Zurück Weiter

04. Mai 2015

Pierre Boulez mit Hamburger Bach-Preis ausgezeichnet

Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler hat dem französischen Komponisten, Kompositionslehrer und Dirigenten Pierre Boulez an seinem Wohnsitz in Baden-Baden den mit 10.000 Euro dotierten Bach-Preis 2015 des Hamburger Senates persönlich überreicht.

Kultursenatorin Prof. Barbara Kisseler: „Pierre Boulez ist im Laufe seines ungeheuer produktiven, wirkmächtigen und das Musikleben unserer Zeit so prägenden Lebens, zu einem richtungsweisenden Komponisten und Dirigenten der Moderne geworden. Pierre Boulez ist gleichermaßen musikalischer Erneuerer, feinsinniger kulturpolitischer Visionär, hochverdienter und -geschätzter Lehrer, Wegbereiter des musikalischen Nachwuchses, faszinierender Autor, Kunstdenker und -schöpfer und vieles mehr. Es ist mir eine Ehre, Pierre Boulez den Bach-Preis 2015 im Namen des Hamburger Senats persönlich zu überreichen.“

Als Hommage an Pierre Boulez werden die Philharmoniker Hamburg am 30. April 2016 und am 2. Mai 2016 in der Hauptkirche St. Michaelis seine Komposition „Répons“ aufführen. Das Konzert steht unter der Leitung des designierten Generalmusikdirektors der Staatsoper Hamburg, Kent Nagano, der als Mitglied des Preisrichterkollegiums die Ernennung von Pierre Boulez zum Bach-Preisträger 2015 auf diese Weise besonders würdigt. Im Anschluss an das Konzert am 30. April 2016 lädt der Senat aus Anlass der Preisverleihung zu einem Empfang in die Krypta von St. Michaelis ein.
Weitere Mitglieder des Preisrichterkollegiums für den Bach-Preis 2015 waren neben Kent Nagano, Dr. Christian Kuhnt, Intendant Schleswig-Holstein Musikfestival; Prof. Elmar Lampson, Präsident der Hochschule für Musik und Theater; Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant Elbphilharmonie; Prof. Dr. Rebecca Saunders, Komponistin; Andrea Zietzschmann, NDR, Leitung des Bereichs Orchester, Chor & Konzerte; Prof. Tabea Zimmermann, Bratschistin & Artist in Residence des Ensemble Resonanz.

Der Bach-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg wird seit 1950 alle vier Jahre, anlässlich des 200. Todestages von Johann Sebastian Bach, vom Senat vergeben. Vorherige Preisträger sind unter anderem Paul Hindemith (1951), Ernst Krenek (1966), György Ligeti (1975), Alfred Schnittke (1992), Sofia Gubaidulina (2007) und zuletzt Tan Dun (2011).


Würdigung PIERRE BOULEZ

Der französische Komponist, Dirigent und Lehrer Pierre Boulez erhält den Bach-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg 2015. Damit ehrt die Stadt Hamburg einen herausragen-den Vertreter der musikalischen Avantgarde, dessen Werke die Musikgeschichte nachhaltig verändert haben, seit über fünfzig Jahren Orientierungspunkt für Komponisten in aller Welt sind und in der klassischen Musik der Gegenwart spürbaren Niederschlag gefunden haben.

Pierre Boulez wurde am 26.3.1925 in Montbrison/Loire, Frankreich geboren. Bereits als Kind entwickelte er ebenso viel Interesse an Musik wie an Mathematik. Ab 1943 studierte er in Paris am Conservatoire National Supérieur bei Olivier Messiaen, Andrée Vaurabourg-Honegger und René Leibowitz. Als Kompositionsschüler verstand er das Komponieren als eine Art ästhetische Forschung, und schon in dieser Zeit entstanden erste Werke der seriellen Musik, jenes Stils, der ihn in den 50er Jahren berühmt machen sollte.

Schon früh erlangte er den Ruf des treibenden Gestalters der Pariser Musik-Avantgarde, indem er das musikalische Erbe seiner Vorgänger zuspitzte: Boulez radikalisierte in seinen Stücken die Idee der mathematischen Beherrschung von musikalischen Material, wie es etwa Anton Webern in der Zwölftonmusik betrieben hatte. Er übertrug die serielle Technik auf weitere musikalische Parameter und schuf so eine Ästhetik bestechender Rationalität und Logik – nicht als Selbstzweck, sondern als Fundament für freien Ausdruck und Klang-lichkeit in der Tradition des französischen Impressionismus. Mit dieser Haltung steht Boulez durchaus in der Nähe von Johann Sebastian Bach, dem Namensgeber des Hamburger Bach-Preises. Über dessen „Musikalisches Opfer“ sagte er einmal: „Man muss nicht alle seine komplizierten kontrapunktischen Tricks verstehen, um es genießen zu können. Man hört das Ergebnis, und das ist es, was zählt.“ Nach diesem Credo ging Boulez selbst vor. Sein Freund und Kollege Daniel Barenboim formulierte es so: „Boulez’ Stücken gelingt es immer, aus dem musikalischen Material das Maximum an Möglichkeiten zu schöpfen. Wenn er die Wahl hat, etwas ganz simpel auszudrücken oder es komplexer zu sagen und damit farbiger, interessanter, dann wird er immer die zweite Möglichkeit bevorzugen.“

Ähnlich wie bei seinem Lehrer Messiaen oder auch bei Igor Strawinsky lösten Boulez´ Kompositionen eine Welle der musikalischen Neuordnung aus, die ihn zu einer wichtigen Vaterfigur der Moderne macht. Dabei war Pierre Boulez immer äußerst selbstkritisch; häufig überarbeitete er seine Werke mehrfach über längere Zeiträume hinweg.

