„Das neue Lied“: Musik im christlichen Gottesdienst

Musik ist aus dem Gottesdienst nicht mehr wegzudenken. Ihr Ursprung liegt hier in der Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes, die vor allem im Gemeindechoral ihre unverwechselbare Ausformung gefunden hat. Darüber hinaus entwickelt die gottesdienstliche Musik immer wieder zeitgemäße Ausdrucksformen und sorgt so für das stetige Weiterwachsen einer jahrhundertealten Tradition.

Von Wolfgang Bretschneider

Zum Selbstverständnis

Die Überschrift „Das neue Lied“ mag verwundern, gilt doch die Kirchenmusik weithin als Inbegriff traditioneller Musik. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen in der Entwicklung der letzten 200 Jahre, während der die gottesdienstliche Musik den Anschluss an die zeitgenössische Musik weitgehend verloren hat. Besonders der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommene Cäcilianismus in der katholischen Kirche sorgte mit seiner ideologisch betriebenen Hinwendung zu musikalischen Stilistiken der Vergangenheit (Gregorianik, Musik der Renaissance) zu einer Erstarrung, die einer der Hauptgründe für das konservative Image auch heutiger Kirchenmusik ist.

Wer über die Kirchenmusik nachdenkt, muss zuerst nach ihrem Selbstverständnis fragen. Keine andere Musikgattung ist so eng mit dem christlichen Gottesdienst verbunden wie sie. „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ Diese im Buch der Psalmen, dem Gesangbuch der Juden und Christen, häufig anzutreffende Aufforderung trifft den Kern christlicher Musik. Die, die ihrem Gott vertrauen und auf ihn setzen, sehen ihre Existenz im visionären Spiegel der Neuschöpfung, sich erfüllend in Frieden, Barmherzigkeit und Versöhnung. Im christlichen Verständnis ist sie durch die Botschaft des Jesus von Nazareth zur Vollendung gelangt, allerdings in der bleibenden Spannung vom „Schon-Jetzt und Noch-Nicht“. Damit erhält das Wort „neu“ seine ureigene, ganz spezifische Ausrichtung, die sich abgrenzt vom Zeitgenössischen und jeweils Aktuellen.

Bezogen auf die Musik würde das bedeuten: Wir hören und singen das neu geschaffene Lied zum ersten Mal, ergriffen oder ratlos. Aber auch: Wir erleben eine alte, uns längst bekannte Komposition auf einmal wie neu, überraschend, umwerfend, uns überaus glücklich stimmend oder verstörend zurücklassend. Erklären können wir es uns nicht. „Neu“ wäre also das Gegenteil von abgestanden, uns langweilend, nichts mehr bewegend. Gottesdienstliche Musik muss von diesem Selbstverständnis ausgehen, will sie ihrem Anspruch gerecht werden. Immerhin geht es beim Gottesdienst um das Herz der Gemeinde.

Kirchenmusik als „Klangrede“

Ganz gleich ob an hohen Fest- oder an "normalen" Sonntagen: Musik begleitet die wichtigen Stationen des Gottesdiensts, wie hier den feierlichen Einzug in den Kölner Dom. (Foto: Robert Boecker/Erzbistum Köln)

Die Zeiten, in denen die gottesdienstliche Musik nur als akustische Tapete, als „Behübschung“ (Philipp Harnoncourt) verstanden und behandelt wurde, dürften – auch in der katholischen Kirche, ausgelöst durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) – vorbei sein. Waren die liturgischen Handlungen zuvor nur den Priestern vorbehalten, so hatte nun auch die Beteiligung von Laien liturgische Gültigkeit erlangt.

In den ersten christlichen Jahrhunderten hatte die Musik einen festen, liturgischen Ort in den Gottesdiensten. Sie war nicht nur geduldet, sie war selbst Teil der Liturgie und erfüllte somit eine besondere Funktion im Gottesdienst. Die Ostkirchen sind von diesem Verständnis nie abgewichen. Für das Judentum wie das Christentum galt der Grundsatz: Kein Gottesdienst ohne Musik! Was ihn auszeichnet, ist sein Feiercharakter, denn in ihm soll es zur dreifachen personalen Begegnung kommen: zwischen Gott und Mensch, Mensch und Gott und der Menschen untereinander. Deshalb bilden Kommunikation und Interaktion die entscheidenden Bewegungen im Koordinatensystem von Vertikaler und Horizontaler. Grundlegend ist dafür das Selbstverständnis der Christen. Sie verstehen ihre Existenz vor Gott, ihre Herkunft aus Gott und ihre Zukunft in Gott. Die Musik ist hineingenommen in die aufgezeigten Dimensionen dank ihrer Vieldimensionalität.

