Kirchliches Laienmusizieren

Sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche gehört das Laienmusizieren zu den wichtigsten Grundpfeilern des kirchlichen Lebens. Jenseits des Gemeindegesangs mit seiner liturgischen Funktion bieten tausende von Vokal- und Instrumentalensembles nicht nur ihren Mitgliedern, sondern auch ihren Zuhörern Zugang zu einem kostbaren Erbe, der reichen Tradition des kirchenmusikalischen Repertoires.

Von Christfried Brödel

Einleitung

Wer mit kirchlichem Leben vertraut ist, kann und mag sich eine Kirche ohne Musik nicht vorstellen. Singen und Musizieren gehört zu den elementaren Lebensäußerungen christlicher Gemeinden. Die Hinweise in der Bibel dazu sind sparsam, aber deutlich: „Redet untereinander in Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singet und spielet dem Herrn in euren Herzen“ (Eph. 5,19). Dementsprechend ist jeder Christ je nach seinen individuellen Kräften und Möglichkeiten zum Musizieren aufgerufen und die Musik in den christlichen Gemeinden ihrem Ursprung nach eine Musik, die von Laien – das heißt von Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht durch das Musizieren bestreiten und in der Regel über keine professionelle musikalische Ausbildung verfügen – ausgeführt wird.

Musik ist ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, das Leben im Glauben nicht nur als eine Sache des Verstands, sondern ganzheitlich zu begreifen. Musik spricht alle Sinne an und ergänzt das den Menschen zugesprochene Wort. Sie kann Unsagbares zur Sprache bringen, tiefe menschliche Empfindungen ausdrücken, Trost spenden und zum Medium der Verkündigung werden. Gleichzeitig ist die Musik derjenige Arbeitszweig der Kirchen, der neben der Diakonie in der Öffentlichkeit am stärksten wahrgenommen wird, da er breite Kreise der Bevölkerung anspricht und aktiviert. So leisten die Kirchen über ihr zentrales Verkündigungsanliegen hinaus einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben unserer Gesellschaft.

Die Bedeutung des kirchlichen Laienmusizierens für das kirchliche und kulturelle Leben

Innerhalb des kirchlichen Lebens erfüllt das Laienmusizieren heute eine zentrale Funktion sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche. Im Vordergrund steht dabei neben dem Gemeindegesang (d. h. dem Singen von Kirchenliedern) und den liturgischen Gesängen die Aufführung und Pflege eines breiten kirchenmusikalischen Repertoires. War die musikalische Gestaltung von Gottesdiensten mit der Herausbildung einer verfassten Kirche ursprünglich dem Klerus vorbehalten, so war es ein wesentliches Anliegen des Reformators Martin Luther, die Gemeinde in das liturgische Geschehen einzubeziehen. Dies konnte am wirkungsvollsten durch den deutschsprachigen Gemeindechoral umgesetzt werden. Luther selbst verfasste 36 Lieder, z. T. als Nachdichtungen biblischer Psalmen und lateinischer Hymnen. Noch heute gehören die von Luther und den ihm nachfolgenden Kirchenlieddichtern und -komponisten (z. B. Paul Gerhardt oder Joachim Neander) geschaffenen Werke zum festen Bestand des Gemeindegesangs, in dem die Menschen auf die frohe Botschaft von der Versöhnung mit Gott durch Lob und Bekenntnis antworten und zugleich aber auch ihre Klagen und Beschwernisse vor Gott bringen.

In der Geschichte der katholischen Kirche bestand immer wieder die Frage, inwieweit Laien (in diesem Falle Menschen, die nicht zum Priester geweiht sind) liturgisch „gültige“ Handlungen vollziehen können. Das Konzil von Trient (1545–1563) betrachtete Musik noch als „Ausschmückung der Liturgie“, der keine Vollzugsqualität in der Messfeier eignete. Erst das Zweite Vatikanische Konzil brachte im Jahr 1963 eine grundlegende Änderung des Verständnisses der Musik im katholischen Gottesdienst auf den Weg: Von Laien musizierte Texte erlangten liturgische Gültigkeit; die Gemeinde (und mit ihr Chor und Instrumentalisten) wirkt entscheidend beim Vollzug des Gottesdiensts mit, wie es von Anfang an in der evangelischen Kirche der Fall war.