Ab 1952 nahm Pierre Boulez regelmäßig an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil, wo er sich mit gleichgesinnten Komponisten wie Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono austauschte. Sein Ruf nach musikalischer Forschung und Erneuerung manifestierte sich 1976 in der Gründung des „Institut de Recherche et Coordination Acoustique-Musique“ (IRCAM) und des Ensemble Intercontemporain. Im Pariser Centre Pompidou beheimatet, bot das elektro-akustische Studio in Kombination mit dem Ensemble, dessen Mitglieder sich ausschließlich der Aufführung zeitgenössischer Musik widmen, Boulez und vielen anderen Komponisten die Möglichkeit, eine neue musikalische Sprache zu finden. Das Ensemble Intercontemporain hat seine zweite Heimat in der 1995 eröffneten Cité de la Musique gefunden, die ebenso auf Boulez massgebliche Initiative zurückgeht wie die im Januar 2015 inaugurierte Philharmonie de Paris.

Neben seiner Tätigkeit als Komponist wirkte Pierre Boulez erfolgreich als Kompositions-lehrer (etwa in Harvard und in Basel) und als Dirigent. Nachdem er zunächst nur Aufführungen eigener Werke geleitet hatte, stand er bald am Pult großer Orchester und Opernproduktionen. 1963 dirigierte er Alban Bergs „Wozzeck“ in Paris; 1966 folgte sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen mit dem „Parsifal“ in Wieland Wagners Inszenierung. 1976 leitete er hier Patrice Chéreaus „Jahrhundertring“ – assistiert von Jeffrey Tate, dem heutigen Dirigent der Hamburger Symphoniker. Boulez wirkte als Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra (1969-1975) und der New Yorker Philharmoniker (1970-1977) und gastierte regelmäßig bei Weltorchestern wie den Berliner und Wiener Philharmonikern. Eine über fünfzigjährige Zusammenarbeit verbindet ihn mit dem SWR Sinfonieorchester in Baden-Baden, wo er noch heute lebt. Als Leiter der Orchesterakademie beim Lucerne Festival teilt er sein Wissen mit jungen, aufstrebenden Dirigenten und Komponisten.

Pierre Boulez wurde vielfach mit Auszeichnungen geehrt. Unter anderem erhielt er 1979 den Ernst von Siemens Musikpreis, 1983 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, 1992 den Theodor-W.-Adorno-Preis, 1995 den Preis der deutschen Schallp-lattenkritik, 2002 den Glenn-Gould-Preis, 2008 den Deutsch-Französischen Kulturpreis, 2009 den Kyoto-Preis und 2012 den Robert-Schumann-Preis für Dichtung und Musik. Zudem ist er Träger des Ordre des Arts et des Lettres.

In Hamburg wurde Pierre Boulez bereits frühzeitig rezipiert. Die NDR-Konzertreihe „das neue werk“ bot ihm ein ständiges, fachkundiges und enthusiastisches Forum und mit dem Rolf-Liebermann-Studio eine Bühne, auf der Boulez‘ Werke stets präsent waren. Diese Beziehung begann 1957 mit einer Aufführung von Boulez‘ bahnbrechendem Klavierwerk „Structures“ gemeinsam mit der französischen Pianistin Yvonne Loriod. 1958 erklang in Hamburg die Uraufführung von zwei „Improvisations sur Mallarmé“ für Solosopran und Orchester nach Gedichten von Stéphane Mallarmé, eine Auftragskomposition des NDR. In der Folge machte Boulez sie zum Nukleus seines Zyklus „Pli selon pli. Portrait de Mallarmé“, den er 1961 in Hamburg vorstellte. Bis 1966 war Boulez zudem regelmäßiger Gastdirigent beim NDR Sinfonieorchester. In dieser Zeit hielt er sich viel in Hamburg auf und besuchte unter anderem eine Paul-Klee-Ausstellung in der Kunsthalle. Im Oktober 1966 dirigierte er das 100. Konzert der Reihe „das neue werk“. Doch bald nahmen seine internationalen Dirigierverpflichtungen überhand, so dass er Hamburg nur noch sporadisch besuchen konnte. Der NDR gratulierte ihm zu runden Geburtstagen jedoch noch mehrfach mit opu-lenten Porträtkonzerten, beispielsweise unter Mitwirkung von Pierre-Laurent Aimard.

In Hamburg stand Pierre Boulez selbst zuletzt 2001 auf der Bühne, als er in zwei Jubiläums-konzerten sein Ensemble Intercontemporain leitete und „frenetischen Beifall“ erntete, so die Hamburger Presse. Und auch wenn Boulez seither gesundheitsbedingt nicht mehr in die Hansestadt gereist ist, so ist er mit seiner Musik doch unmittelbarer Teil der Hamburger Musikgeschichte.

Die Ehrung von Pierre Boulez anlässlich seines 90. Geburtstags setzt ein Zeichen dafür, dass die neue Musik in der Musikstadt Hamburg ihren Raum gefunden hat und sendet somit ein Signal, das deutlich über Hamburg hinaus wahrgenommen wird.

Quelle: http://www.hamburg.de