Noch ein weiterer Aspekt ist wichtig. Der Mensch soll in der Liturgie in seiner ganzen Existenz angesprochen und aktiviert werden, in seiner Leib-Seele-Einheit, mit all seinen Kräften und Sinnen. Hier besitzt die Musik Möglichkeiten, die keinem anderen Medium eigen sind. Letztlich vermag sie – dies ist vielleicht ihr wichtigster Dienst –, vom Unsagbaren eine Ahnung zu vermitteln und dem Unaussprechlichen eine „Stimme“ zu geben. Vor diesem Hintergrund haben sich die drei liturgischen Grundvollzüge herausgebildet: Hören (des Wortes Gottes im Hier und Heute) – (es) bedenken – (darauf) antworten. Von hierher wird verständlich, dass Gottes-Dienst (in seiner Primärbedeutung als Dienst Gottes an den Menschen) sich immer als gott-menschliches, existenzielles Drama vollzieht, in dem die Tiefendimensionen menschlichen Lebens ausgelotet werden – in Lob, Dank und Vertrauen, aber auch im Fragen und Klagen. So wird Musik zur „Klangrede“, die letztlich über sich hinaus auf eine transzendente Sphäre verweist. Deshalb kann Gottesdienst auf sie nicht verzichten, und konsequenterweise hat die Kirche sie zu ihrer Kernkompetenz erklärt.

Die christliche Liturgie verstand sich von Anfang an als ein dialogisches Geschehen zwischen Gott und den Menschen und den Akteuren des Gottesdiensts (Vorsteher, Lektoren, Kantoren, Psalmisten, Musikensembles) und der Gemeinde als Subjekt der Versammlung. Das immer noch strapazierte Bild von Bühne (Altar) und Publikum wird dem christlichen Gottesdienst nicht gerecht, auch wenn es in früheren Zeiten zuweilen so verstanden worden war. Grundsätzlich handelt es sich bei jedem Gottesdienst um eine Feier, in deren Rahmen die Präsentation liturgischer Texte eine wesentliche Rolle spielt. Inwiefern die Texte dabei musikalisch gestaltet werden, richtet sich üblicherweise nach der Hierarchie der Festlichkeiten im kirchlichen Jahreslauf, so dass an gewöhnlichen Sonntagen die musikalische Prägung des Gottesdiensts anders ausfällt als beispielsweise während des Oster- oder Weihnachtsfests.

Von dieser Grundsicht ergeben sich die unterschiedlichen liturgischen Vollzüge: verkünden, hören und bedenken, antworten, schweigen. Die Musik hat die Fähigkeit, diesen Dimensionen ihre jeweils besondere Gestalt und Intensität, ihre Aktualität und Regionalität zu geben. Im Hinblick darauf kann aus dem reichen kirchenmusikalischen Schatz der Vergangenheit und der Gegenwart geschöpft werden. Man muss sich dabei allerdings immer neu fragen, ob die konkrete musikalische Gestalt z. B. eines Antwortgesangs oder Klagepsalms, eines Gemeindelieds oder einer Messvertonung für die Gegenwart Aussage- und Überzeugungskraft besitzt. Dies betrifft alle christlichen Kirchen gleichermaßen.

Die Leistung der Reformatoren

Martin Luther setzte die Musik als pädagogisches Mittel christlicher Menschenbildung ein und entfaltete damit auch eine indirekte Wirkung auf die Musik in der katholischen Kirche. (Foto: Lutherstadt Wittenberg Marketing GmbH)