Die Bedeutung musizierender Laien im kirchlichen Rahmen erschöpft sich aber keineswegs in der musikalischen Gestaltung kultischer Veranstaltungen (Gottesdienste, Messfeiern). Durch ihre musikalische Arbeit mit Laien spielen die Kirchen eine wichtige Rolle im kulturellen Leben der Gesellschaft. Mit ihren Ensembles und musikalischen Angeboten erreichen sie Menschen, die über das Interesse an der Musik Kontakt zu religiösem Leben und dem christlichen Glauben bekommen, und zwar ohne die Verpflichtung sich zu binden. Unabhängig von einer persönlichen Glaubensentscheidung lernen sie die geistige Welt kennen, auf der die abendländische Kultur basiert und deren Elemente an vielen Stellen – bis hin zur Alltagssprache – gegenwärtig sind. Mit ihrem Musizieren leisten die Kirchen somit auch eine wichtige Bildungsaufgabe, die von den kulturellen Institutionen ebenso erwartet wie geschätzt wird. 1 Dies gilt vor allem für die musikalische Arbeit mit Kindern, mit der sich die Kirchen jenseits der qualifizierten Angebote für Hochbegabte auch an diejenigen wenden, die eine starke Leistungsorientierung nicht durchhalten können oder wollen. Im kleinstädtischen und ländlichen Raum bieten die Kirchen oft die einzige musikalische Bildungsmöglichkeit, zumal der Musikunterricht in allgemein bildenden Schulen häufig ausfällt oder von fachfremden Lehrkräften erteilt wird.

Darüber hinaus spielen kirchliche Laienchöre und Instrumentalensembles bei der Pflege und Bewahrung eines wichtigen Bestandteils der europäischen Musikkultur, nämlich des kirchenmusikalischen Repertoires, eine bedeutende Rolle. Kirchenkonzerte, Oratorienaufführungen in Kirchen, Gospelkonzerte usw. sind öffentliche Veranstaltungen, die auch von nicht kirchlich geprägten Teilen der Gesellschaft besucht werden.
So erstreckt sich die Wirkung der Musik in der Kirche weit über die Grenzen der Gemeinden hinaus. Dies gilt besonders außerhalb der Metropolen mit reichem Kultur- und Musikleben, denn in ländlich geprägten Gegenden sind Aktivitäten des kirchlichen Laienmusizierens vielfach die einzigen kulturellen Höhepunkte. Dass beispielsweise die Messen von Mozart, die Passionen und das Weihnachtsoratorium von Bach in der Breite bekannt sind, ist zu einem großen Teil dem kirchlichen Laienmusizieren zu verdanken.

Wer als Mitglied eines Kinderchors, eines Jugend- oder Kirchenchors an das kostbare Erbe der Kirchenmusik herangeführt worden ist, wird zudem Spitzendarbietungen dieser Werke auch als Zuhörer in besonderer Weise schätzen.

Kirchliches Laienmusizieren bildet eine Alternative zu einer primär leistungs- und erfolgsorientierten Realität in der Gesellschaft. Dadurch, dass die Kirchen die Musizierenden als ganzheitliche Menschen begreifen und akzeptieren, stärkt die Teilnahme am kirchlichen Musizieren das Selbstbewusstsein und fördert das soziale Miteinander. Die Entwicklung künstlerischer Fähigkeiten versetzt die Musizierenden in die Lage, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen, sich einer Gemeinschaft Gleichgesinnter anzuschließen und darin Befriedigung und Erfüllung zu finden. Dieser Aspekt hat besondere Bedeutung für Kinder und Jugendliche in ihrem Suchen nach Integration in eine Gemeinschaft, aber auch für die wachsende Zahl an Seniorinnen und Senioren, die beim Musizieren soziale Kontakte pflegen und so am Leben der Gesellschaft weiterhin aktiv teilnehmen. Im aktiven Musizieren treten die Menschen aus der Rolle des Konsumenten heraus und erfahren Anerkennung für das Geleistete. In einer zunehmend konsumorientierten Gesellschaft bedeutet das ehrenamtliche Engagement der Laien ein wichtiges Korrektiv.

