten für wegweisende Leistungen im Bereich der Geistlichen Musik. Den Preis erhielten bisher die Komponisten Sofia Gubaidulina, Petr Eben, Klaus Huber, Arvo Pärt, Krzysztof Penderecki und Dieter Schnebel. Weitere Preisträger waren die Dirigenten Frieder Bernius, Marcus Creed, Eric Ericson und Helmuth Rilling, der Kammersänger Peter Schreier sowie der französische Organist Daniel Roth.

Der Preisträger
Hans Zender wurde am 22. November 1936 in Wiesbaden geboren und studierte Komposition, Klavier und Dirigieren an den Musikhochschulen in Frankfurt und Freiburg. Nach ersten Theaterjahren in Freiburg wurde er 1964 Chefdirigent der Bonner Oper. 1969 ging er als Generalmusikdirektor nach Kiel, übernahm 1972 für mehr als ein Jahrzehnt die Chefdirigentenstelle des Sinfonieorchesters des Saarländischen Rundfunks und war von 1984 bis 1987 Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper. Die folgenden drei Jahre wirkte er beim Niederländischen Rundfunk und an der Opéra National in Brüssel. Von 1999 bis 2009 war er ständiger Gastdirigent und Mitglied der künstlerischen Leitung des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Er dirigierte auf vielen internationalen Festivals wie Bayreuth, Berlin, Wien oder Salzburg. An allen Wirkungsstätten hat sich Hans Zender intensiv für die Neue Musik und ganz besonders für das Schaffen von Olivier Messiaen, Bernd Alois Zimmermann, Giacinto Scelsi und Helmut Lachenmann eingesetzt. Unter dem Titel „Die Sinne denken“ wurden 2004 Hans Zenders gesammelte „Texte zur Musik“ veröffentlicht, in denen sich der Musiker mit einem breiten Spektrum von historischen, philosophischen, ästhetischen und kulturkritischen Fragestellungen auseinandersetzt. Für sein Wirken erhielt Hans Zender zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen, darunter den Musikpreis und den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main, den Hessischen Kulturpreis und den Kunstpreis des Saarlandes, sowie die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Zürich (2008). Hans Zender ist Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und Hamburg und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München.

Hans Zenders kompositorisches Werk
„Ich habe schon lange akzeptiert, dass mein Inneres mich von Werk zu Werk zwingt, auf die komplexe Situation der Gegenwart mit immer neuen ästhetischen Fragestellungen zu reagieren“, bekennt Hans Zender. Damit deutet sich an, vor welchem offenen Horizont sich sein Komponieren bewegt. Unter den namhaften Komponisten der Gegenwart gehört Zender zu denjenigen, die am konsequentesten und beharrlichsten verschiedene Möglichkeiten eines „pluralistischen“ Komponierens ausloten. Mit seiner Kunst will Hans Zender keine Wohlfühloasen schaffen, sondern mit Klanglandschaften Raum und Zeit durchmessen, zwischen kontemplativer Ruhe und konzentrierter, lebendiger Wirkung und Anregung. Spirituelle Musik soll ein „Übungsweg“ zum geistigen Zentrum des Menschen sein, ein „Garant lebenskräftiger Entwicklungen“.
Die Karriere von Hans Zender als Dirigent war von Beginn an von reflektierender und schöpferischer Tätigkeit begleitet. Dabei verschoben sich die Gewichte im Laufe der Zeit immer mehr zugunsten des Komponierens, das nun das Zentrum seines Künstlertums bildet. Er war dabei von 1988 bis 2000 auch Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. In seinem umfangreichen und vielgestaltigen kompositorischen Oeuvre dominiert die Vokalmusik. Zender selbst hat verschiedene Werke durch gemeinsame Titel oder Untertitel zu übergreifenden Reihen zusammengefasst. Folgen wie „Hölderlin lesen“ oder „Cantos“ sind durch die Auseinandersetzung mit anspruchsvoller Literatur gekennzeichnet. Reine Bibelvertonungen finden sich im Konzert „Römer VIII“ und der Motette „Johannes III“. Eine große Rolle spielt mystisches Denken bei ihm, sei es mit Quellen des christlichen Mittelalters oder mit fernöstlichen Bezügen: Zum einen zählen die „Kantate nach Meister Eckhart“ und das Werk „Die Wüste hat 12 Ding“ nach Mechthild von Magdeburg, zum anderen zählen die meist kammermusikalischen Serien der „Lo Shu“- und „Kho“-Kompositionen sowie die „Kalligraphien“ für Orchester. In seinen bisher drei musikdramatischen Werken „Stephen Climax“ (nach James Joyce, 1979-84), „Don Quijote de la Mancha“ (1989-94) und „Chief Joseph“ (im Auftrag der Staatsoper Berlin, uraufgeführt 2005) verfolgt Zender einen experimentellen, collageartigen Ansatz, der sich weit von konventioneller Dramatik entfernt.
Ein breiteres Publikum hat Hans Zender mit seinen „komponierten Interpretationen“ erreicht, Bearbeitungen großer Werke der Tradition wie Schuberts „Winterreise“, die diese bekannten Stücke auf eine neue Weise erfahrbar machen. An dieser Werkreihe wird ein Element seines Schaffens besonders deutlich, das vielleicht doch so etwas wie eine Konstante bildet: das Erschließen neuer Möglichkeiten künstlerischer Erfahrung.

Quelle: http://www.kirchenmusik-festival.de