Martin Luther hatte die ursprüngliche Bedeutung der Musik für die Theologie, den Gottesdienst und die Verkündigung wieder freigelegt. „Ich gebe nach der Theologie der Musica den nähesten Locum und höchste Ehre“ (Tischreden 7034). Er verstand die Musik als „Gotteslob“, als „Gemeindeopfer“ und als pädagogisches Mittel christlicher Menschbildung, vor allem der Jugend. Eine alte Erfahrung, die für den Glauben kaum überschätzt werden kann, hat der Reformator so formuliert: „So sie [die Christen] nicht singen, so gläuben sie nicht“ (Vorrede zum Babst’schen Gesangbuch, 1545). Die Kirchenmusiker der „neuen Lehre“ hatten die wiederentdeckte Sicht der Musik mit Begeisterung aufgenommen, bedeutete dies eine immense Aufwertung ihrer Arbeit. In dieser Tradition steht auch das kirchenmusikalische Credo von Johann Sebastian Bach: „Bey einer andächtig Musik ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart“ (eigenhändige Eintragung in der Calov-Bibel zu der Stelle 1 Chron. 28).

Dies trifft nicht nur auf die großen Werke zu wie Kantaten, Passionen und Oratorien. Gemeint sind auch einfache Formen wie Choräle und Ordinariumsgesänge. Gerade die strophischen Lieder in der Nachfolge der Psalmen sind eine faszinierende, zuweilen turbulente Geschichte menschlich-spiritueller Erfahrungen, eine Intimgeschichte, die nicht selten betroffen und nachdenklich macht. Um ihren Reichtum werden vor allem die deutschsprachigen katholischen und evangelischen Länder beneidet, die beide es den Reformatoren zu verdanken haben. Die Choräle, die sich im Verlauf der Jahrhunderte herauskristallisiert haben, gehören zum Besten an gottesdienstlicher Musik. Hier erklingt das „neue Lied“, nicht abgestanden, in Routine erstarrt, vielmehr Heimat gebend und Zuversicht schenkend, den nahen und fernen Gott erlebend. Auch viele Lieder der letzten 50 Jahre schöpfen aus dieser Tradition, mögen sie im Einzelnen auch eigene und ungewohnte Wege gegangen sein. Die Frage nach der Qualität von Text und Musik muss indes immer wieder neu gestellt werden. Die Lieder, die Menschen singen und die Musik, die sie hören, besitzen eine ungeheure Prägekraft. Neutralität gibt es nicht.

Streit um gottesdienstliche Musik ist nicht neu. Auseinandersetzungen um die richtige, wahre, angemessene Musik hat es immer gegeben. An der Leidenschaft und Schärfe der Diskussionen kann man ablesen, welche Bedeutung ihr zukommt. Die Liste der Verbote, der persönlichen oder allgemeinen Maßregelungen, der Androhung von Strafen ist lang und bunt. In der katholischen Kirche eskalierte der Streit um die wahre „musica sacra“ u. a. auf dem Konzil von Trient im 16. Jahrhundert. Da man wegen der überaus kunstvollen Kompositionstechniken die Texte nicht mehr verstehen konnte, drohte ihnen das Aus. Giovanni Pierluigi da Palestrina konnte dann doch mit seinen Kompositionen die Konzilsväter vom Gegenteil überzeugen. Auch unter den Reformatoren entbrannte heftiger Streit. Während die Orgel- und die Instrumentalmusik bei Luther hoch willkommen waren, wurden sie von Calvin und Zwingli aus dem Gottesdienstraum verbannt, z. T. auf brutale Weise. Im 19. Jahrhundert profilierten sich die beiden Großkirchen in dem neu erstandenen Cäcilianismus mit seinem zuweilen rigorosen Reformprogramm. Die Notwendigkeit einer Erneuerung der Kirchenmusik war gegeben: Viel Opern- und Straßenmusik hatte in die Kirchen Einzug gehalten, oft zum Vergnügen der Besucher. Doch die engen, restaurativen Reformforderungen haben die Kirchenmusik ins Abseits gedrängt, da sie ihr den Anschluss an die Gegenwartsmusik verweigerten. Auch das im Jahr 1903 von Pius X. veröffentlichte Lehrschreiben, das in vielen Punkten die Vorstellungen der Cäcilianer aufnahm, führte zu heftigem Streit. Es wollte im Besonderen die sakrale Musik von der weltlichen stärker abgrenzen. Auch in der jüngeren Vergangenheit gab es teilweise stürmische Kämpfe um das so genannte „Neue geistliche Lied“ (diese Bezeichnung entwickelte sich in den 1950er-Jahren in beiden christlichen Konfessionen innerhalb einer Bewegung namens „Songs junger Christen“. Zugrunde lagen oft international erfolgreiche Lieder der Popularmusik).