Durch das Laienmusizieren wirken die Kirchen am stärksten in die Gesellschaft hinein. Diese Brückenfunktion zu pflegen und zu stärken, ist eine wichtige kulturelle Aufgabe. Jede Förderung des kirchlichen Laienmusizierens bedeutet daher eine Vervielfachung der Wirkung der eingesetzten Mittel, zumal die Kirchen die wichtigste Ressource, die anleitenden Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker, finanzieren und die Angebote in den Gemeinden kostenlos zur Verfügung stellen. Dementsprechend ist die Arbeit mit Laien ist ein wesentlicher Bestandteil der Tätigkeit hauptamtlicher Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker.

Abb. 1: Topografische Darstellung der Laienmusizierenden in der Evangelischen Kirche (Download:  http://themen.miz.org/downloads/statistik/159/Ev_Laienmusizierende__3_.pdf )
Abb. 1: Topografische Darstellung der Laienmusizierenden in der Evangelischen Kirche (Download: http://themen.miz.org/downloads/statistik/159/Ev_Laienmusizierende__3_.pdf)
Abb. 2: Topografische Darstellung der Laienmusizierenden in der Katholischen Kirche (Download:  http://themen.miz.org/downloads/statistik/160/Kath_Laienmusizierende.pdf )
Abb. 2: Topografische Darstellung der Laienmusizierenden in der Katholischen Kirche (Download: http://themen.miz.org/downloads/statistik/160/Kath_Laienmusizierende.pdf)

Vielfalt der Gruppen: Singen, Spielen und Darstellen

Kirchliches Laienmusizieren findet in einer großen Vielfalt von Angeboten statt. Entgegen dem allgemeinen Mitgliederschwund der letzten Jahre in den beiden Kirchen erweist sich die Zahl der Mitglieder in den Gruppierungen des kirchlichen Laienmusizierens insgesamt als relativ stabil. Rund 913.000 Menschen aller Altersklassen engagieren sich hier derzeit als Sänger oder Instrumentalisten, davon über 500.000 auf evangelischer und knapp 400.000 auf katholischer Seite. Zusammen bilden sie damit etwa ein Drittel aller aktiven Laienmusikerinnen und -musiker in Deutschland, soweit sie in den kirchlichen und weltlichen Verbänden erfasst sind.

Wie die Abbildungen 1 und 2 zeigen, liegt der Anteil musizierender Kirchenmitglieder in den evangelischen Landeskirchen oftmals höher als in den katholischen Diözesen. Dabei ist die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens musikalisch am stärksten engagiert. Gründe dafür sind einerseits die besondere Bedeutung, die lutherische Kirchen der Kirchenmusik beimessen, weiterhin das Bestehen volkskirchlicher Strukturen im Erzgebirge und schließlich die zahlreich vorhandenen Posaunenchöre. Nicht zuletzt stammen viele bedeutende Kirchenmusiker aus dem sächsisch-thüringischen Raum; ihr Erbe wird nach wie vor gepflegt. Württemberg hat in den westlichen Bundesländern die am stärksten entwickelte kirchenmusikalische Struktur.

In der katholischen Kirche sind die Unterschiede geringer. In Diaspora-Situationen (d. h. in einer vorwiegend durch andere Konfessionen oder durch Atheismus geprägten Umgebung) ist die Entwicklung funktionierender Musiziergruppen, abgesehen von einzelnen Ballungszentren, viel schwieriger. Der relativ hohe Anteil im Bistum Magdeburg ist auf das katholisch bestimmte Eichsfeld zurückzuführen. Köln, Münster und Passau sind traditionell kirchlich und kulturell besonders aktiv. Zusammenfassend zeigt sich, dass in besonders stark durch eine Konfession geprägten Gebieten auch der Anteil der Laienmusizierenden besonders hoch ist.

