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08. Juli 2014

Thüringer Tage der Synagogenmusik beginnen morgen

Drei Fragen an den Weimarer Professor für jüdische Musikgeschichte, Dr. Jascha Nemtsov

Im Rahmen der Thüringer Tage der Synagogenmusik vom 9. bis 12. Juli 2014 in Weimar, Erfurt und Berkach gibt es Konzerte, ein internationales Symposium und – als historisches Ereignis – einen Freitagabend-Gottesdienst in der Alten Synagoge Erfurt. Festlich werden die Tage am Mittwoch, 9. Juli um 20:00 Uhr im Festsaal Fürstenhaus der Weimarer Musikhochschule eröffnet: Führende Kantoren der Welt interpretieren gemeinsam mit den besten Kantorenstudenten des Abraham Geiger Kollegs und dem Kammerchor der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar bedeutende Werke der Synagogenmusik. Über dieses Ereignis gab der Weimarer Professor für jüdische Musikgeschichte, Dr. Jascha Nemtsov, Auskunft.

Herr Prof. Nemtsov, die Veranstaltungsreihe stellt die synagogale Musik in den Mittelpunkt. Welchen Platz nimmt sie im Kosmos der jüdischen Musik ein?

Jascha Nemtsov: Die Musik der Synagoge ist der älteste Teil der jüdischen musikalischen Tradition. Manche Gesänge, wie etwa die Motive, mit denen die biblischen Texte vorgetragen werden, sind vermutlich bis zu 2000 Jahre alt. Synagogale Musik hat wesentlich die anderen Facetten der jüdischen Musik beeinflusst. Elemente davon finden sich in der Klezmer-Musik genauso wie in chassidischen Gesängen, jiddischen Volksliedern oder in Werken jüdischen Stils für die Konzertbühne.

Worauf wurde bei der Auswahl des Eröffnungskonzertprogramms Wert gelegt?

Nemtsov: Wir wollten ein repräsentatives Programm mit Werken von hoher künstlerischer Qualität zusammenstellen. Viele der Werke stammen aus dem 20. Jahrhundert, manche von ihnen basieren jedoch auf traditionellen Melodien, die zum Teil jahrhundertealt sind. So stellt das bekannte „Kaddisch“ von Maurice Ravel die Bearbeitung einer traditionellen Melodie der sephardischen Juden dar. Viele andere Werke sind zwar Originalkompositionen, sie benutzen aber ebenfalls traditionelle Motive und charakteristische Melodiewendungen.

Wie sieht die Ausbildung jüdischer Kantoren im 21. Jahrhundert aus?

Nemtsov: Vor der Shoah war Deutschland der Wirkungsort von vielen herausragenden jüdischen Kantoren und Synagogenkomponisten. Danach ist das Niveau der Synagogenmusik in Deutschland und generell in Europa dramatisch gefallen. Das Abraham Geiger Kolleg bildet eine neue Generation jüdischer Kantoren aus, die vor allem hohe Professionalität auszeichnet. Die Ausbildung verbindet anspruchsvolle akademische Studien, vokale Kompetenz und umfangreiche Praktika an jüdischen Gemeinden in Deutschland und im Ausland. Wichtig sind aber auch gewisse Führungsqualitäten, die Fähigkeit, sich an einer prominenten Stelle am Wiederaufbau des jüdischen Lebens in Deutschland zu beteiligen.

Quelle: http://www.hfm-weimar.de