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Zentralstellen und Ämter für Kirchenmusik

Weitere Institutionen

Literatur

  • Der Gottesdienst und seine Musik, hrsg. v. Alber Gerhards und Matthias Schneider, Laaber: Laaber, 2011ff. (2 Bde.) (= Enzyklopädie der Kirchenmusik, Bd. 4)
  • Kirchenmusik im 20. Jahrhundert. Erbe und Auftrag, hrsg. v. Albert Gerhards, Münster: Lit, 2005 (Ästhetik – Theologie – Liturgik; Bd. 31)
  • Gesang im Gottesdienst. Emotion und Spiritualität, Rezeption traditioneller und neuerer Kirchenlieder, Sieghard Gall, München: Reactos-Medienforschung, 2013 (Studien zur Rezeptionsforschung Bd. 4)
  • Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder, hrsg. v. Hansjakob Becker, Ansgar Franz, Jürgen Henkys [u.a.], München: C. H. Beck, 2001
  • Das Neue Geistliche Lied. Neue Impulse für die Kirchenmusik, René Frank, Marburg: Tectum-Verlag, 2003

  • Popularmusik und Kirche - kein Widerspruch. Dokumentation des Ersten interdisziplinären Forums "Popularmusik und Kirche" in Bad Herrenalb vom 28. Februar bis 1. März 2000, hrsg. v. Wolfgang Kabus, Frankfurt: Peter Lang, 2000
  • Popularmusik, Jugendkultur und Kirche. Aufsätze zu einer interdisziplinären Debatte, hrsg. v. Wolfgang Kabus, Frankfurt: Peter Lang, 2000

Weitere Literatur

Links

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Das Zweite Vatikanische Konzil als Zäsur

Über viele Jahrhunderte hatte sich die Auffassung etabliert, Kirchenmusik sei die „Magd der Liturgie“ („ancilla liturgiae“), zumindest in den katholischen Kirchen. Sie sollte die Gottesdienste umrahmen. Notwendig war sie im eigentlichen Sinn nicht. Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat in seiner „Konstitution über die heilige Liturgie“ vom 4. Dezember 1963 der gottesdienstlichen Musik ihre ursprüngliche Bedeutung zurückgegeben. Sie sei ein „notwendiger und integrierender Bestandteil der feierlichen Liturgie“, gründend im erneuerten Liturgieverständnis, welches keine Aufteilung zwischen den am Altar Agierenden und den Zuschauern/Zuhörern mehr kennt. Alle waren von nun an Teilnehmende („participatio actuosa“) mit ihren je spezifischen Rollen. Hauptträger ist die Gemeinde. Aus ihr bilden sich die musikalischen Träger: Scholen, Chöre, Kantoren, Organisten und Instrumentalisten. Hiervon ausgehend ergibt sich z. B. auch die Funktion des Chors: Er singt in der Gemeinde, mit ihr und für sie (in dieser Reihenfolge!).

Eine weitere Konsequenz aus der erneuerten Sicht der Liturgie besteht darin, dass die Gemeinde oder der Chor nicht mehr zum Gloria singt, sondern das Gloria, diesen alten Christushymnus, selbst. Damit ist dieser Gesang Teil der Liturgie selbst und nicht nur eine dekorative Zutat.

Spezialfall: Instrumentalmusik

Neben dem Orgelspiel haben sich im Laufe der Zeit zahlreiche weitere Formen der Instrumentalmusik für den gottesdienstlichen Gebrauch etabliert: vom Soloinstrument bis zur Einbeziehung verschiedenster Ensembles. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)