Vokales Laienmusizieren

Ein besonderer Schwerpunkt des vokalen Laienmusizierens liegt auf der Pflege des großen kirchenmusikalischen Erbes. (Foto: Andreas Greiner-Napp)

Das kirchliche Chorwesen hat sich insbesondere nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stark entwickelt. Parallel dazu verlief die Neuprofilierung des Kirchenmusikerberufs, die nach dem Wegfall der häufigen Verbindung von Lehramt in Schulen und kirchenmusikalischem Dienst notwendig wurde und die einhergehend mit der Entwicklung eines „modernen“ Berufsbilds des hauptamtlichen Kirchenmusikers mit erweitertem Aufgabenfeld zu einer deutlichen Aufwertung des Laienmusizierens geführt hat (vgl. auch den Beitrag „Kirchenmusikalische Ausbildung – Kirchenmusik als Beruf“ von Kord Michaelis). Bis auf wenige Ausnahmen (etwa den Thomanerchor in Leipzig oder die Regensburger Domspatzen) obliegt der gottesdienstliche Chorgesang heute Laienensembles, die in mittleren und großen Städten von professionellen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern angeleitet werden. In hervorgehobenen Kirchen bedeutet dies eine hohe Qualitätsanforderung, die sich in Ansprüchen an die musikalische Leistungsfähigkeit der Chormitglieder niederschlägt.

Im Bereich des vokalen Musizierens existieren kirchliche Chöre, die zahlenmäßig einen großen Anteil der Laienchöre in Deutschland bilden. Unter den derzeit insgesamt über 36.000 vokalen Ensembles der beiden christlichen Kirchen mit rund 750.000 aktiven Mitgliedern (zum Vergleich: In weltlichen Verbänden des Laienmusizierens sind in dieser Kategorie derzeit etwa 23.000 Ensembles mit 1,4 Millionen Mitgliedern erfasst) befinden sich rund 15.000 katholische und 21.000 evangelische Kirchenchöre.

Insgesamt lassen sich unter den vokalen Gruppen des kirchlichen Laienmuszierens folgende Formen unterscheiden: Kirchenchöre, Oratorienchöre, Vokalensembles, Kammerchöre und Choralscholen sowie Ensembles für spezielle Zielgruppen, etwa Kinder, Jugendliche oder vermehrt auch Senioren. Zudem entwickelte sich in den letzten 15 Jahren eine stilistische Differenzierung der Musiziergruppen. Mit der Einbeziehung popularmusikalischer Formen in die kirchliche Praxis entstanden beispielsweise zahlreiche Gospelchöre, die eine große Anziehungskraft entfalten, vor allem auf die mittlere Altersgruppe der 35- bis 55-Jährigen. Nach Angaben der EKD aus dem Jahr 2009 existieren mittlerweile rund 3.000 solcher Ensembles, die oftmals selbstständig organisiert sind. 2

Der Leipziger Thomanerchor gehört mit seiner über 800-jährigen Tradition zu den Eliteklangkörpern des kirchenmusikalischen Lebens in Deutschland. Insgesamt sind über 180.000 Kinder und Jugendliche in kirchlichen Vokalgruppen aktiv. (Foto: Matthias Knoch)

Eine weitere Entwicklungslinie ist im Bereich der Kammerchöre bzw. Vokalensembles zu erkennen. Die Anzahl von Sängerinnen und Sängern, die in der Lage sind, schwierige Chorstimmen allein bzw. in kleiner Besetzung zu singen, hat deutlich zugenommen. Dieser Personenkreis schätzt die Herausforderung, sich nicht nur in einer größeren Gruppe zu profilieren, sondern quasi solistisch zu musizieren. Begünstigt wird dieser Trend durch die Erkenntnisse zur Aufführungspraxis Alter Musik: Werke der Renaissance und des Hochbarock etwa sind in ihrer Entstehungszeit in der Regel von wenigen Musikern aufgeführt worden. Allerdings führt die Orientierung auf Spezialistenensembles zu einem Verlust an Breitenwirkung der Kirchenmusik, der ambivalent bewertet wird.

