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16. Juni 2009

Be-Geisterung durch Gospelsingen

Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD stellt Gospelstudie vor

Der Gospel hat in Deutschland viele Anhänger gewonnen. Schätzungsweise 3.000 Gospelchöre mit mehr als 100.000 Mitgliedern sind bereits aktiv, Tendenz steigend. Verlässliche Daten über die Herkunft der Sängerinnen und Sänger, die Motive, das Alter und die Beteiligung am kirchlichen Gemeindeleben gab es bislang nicht. Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD (SI) schließt jetzt diese Forschungslücke. 8.411 Sängerinnen und Sänger und 421 Chorleiterinnen und Chorleiter gaben Auskunft für diese erste bundesweite Befragung. SI-Projektleiterin Petra-Angela Ahrens stellt heute in Karlsruhe gemeinsam mit dem badischen Landesbischof Ulrich Fischer, Oberlandeskirchenrat Hans Christian Brandy aus der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und Martin Bartelworth, Creative Kirche und Geschäftsführer des Internationalen Gospelkirchentages, die Ergebnisse vor. Der Ort für die Präsentation ist bewusst gewählt: Vom 10. bis 12. September 2010 findet in Karlsruhe der fünfte Internationale Gospelkirchentag statt. 

„In einem Gospelchor zu singen, ist auch für Menschen attraktiv, die sich sonst kaum am kirchlichen Gemeindeleben beteiligen“, bestätigt Landesbischof Fischer. „Die Studie stärkt uns in der Erfahrung, dass Gospelchöre gelebte Ökumene in den Kirchengemeinden verwirklichen, sie integrieren und stiften Gemeinschaft zwischen Konfessionen und Generationen“, so Fischer weiter.

„Die Auswertung ergab, dass sich bei 44 Prozent der Befragten das Gefühl der kirchlichen Verbundenheit durch die Mitwirkung im Gospelchor verstärkt hat. Viele Sängerinnen und Sänger erlebten über ihre Einbindung in das Chorleben eine Veränderung in ihrer Beziehung zur Kirche. 32 Prozent fühlen sich in ihrer Religiosität gestärkt“, sagt die Soziologin Ahrens. Für Martin Bartelworth belegt die Studie, die auch in Form einer Broschüre vorliegt: „Die Gospelbewegung ist eine großartige Chance für die Menschen und für die Kirche.“

“Beim Gospelkirchentag in Hannover haben wir die Begeisterung eindrucksvoll erlebt“, so Oberlandeskirchenrat Hans Christian Brandy. „Die Studie weist nun nach, dass besonders jüngere Menschen, die im Gospelchor Begeisterung und Spaß erleben, der Kirche und dem Glauben näher kommen. Gospelchöre sind Ausdruck einer fröhlichen und missionarischen Kirche. Das wollen wir weiter fördern.“

Gospelsängerinnen und -sänger sind im Schnitt 42 Jahre alt. Der formale Bildungsstand ist überdurchschnittlich: 56 Prozent haben zumindest die Fachhochschulreife. Der Anteil von Frauen beträgt 80 Prozent, zehn Prozent mehr als bei gemischten Chören. Gospelsängerinnen und -sänger bevorzugen mit Pop, Musical und Rock eher moderne, rhythmusbetonte Stilrichtungen. Die klassische Musik findet weniger Zuspruch. Volksmusik, Operette und Schlager treffen überwiegend sogar auf Ablehnung.

Neben der Freude am Singen und Musizieren, die ausnahmslos alle Sängerinnen und Sänger miteinander verbindet, spielt die Gemeinschaftserfahrung im Chor eine große Rolle. „93 Prozent der Befragten nennen sie als Motiv für die Mitwirkung“, hebt SI-Projektleiterin Ahrens hervor. „Bei den Chorproben tanke ich auf, kann Alltagsschwierigkeiten vergessen. Erkenne aber auch, was ich an Gott habe“, sagt Gospelsänger Friedemann Winter (27). „Wir sprechen mit dieser Musik genau die mittlere Generation von 25 bis 60 Jahren an, die oft in den Kirchen fehlt“, betont Roland Scheel (49) vom Gospelchor Warder. Die Befragten waren einstimmig der Meinung: Gospel gibt Kraft für den Alltag und verbindet ganz unterschiedliche Charaktere. Diese Art von Musik begeistert Menschen, die der Kirchen nahe stehen ebenso wie jene, die der Kirche distanziert gegenüberstehen.

„Man darf daraus jedoch nicht den Schluss ziehen, dass Gospelchöre ein Allheilmittel sind, um die Kirchen zu füllen“, gibt Petra-Angela Ahrens zu bedenken. „Schon das Singen in einem Chor ist nicht für jeden attraktiv und geeignet.“ Voraussetzung sei zudem, dass man den rhythmusbetonten und fröhlich-swingenden Stil der Gospelmusik mag und offen sei für religiöse Fragen.

Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD (SI) verschickte in Kooperation mit Creative Kirche und dank der Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und der Hanns-Lilje-Stiftung im Sommer 2008 bundesweit an 1.605 Chöre die Fragebögen. „Die Rücklaufquote lag bei 29 Prozent. Das ist ein sehr gutes Ergebnis“, sagt Projektleiterin Ahrens.

Quelle: http://www.ekd.de