In den ersten christlichen Jahrhunderten kam es oft zu wilden Debatten um die Bewertung der Instrumentalmusik im Gottesdienst. Allgemein galt sie als verboten, weil sie der christlichen Liturgie unwürdig erschien. Sie galt als vulgär, ungehörig, zur Raserei verführend und damit Verstand und freien Willen ausschaltend. Mit diesem „Blendwerk des Teufels“ würden der Unsitte und Zügellosigkeit Tür und Tor geöffnet. In der heidnischen Umgebung hatte man dafür genug Beweise. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis diese auf der dualistischen Gegenüberstellung von Geist und Materie beruhende Einstellung überwunden war. Die Pfeifenorgel, die zunächst als Kultinstrument für kaiserliche Zeremonien verwendet worden war, konnte spätestens ab dem 11. Jahrhundert in die Kirchen langsam Einzug halten (vgl. auch den Beitrag von Matthias Schneider "Zwischen Liturgie und Konzertsaal – Die Orgel"). Für große Räume war sie das geeignete Instrument und zudem noch ein sinnenfälliges Symbol für die christliche Gemeinde, die aus vielen Einzelnen (Pfeifen) eine Gemeinde (ein Gesamtklang) werden sollte. Die Bewertung und Zulassung anderer Instrumente war in den Jahrhunderten sehr unterschiedlich. Im Gegensatz zu den Ostkirchen sind heute grundsätzlich alle Instrumente zugelassen, sofern sie sich mit der Würde des Gottesdiensts vertragen und die geistliche Erbauung der Gläubigen fördern. Reine Instrumentalmusik kann an vielen Stellen des liturgischen Geschehens eingesetzt werden. Sie kann z. B. die Prozessionen (Einzug, Auszug, Gabenprozession etc.) begleiten, im Antwortgesang die Psalmen interpretieren oder auch allgemein zu Stille und Meditation erklingen. Neben der Orgel bieten sich auch andere Instrumente an, wobei von Soloinstrumenten eine besondere Faszination ausgeht.

Prinzip: Textbezug

Das "neue" Gotteslob ist das gemeinsame Gebet- und Gesangbuch der katholischen Bistümer in Deutschland, Österreich und Südtirol. 2013 wurde es um 75 Lieder aus dem 20. und 21. Jahrhundert erweitert. (Foto: Bernhard Riedl/Erzbistum Köln)

Fundament und Ausgangspunkt eines jeden Gottesdiensts sind seine Texte, entstanden über viele Jahrhunderte, von einer grandiosen Vielfalt und auch Schönheit: Schriftworte, Psalmen, Hymnen, Antiphonen, Litaneien u. a. mehr. Ihnen allen geht es um die Erschließung der Tiefendimension in dem „Drama“ von Gott und Mensch. Das Prinzip der Texttreue gilt zwar als grundlegend und damit bindend. Im Blick auf die Geschichte erfährt man aber, wie kreativ die Menschen damit immer wieder umgegangen sind – mit dem Hinweis auf die notwendige Inkulturation und Aktualisierung. Jede Generation hat neue Texte geschaffen. Sie geben Zeugnis von dem Ringen und Suchen der glaubenden und zweifelnden Menschen. In den großen Werken finden sie sich ebenso wieder wie in den Gemeindeliedern („Chorälen“). Ihre Strahlkraft hält zum Teil bis heute an, auch wenn es zunehmend Hilfen braucht, um z. B. Texte aus dem Barock zu erschließen. Viele dieser Texte jedoch entfalten ihre spirituelle und poetische Kraft auf ganz unmittelbare Weise noch heute. Welche Bedeutung Lieder aus der Gegenwart haben, zeigt sich an der Tatsache, dass das neue katholische Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“ im Jahr 2013 um 75 Lieder aus dem 20. und 21. Jahrhundert erweitert wurde. Liturgie war von Anfang an flexibel, sich den neuen Zeiten stellend.

Neue Musik in der Kirche

Die kompositorischen Möglichkeiten sind noch nie so vielfältig gewesen wie heute. Das Spektrum ist schier unendlich. Zu wünschen ist die Kooperation zwischen Theologen, Liturgikern, Kirchenmusikern und Komponisten in Räumen spiritueller und inspirierender Erfahrungen. Bisherige Bemühungen haben gezeigt, dass dazu durchaus Bereitschaft vorhanden ist. Es wird auch darauf ankommen, Gemeinden in den Geist der Neuen Musik einzuführen und die Kompositionen sensibel und fruchtbar in den Gottesdienst zu integrieren.

Diese Bemühungen sind keine Luxusaktivitäten, vielmehr notwendige Herausforderung für die Feier des Gottesdiensts im Hier und Heute. Zeitgenossenschaft entscheidet über seine Wirk- und Ausstrahlungskraft. Hier hat die Musik der Gegenwart ihre unaufgebbare Bedeutung, gerade auch in Bezug auf die Musik der Vergangenheit. Wenn sie ihre ursprüngliche Kraft entfalten soll, braucht sie die Kontrastierung, damit die Hörgewohnheiten gleichsam aufgeraut werden. Im Weiteren kommt ihr als Zeitansage, verstanden als Dialog mit der erfahrenen Wirklichkeit, grundsätzliche Bedeutung zu.