Die Aufspaltung der musikalischen Angebote in verschiedene Gruppen geht einher mit einer vielerorts mit Sorge beobachteten Überalterung der traditionellen Kirchenchöre. Je höher der Altersdurchschnitt, desto geringer die Chance, junge Menschen zur Mitwirkung zu gewinnen. Es ist absehbar, dass innerhalb der nächsten 20 Jahre viele der heute aktiven Sängerinnen und Sänger ausscheiden werden und der Nachwuchs die Lücke nicht füllen kann. Dies lassen zumindest die in den vergangenen Jahren tendenziell sinkenden Mitgliederzahlen vor allem der traditionellen Kirchenchöre vermuten (siehe Abbildungen 3 und 4). 3

Aus diesem Grund gewinnen die Förderung des musikalischen Nachwuchses sowie die Breitenarbeit mit Kindern und Jugendlichen auch für die Kirchen zunehmend an Bedeutung. Angebote für Kinder und Jugendliche bieten Kinderchöre, die Musikalische Früherziehung im kirchlichen Rahmen, Kurrenden, Knaben- und Mädchenchöre, Jugendchöre und die Ten Sing-Arbeit, eine Form musikalisch-kulturell-kreativer christlicher Jugendarbeit von Jugendlichen für Jugendliche innerhalb des Christlichen Vereins junge Menschen (CVJM). Mit über 180.000 Sängerinnen und Sängern macht die Anzahl der Mitglieder in Kinder- und Jugendchören etwa ein Viertel der Gesamtmitgliederzahl der kirchlichen Ensembles im Vokalbereich aus (vgl. Abbildungen 3 und 4).

In der evangelischen Kirche haben die Kurrenden, mit Mädchen und Jungen im Alter zwischen 6 und 14 Jahren besetzte Chöre, eine lange Tradition. Sie übernehmen regelmäßig liturgische Aufgaben im Gottesdienst, und wer als Kind über Jahre hinweg dort mitgesungen hat, verfügt in der Regel über einen reichen Schatz an musikalischen Erfahrungen. Kirchliche Kinderchöre hingegen sind z. T. weniger stark auf regelmäßiges gottesdienstliches Singen orientiert. Aufführungen von Kinderkantaten, Musicals usw. sind attraktiv und stehen hier oft im Vordergrund. Aufgrund des sich rasant ändernden medialen Verhaltens der Kinder und der zunehmenden Belastung durch den schulischen Alltag ist aber festzustellen, dass die Anziehungskraft und die Bereitschaft zu verbindlicher Teilnahme bei solchen Projekten in der Praxis nicht immer gegeben sind.

Abb. 3: Chor- und Instrumentalgruppen der Evangelischen Kirche (Download:  http://themen.miz.org/downloads/statistik/175/Laienmusizierende_evangelisch_2013.pdf )
Abb. 3: Chor- und Instrumentalgruppen der Evangelischen Kirche (Download: http://themen.miz.org/downloads/statistik/175/Laienmusizierende_evangelisch_2013.pdf)
Abb. 4: Chor- und Instrumentalgruppen der Katholischen Kirche (Download:  http://themen.miz.org/downloads/statistik/176/Laienmusizierende_katholisch_2015.pdf )
Abb. 4: Chor- und Instrumentalgruppen der Katholischen Kirche (Download: http://themen.miz.org/downloads/statistik/176/Laienmusizierende_katholisch_2015.pdf)

