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24. Januar 2014

Preis der Europäischen Kirchenmusik 2014 geht an den Thomanerchor Leipzig

Der weltweit berühmte Thomanerchor Leipzig erhält den Preis der Europäischen Kirchenmusik 2014. Mit dieser Auszeichnung, die erstmals an ein Ensemble geht, ehrt das von der Stadt Schwäbisch Gmünd getragene Festival den Knabenchor für seine großen Verdienste um die Pflege der geistlichen Musik und für seine über 800 Jahre gewachsene Bedeutung der musikalischen Nachwuchsförderung. Zum Auftakt des Festivals Europäische Kirchenmusik (16. Juli bis 10. August) wird der Preis im Festkonzert am Mittwoch, 16. Juli, um 20 Uhr im Heilig-Kreuz-Münster Schwäbisch Gmünd von Oberbürgermeister Richard Arnold an die Thomaner verliehen. Vor der Preisverleihung erklingen neben Kompositionen der Bach-Familie Motetten von Johannes Brahms und Max Reger sowie zeitgenössische Vertonungen von Volker Bräutigam, Siegfried Thiele, Reiner Dennewitz und Heinz Werner Zimmermann. Die Leitung hat Thomaskantor Georg Christoph Biller.

Der Preis der Europäischen Kirchenmusik ist mit 5000 Euro dotiert und wird seit 1999 zum 16. Mal verliehen. Er würdigt hochrangige Interpreten und Komponisten für wegweisende Leistungen im Bereich der geistlichen Musik. Unter den bisherigen Preisträgern waren die Komponisten Petr Eben, Sofia Gubaidulina, Klaus Huber, Arvo Pärt, Krzysztof Penderecki, Dieter Schnebel, Hans Zender und Sir John Tavener. Zu den Geehrten gehören ferner die Dirigenten Frieder Bernius, Marcus Creed, Eric Ericson und Helmuth Rilling sowie der französische Organist Daniel Roth, Kammersänger Peter Schreier und der Musikwissenschaftler, Komponist und Dirigent Clytus Gottwald.

Glauben, Singen, Lernen
Im Jahre 1212 begann mit der Gründung des Klosters St. Thomas und der dazugehörigen Klosterschule samt eigenem Knabenchor in Leipzig ein einzigartiges Kapitel der Musikgeschichte. Zahlreiche Schüler und Kantoren – allen voran Johann Sebastian Bach – machten die Thomaner im Laufe der Jahrhunderte weltberühmt. Unter dem Motto „Glauben, Singen, Lernen“ feierten sie unlängst unter der Leitung von Thomaskantor Georg Christoph Biller ihr 800-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass kam der Dokumentarfilm „Die Thomaner“ (2012) von Paul Smaczny und Günter Atteln mit großem Erfolg in die deutschen Kinos. Er bietet einen faszinierenden Einblick in den Alltag der jungen Sängerknaben: Heute leben, lernen und proben die Thomaner im neu errichteten Alumnat und besuchen das gegenüberliegende Thomasgymnasium. Im Zentrum der Chorarbeit stehen Vokalwerke des ehemaligen Thomaskantors Johann Sebastian Bach. Das Repertoire umfasst jedoch die geistliche und weltliche Literatur praktisch aller Epochen von der Renaissance bis zur Moderne. Neben regelmäßigen Konzertreisen in die ganze Welt, häufigen Medienauftritten und zahlreichen CD-Produktionen ist der Knabenchor vor allem in seiner Heimatstadt präsent. Über 2500 Menschen zieht es jeden Freitagabend und Samstagnachmittag in die „Motette“. Hier wird samstags gemeinsam mit dem Gewandhausorchester eine Kantate von Johann Sebastian Bach aufgeführt. Und wie zu dessen Lebzeiten übernimmt der Thomanerchor sonntags an historischer Wirkungsstätte die musikalische Gestaltung des Gottesdienstes.

Traditionell setzen die Thomaner zudem mit Aufführungen der Passionen, des Weihnachtsoratoriums und der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach vielfach beachtete Maßstäbe und prägen nachhaltig das Konzertleben. Mit der reichen Geschichte des Knabenchores im Rücken, einst selbst dort ausgebildet, blickt der aktuelle Thomaskantor Georg Christoph Biller planend in die Zukunft: „Noch mehr Menschen sollen von der Musik angesteckt werden.“ Rund um Thomasschule und Alumnat entsteht zu diesem Zweck das „Forum Thomanum“, ein internationales Bildungszentrum – zukunftsweisende Fortführung des altbewährten Zusammenspiels von wissenschaftlicher Bildung und Musik.

„Einmal Thomaner, immer Thomaner“
Das ist die Devise des Thomanerchores, dessen Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurück reicht. Mit der Säkularisation und dem damit verbundenen Rückbau der Stiftsgebäude von St. Thomas gingen Schule und Alumnat in die Verwaltung durch den Rat der Stadt über. Bedeutende Thomaskantoren dieser Zeit, darunter Johann Hermann Schein (1615-1630) und Johann Kuhnau (1701-1722), erweiterten das Repertoire und die Größe des Knabenchores, der maßgeblich dazu beitrug, dass sich Leipzig zu einem der wichtigsten Musikzentren des Landes entwickelte. Schon vor Johann Sebastian Bach, der bei seinem Besuch in Leipzig zunächst die Qualität des Chores beklagte, als Thomaskantor (1723-1750) dann aber dort lebenslang wirkte, waren sie weit bekannt. Nach seinem Tod folgten im Kantorat bedeutende Persönlichkeiten wie Johann Adam Hiller (1789-1801) und Moritz Hauptmann (1842-1868). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Thomanerchor existenzgefährdenden Belastungen ausgesetzt, 1874 sollte das Alumnat aufgelöst werden. Unter Gustav Schrecks Leitung (1892-1917) wuchsen die Thomaner zu dem auf strenger Chordisziplin basierenden A-cappella-Ensemble und wurden als ein in aller Welt künstlerisch ernstzunehmender Klangkörper berühmt. Mit Karl Straube (1918-1939) unternahmen die Thomaner in den 1920er Jahren erfolgreiche Reisen ins europäische Ausland. Ihm und seinem Nachfolger Günther Ramin (1939-1956) war es gelungen, nationalsozialistisches Gedankengut so weit als möglich vom Chor fernzuhalten. Weiterhin intensivierten sie die Neuaufbereitung der Bach-Pflege und mit dem Ende der Kriegszeit die internationale Konzerttätigkeit des Chores. Im Kantorat folgte 1956 Kurt Thomas, der seinen Dienst bereits nach vier Jahren beendete, als dem Chor eine für Dezember 1960 geplante Konzertreise nach Westdeutschland untersagt wurde. Unter der Leitung von Hans-Joachim Rotzsch (1972-1991) entstanden in den 1970er Jahren herausragende Aufnahmen der Bachschen Kantaten. Rotzsch trat 1991 zurück, nachdem seine IM-Tätigkeit für die Staatssicherheit bekannt geworden war. Als 16. Thomaskantor nach Bach leitet Georg Christoph Biller seit 1992 den Thomanerchor Leipzig, der in seiner beachtlichen Tradition alle politischen, kommunalen, religiösen und schulischen Auseinandersetzungen überdauert hat.

Quelle: http://www.schwaebisch-gmuend.de