Wenn Glaube als sinnstiftender Ausdruck vernehmbar werden soll, braucht es auch in der Musik Brüskierung und Protest, denn sie sind Bestandteil des Glaubens selbst. Es gibt besonders seit 1945 beeindruckende religiöse Musik, die diesem Anspruch Rechnung trägt. Beispielhaft seien genannt: György Ligetis „Lux aeterna“, Arvo Pärts „Berliner Messe“, Sofia Gubaidulinas „Jauchzt vor Gott“, Olivier Messiaens Orgelwerke, Alfred Schnittkes Requiem oder Krzysztof Pendereckis Lukas-Passion.

Kirchenmusik im Wandel: Der Mädchenchor am Kölner Dom widmet sich insbesondere der zeitgenössischen geistlichen Chormusik. (Foto: Beatrice Tomasetti/Kölner Dommusik)

Wie weit diese Werke ganz oder in Teilen in die Liturgie integriert werden können, hängt u. a. ab von der Leistungsfähigkeit der Chöre, der Bereitschaft, die Gemeinden an die neue Klangsprache heranzuführen und der Fähigkeit des Vorstehers, die Kompositionen in das dramatische Geschehen der Feier einzufügen, damit ihre geistliche Tiefe erschlossen wird. Das verlangt von allen Beteiligten theologische, liturgische und musikalische Kompetenz, Kreativität, Sensibilität und pädagogisches Geschick.

Eine besondere Herausforderung an Komponistinnen und Komponisten zeitgenössischer Musik ist die Beteiligung der Gemeinde. Viele Versuche der letzten Jahrzehnte hatten keinen Erfolg, da sie die Gemeinden in ihrem Hör- und Ausdrucksvermögen überfordert haben. Erfolgreich waren allerdings Vertonungen mit elementarem und archaischem Charakter. Besonders auf evangelischen Kirchentagen und Katholikentagen wurde seit den 1980er Jahren viel experimentiert, zum Teil mit nachhaltigem Erfolg. Durch die Wiederentdeckung alter gottesdienstlicher Formen und die Schaffung neuer Feiern wie Wortgottesfeiern, Taufgedächtnisgottesdienste, Frühschichten u. a. wurden auch neue musikalische Formen entwickelt bzw. wiederentdeckt, etwa Litaneien, Wechselgesänge, Akklamationen oder Meditationsmusiken.

Aus dem Repertoire zeitgenössischer Werke seien beispielhaft einige genannt, die auch in Gemeinden Verbreitung gefunden haben: Jean Langlais’ „Missa in simplicitate“ und „Salve Regina“, Petr Ebens „Missa cum populo“, Benjamin Brittens Missa brevis. Neben den eher der klassischen Tradition verpflichteten Vertonungen finden sich aber auch zahlreiche, die ihre Anregungen aus der Welt der Spirituals und des Jazz geholt haben, z. B. Alan Wilsons „Mass of Regeneration“, Bob Chilcotts „Peace Mass“ oder Steve Dobrogosz’ „Mass“.

Die in ihrer Ausrichtung deutschlandweit einzigartige Kunst-Station St. Peter bringt Gottesdienst und zeitgenössische Musik in in einen Dialog. Zahlreiche Uraufführungen stehen hier regelmäßig auf dem Programm. (Foto: Lea Letzel/Kunst-Station Sankt Peter)

Erwähnt seien noch zwei Stätten, die innovativ und auf originelle Weise Werken der Avantgarde in ihren gottesdienstlichen Feiern Raum geben. Zum einen die evangelische Kirche St. Martin in Kassel. Im Rahmen der Kasseler Musiktage, erwachsen aus dem „Arbeitskreis Hausmusik“ 1933, hat sich hier ein hoch qualifiziertes und viel beachtetes Zentrum für geistliche Musik entwickelt, „im Spannungsfeld von Herkunft und Zukunft“. Zum anderen die Gemeinde St. Peter in Köln. Vor wenigen Jahrzehnten wurde hier die Kunststation St. Peter ins Leben gerufen. Die Verantwortlichen haben es sich zur Aufgabe gemacht, zeitgenössische Kunst und Musik zueinander in Beziehung zu setzen. Hieraus entwickeln sich spannungsvolle Einheiten, die dem Glauben neue Aufmerksamkeit und Faszination verleihen können.