Instrumentales Laienmusizieren

Mit derzeit über 160.000 Mitgliedern bilden die rund 15.000 kirchlichen Instrumentalensembles einen zweiten Schwerpunkt innerhalb des Laienmusizierens in der evangelischen und katholischen Kirche. Auch hier bieten unterschiedliche Gruppen eine große Vielfalt an Angeboten. Häufig finden sich Gemeindemitglieder, die ein Instrument spielen, zu Instrumentalkreisen in unterschiedlichen Besetzungen, von Blockflötenkreisen und Glockenchören bis hin zu Streich- und Sinfonieorchestern, zusammen. Oftmals steht die Freude am gemeinsamen Spiel im Vordergrund; die erarbeiteten Stücke werden als gottesdienstliche Figuralmusik vorgetragen. Manche Instrumentalkreise erarbeiten anspruchsvollere Literatur und gestalten eigene Konzerte. Laienorchester spielen oft bei Oratorien mit, in vielen Fällen verstärkt durch professionelle Spieler an den vorderen Pulten.

Über 22.000 Laienmusikerinnen und -musiker versammelten sich zum 2. Deutschen Evangelischen Posaunentag 2016 in Dresden – ein starkes Zeichen für die ungebrochene Attraktivität der Posaunenchöre, deren Mitgliederzahlen sich über Jahre hinweg stabil erwiesen haben. (Foto: Dietrich Flechtner/DEPT2016)

Eine spezifische Form des Laienmusizierens bilden die Posaunenchöre in der evangelischen Kirche. Im 19. Jahrhundert entstanden, ist ihre Zielsetzung bereits von Anfang an diakonisch-missionarisch, weniger musikalisch-künstlerisch. Es geht primär darum, Menschen die Botschaft der Kirche nahe zu bringen. Bis heute prägt dieser Ansatz die Arbeit der Posaunenchöre. Religiöse, musikalische und soziale Motive wirken zusammen und machen sie zu stabilen Gruppen innerhalb der Kirche. Anders als bei den meisten anderen musikalischen Formationen existiert hier kein Generationenproblem. Trotz zwischenzeitlicher Schwankungen erweisen sich die Mitgliederzahlen über die Jahre hinweg als relativ konstant. Viele Posaunenchorleiterinnen und -leiter sind selbst Laien und erfahren fachliche Anleitung sowie Betreuung durch professionelle Musikerinnen und Musikern (Landesposaunenwarte), die sich auch um die Weiterbildung und die Ausbildung des Nachwuchses kümmern.

Mit der stilistischen Erweiterung der gottesdienstlichen Praxis in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden musikalische Formationen, um „Neue geistliche Lieder“ und popularmusikalische Literatur adäquat zu begleiten und darzustellen. Kirchliche Bands existieren sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche. Sie gestalten besondere Gottesdienste, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Lange Zeit stellte die fachliche Anleitung der kirchlichen Bands ein Problem dar, da die Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker stilistisch ausschließlich traditionell ausgebildet wurden. Seit einigen Jahren hat sich dies verändert. Zusatzqualifikationen und Schwerpunktstudien für Popularmusik werden vielfältig angeboten (vgl. auch den Beitrag „Kirchenmusikalische Ausbildung – Kirchenmusik als Beruf“). So ist zu erwarten, dass dieser Arbeitszweig kirchlichen Laienmusizierens sich weiter positiv entwickeln wird.

Entwicklung des kirchenmusikalischen Repertoires

Ebenso wie bei den Ensembles und Gruppen hat sich in der musizierten Literatur eine große Pluralität herausgebildet, die sich sowohl in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden als auch in unterschiedlichen stilistischen Formen ausdrückt. War in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bis etwa 1970 die Literatur kirchlicher Ensembles durch die auch heute noch überwiegende Pflege Alter Musik (bis hin zur Romantik) und durch Kompositionen der Klassischen Moderne für den gottesdienstlichen Gebrauch gekennzeichnet, so haben sich in den letzten 50 Jahren die konzertanten Aktivitäten kirchlicher Chöre außerhalb des Gottesdiensts verstärkt. An vielen Orten finden regelmäßig mehrfach im Jahr Kantaten- und Oratorienaufführungen statt. Von Chormitgliedern wird häufig ein möglichst anspruchsvolles Programm (große Werke mit Orchester) gewünscht, auch wenn damit teilweise die Grenzen der Leistungsfähigkeit erreicht, gelegentlich auch überschritten werden. Gleichzeitig hat eine bereichernde Erweiterung des musikalischen Spektrums stattgefunden. Sie betrifft rhythmisch und klanglich attraktive Werke religiösen Inhalts aus verschiedenen Stilrichtungen, insbesondere der Popularmusik, wodurch auch weitere Kreise potentieller Musizierender angesprochen und einbezogen werden. Musikalische Großformen, die sich der populären musikalischen Stilistik bedienen, aber zugleich in klassischer Manier notiert sind (etwa verschiedene Werke von Ralf Grössler oder das Pop-Oratorium „Luther“ von Michael Kunze und Dieter Falk) verbinden Mitwirkende aller Genres und begeistern Tausende von Zuhörern.

Unabhängig und weitestgehend außerhalb des kirchlichen Laienmusizierens ist die Entwicklung der Neuen Musik verlaufen. Obgleich sie niemals eine wirkliche Massenbasis erreichen konnte, bildet sie in ihrer radikalen Infragestellung des Überkommenen, der Artikulation des Fremden im vermeintlich Vertrauten, in der Aufnahme politischer Spannungen einen wichtigen Zweig des Musizierens auch in der Kirche. Ab den 1970er-Jahren hat sie sich weitgehend einer kirchlichen, erst recht liturgischen Funktionalisierung verweigert, widmet sich aber auch weiterhin in erstaunlichem Maße religiösen Themen. Aufgrund der musikalischen Schwierigkeiten wird sie nur von wenigen Ensembles gepflegt, unter denen wiederum nur wenige Laienensembles zu finden sind. Die Vorbehalte gegenüber Neuer Musik bestehen jedoch vor allem bei einigen Kirchenmusikerinnen und -musikern, während sich die Gemeindemitglieder oft in überraschend hoher Zahl von ungewöhnlichen Hörereignissen substantiellen Inhalts begeistern lassen. Laien an die Aufführung solcher Werke heranzuführen, ist eine schwierige, aber sehr lohnende Aufgabe. Chöre wie die Meißner Kantorei 1961 zeigen, dass dies erfolgreich möglich ist.

Ein Gegensatz zwischen avancierter Popularmusik und der Neuen Musik besteht nur scheinbar. Die avancierte Popularmusik hat sich weit von den verbreiteten Popsongs entfernt, die vorwiegend in den Gemeinden und Bands musiziert werden und stilistisch aus den vorangegangenen Jahrzehnten stammen. Im Zusammenhang mit dem Bildungsauftrag, den auch das kirchliche Laienmusizieren zu erfüllen hat, ist die Beschäftigung mit neuer und neuester Musik – gleich welcher Stilrichtung – unabdingbar.

Organisationen des kirchlichen Laienmusizierens

Kirchliche Chöre und Musiziergruppen sind Bestandteile des Gemeindelebens, allerdings in einzelnen Fällen als selbstständige Vereine organisiert. Diese Vereine bilden Chorverbände, die die Interessen ihrer Mitglieder vertreten, Veröffentlichungen, Arbeitsmaterial und Informationen zur Verfügung stellen und darüber hinaus Tagungen und Weiterbildungen veranstalten.