Zu einem Reiz- und Schlagwort hat sich in den letzten 150 Jahren der Begriff „Autonomie der Kunst“ entwickelt, belastet mit vielen geschichtlichen Hypotheken und auch Verletzungen: Vereinnahmung durch die Kirche, Verlust der künstlerischen Freiheit, einschränkende Vorschriften, Forderung von Kirchentreue usw. Wer das bekannte Wort des Dichters Rainer Maria Rilke ernst nimmt: „Musik: […] Sprache wo Sprachen enden“, muss sich grundsätzlich jeder Reglementierung widersetzen. An den „Rändern des Sagbaren“ hat die künstlerische Autonomie ihren Sitz im Leben. Deshalb ist sie unverfügbar. Es gilt aber auch, zumindest für die Kirchenmusik: Sie bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Als Teil der Liturgie ist sie hineingenommen in den gott-menschlichen Dialog. Welche konkreten Konsequenzen dies hat, muss immer neu erkundet werden. Das Ziel fordert immer wieder neu heraus: Neuschöpfung aus dem Geist der Gegenwart. Jedes Jahrhundert hat dies im Grundsatz auf seine Weise bestätigt: überraschend, bestürzend und nachdenklich stimmend. Der kreativen Zeitgenossenschaft, erwachsen aus dem Geist der Vergangenheit, kann sich die gottesdienstliche Musik ebenso wenig verweigern wie auch die Feier der Liturgie selbst. Stilkopien, Plagiate, oberflächliches Handwerk, leicht Eingängiges werden auf Dauer die Sprengkraft des Glaubens zerstören. Die immer öfters zu hörende Forderung nach Niederschwelligkeit könnte leicht in Frustration enden.

„Eine glückliche Entdeckergemeinschaft“

Christen werden immer wieder, wenn sie sich zur Zukunft ausstrecken, das „neue Lied“ singen wollen. Sie vergewissern sich ihrer Wurzeln in der Vergangenheit und schwingen sich ein auf den Gott, dessen Wort sie trauen. Dies wird ihnen unter zwei Bedingungen gelingen. Indem sie zum einen die Tradition verstehen nicht als ein Konservieren, sondern als ein Annehmen, Sich-zu-eigen-Machen und ein An-andere-Weitergeben. Gustav Mahler hat dies – in Anlehnung an ein Wort von Thomas Morus – so ausgedrückt: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche“. Im Weiteren braucht es die Einwurzelung in die heutige, globalisierte Welt mit ihren Polaritäten und Paradoxien, mit ihrem Stöhnen und Klagen, aber auch mit der emotionalen Erschütterung im Lachen und der alles verwandelnden Begeisterung.

Am Vorabend seines 86. Geburtstags gab der inzwischen verstorbene österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt bekannt, dass er wegen seiner angeschlagenen Gesundheit die geplanten Konzerte absagen müsse. In einem Brief an sein Publikum schrieb er: „Zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal hat sich eine ungewöhnlich tiefe Beziehung aufgebaut – wir sind eine glückliche Entdeckergemeinschaft geworden!“ Ein nachdenklich stimmendes Wort, das man ebenso auch auf den Gottesdienstraum übertragen kann: Gemeinsam auf dem Wege sein, um den Menschen, die Welt und Gott je neu zu entdecken – mit dem „neuen Lied“ auf den Lippen – immer neu!

Über den Autor

Prof. em. Dr. Wolfgang Bretschneider ist Theologe, Musikwissenschaftler und Kirchenmusiker. Er lehrte Liturgie und Geschichte der Kirchenmusik an den Musikhochschulen Köln und Düsseldorf und ist Honorarprofessor für Kirchenmusik an der Universität Bonn. Als Präsident stand er von 1989 bis 2016 dem Allgemeinen Cäcilien-Verband für Deutschland (ACV) vor und ist u. a. Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Kirchenmusik im Deutschen Musikrat.

Stand des Beitrags: 07.02.2017