Dem 1883 gegründeten Chorverband in der Evangelischen Kirche in Deutschland (CEK) gehören die Kirchenchorverbände der evangelischen Landeskirchen, die Chorwerke der Kirche Augsburgischen und Helvetischen Bekenntnisses in Elsass-Lothringen und Österreich sowie der Christliche Sängerbund an. Zu seinen Hauptaufgaben zählen die Herausgabe von Chormusik und die Veranstaltung von Sing- und Chorleiterwochen. Der CEK selbst ist Teil der Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände (BDC), wie auf katholischer Seite auch der 1868 gegründete Allgemeine Cäcilien-Verband für Deutschland (ACV). Anders als beim CEK, dem nicht alle evangelischen Chöre angehören, sind die katholischen Chorvereinigungen automatisch Mitglieder des Verbands. Der ACV veranstaltet kirchenmusikalische Tagungen und fungiert als Herausgeber, darüber hinaus regt er zu Kompositionen und Forschungen an. Sein Ziel ist, dass die Liturgie „vor Entstellungen, vor Verfremdungen geschützt und in ihrer ursprünglichen Schönheit erhalten“ wird. Innerhalb des ACV bildet der Deutsche Nationalverband der Internationalen Vereinigung der Pueri Cantores die Dachorganisation für die katholischen Knaben-, Mädchen-, Kinder- und Jugendchöre und Choralscholen. Der Verband, eine Arbeitsgemeinschaft des ACV, stellt freundschaftliche Verbindungen zwischen den Mitgliedschören her, organisiert Begegnungen und Chortreffen und unterstützt die Chorleiterinnen und Chorleiter durch Tagungen, Notengaben und Informationen.

Als Dachverband der evangelischen Posaunenwerke und -verbände spielt der Evangelische Posaunendienst in Deutschland (EPiD) eine herausragende organisatorische Rolle im Bereich des kirchlichen instrumentalen Laienmusizierens. 1994 gegründet, verfolgt der Verband einen missionarischen Ansatz, bei dem musikalische und geistliche Förderung Hand in Hand gehen. Der EPiD organisiert Notenausgaben sowie große Bläsertreffen zu Kirchen- und Posaunentagen.

Resümee

Kirchliches Laienmusizieren ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Musikkultur. Es ist nicht nur unverzichtbar bei der musikalischen Gestaltung von Gottesdiensten und kultischen Veranstaltungen, sondern wirkt darüber hinaus durch A-cappella-Konzerte, Oratorienaufführungen, Gospelkonzerte, öffentliche Auftritte von Posaunenchören (Turmblasen) sowie Bandauftritte mit christlicher Popularmusik in die Gesellschaft hinein. Damit erreicht das kirchliche Laienmusizieren Menschen, die dem kirchlichen Leben ansonsten fernstehen.

Obwohl die Musiziergruppen der Kirchen insgesamt in ihren Mitgliederzahlen einigermaßen stabil sind, ist das kirchliche Laienmusizieren in einzelnen Bereichen, wie vor allem bei den traditionellen Kirchenchören, doch vom allgemeinen Mitgliederschwund der Kirche betroffen; sie sind zudem durch Überalterung bedroht. Darüber hinaus stellt die wachsende äußere und innere Mobilität der Gesellschaft ein Problem für das Laienmusizieren dar, da hierdurch langfristige Bindungen nur noch eingeschränkt möglich sind; stattdessen werden zeitlich beschränkte Projekte bevorzugt.

Um das kirchliche Laienmusizieren auch weiterhin attraktiv zu gestalten, muss die Gesellschaft das Engagement der Kirche hierfür noch stärker wahrnehmen und fördern. Der Beitrag der Kirchen, aus deren Mitteln die Hauptakteure und Leistungsträger in kirchenmusikalischen Anstellungen finanziert werden, spielt dabei eine bedeutende Rolle. Aufgabe der Kirchen selbst ist es, die Brückenfunktion zu erkennen, die dem kirchlichen Laienmusizieren in der Gesellschaft zukommt, an seiner Weiterentwicklung zu arbeiten, personelle Kürzungen zu vermeiden und überlebte Formen zu verlassen, indem sie zeitgemäße Strukturen entwickeln.

Über den Autor

Prof. Dr. Dr. h. c. Christfried Brödel ist emeritierter Kirchenmusiker und Hochschullehrer. Er lebt als Dirigent, Autor und Lehrender in Dresden. Über 20 Jahre leitete er dort die Hochschule für Kirchenmusik. Mit der Meißner Kantorei 1961, einem überregionalen Laienchor, und dem Solistenensemble vocal modern führte er zahlreiche Werke zeitgenössischer Musik auf. Als Dirigent und Kursleiter war er in vielen Ländern Europas, in Südafrika, den USA und in Mexico tätig.

Stand des Beitrags: 07.02.2017