Die himmlische Kunst. Musik in Kultur und Kirche

Dass die Kirchen in der Kultur tätig sind, ja selbst Kultur mitgestalten, ist so fraglos wie die umgekehrte Tatsache, dass auch die Kultur die Kirchen prägt. Das gilt, wie für alle Kulturbereiche, auch für die Musik. Doch wie soll man Kultur und Kirche, wie soll man die Musik unter den Künsten auffassen, wenn man diese wechselseitige Beeinflussung aus dem sachlichen Grund verstehen will, der all dem zugrunde liegt?

Von Dietrich Korsch

Was ist Kultur?

Der Kulturbegriff ist in der Regel unscharf gefasst, und dafür gibt es gute Gründe. Sie liegen in der unübersehbaren Vielfalt der Erscheinungen, die für uns zur Kultur gehören. Denn im Ausgang von einzelnen Kulturphänomenen lässt sich auf dem Weg der empirischen Beobachtung und nachfolgenden Einordnung keine übergeordnete Einheit herstellen. Darum wird hier ein anderer, ein konstruktiver Weg eingeschlagen. Er geht von der Überlegung aus, dass das Wort „Kultur“ am besten im Ausgang von „cultura“, dem Pflegen und Bebauen des Bodens, zu verstehen ist. Dann ergibt sich nämlich als Formel, dass wir all das sinnvoll als Kultur bezeichnen, was „Arbeit gegen den Tod“ ist.

Dass das menschliche Leben sich nicht einfach unmittelbar selbst erhält, sondern Arbeit nötig hat, gehört zu den elementaren Umständen des Menschseins. Die Natur für das Leben zu gebrauchen und zu verwerten, das setzt von Anfang an Technik voraus; sie ist schon für die einfachsten Weisen der Naturaneignung nötig, das Sammeln und Jagen, erst recht für Ackerbau und Viehzucht. Diese Techniken bedurften immer schon der Vereinbarung und Planung, der Pflege und Weitergabe. Bereits der natürliche Erhalt des menschlichen Lebens ist gar nicht denkbar ohne Kultur; im Leben der Menschengattung liegen beide von Anbeginn an ineinander verschränkt vor. Diese Koexistenz von Natur und Kultur zu begreifen und zu gestalten, führt in der Geschichte zu Verstetigungen und Steigerungen, so dass ganze Regelungskomplexe der Wirklichkeit entstehen: Neben die Technik tritt die Wirtschaft als Sphäre der Erzeugung und des Austauschs von Gütern im generellen Sinn; Wirtschaft und Technik verlangen nach einer Verlässlichkeit von Rechtsverhältnissen, die wiederum der Staat garantiert. Durch Bildung wird die Kultur tradierbar und traditionsfähig, durch Wissenschaft wird sie weiter entwickelt. Darum sprechen wir ja auch von einer Wirtschafts- und Rechtskultur, wenn wir von den verlässlichen Umständen des gesellschaftlichen Lebenserhalts reden. Dass die hier unterschiedenen Regelungsbereiche überdies in Kontakt miteinander stehen, sich gegenseitig, fördernd oder hindernd, beeinflussen, liegt auf der Hand. Kultur wird dabei ein sich immer dichter verwebendes Geflecht. Und sie hat in allen ihren Zweigen ein gemeinsames Ziel: gegen den Tod zu arbeiten.

Wie kommt es zu dieser Ausbildung und Beförderung der Kultur? Sie geht darauf zurück, dass die Wechselwirkungen im natürlichen Leben von Seiten der Menschen stets schon symbolisch nachgebildet werden, elementar in der Sprache. Die Stellungnahme in der Sprache ermöglicht es, diesen Wechselfällen nicht nur zu unterliegen, sondern sie anzueignen und zu gestalten. Die symbolbildende Fähigkeit, sich auf die Wirklichkeit zu beziehen, erwächst nun aber nicht aus dem Naturzusammenhang selbst, sondern muss als ein Phänomen eigenen Ranges verstanden werden: stets in der Natur präsent, aber nicht von der Natur abhängig. Diese – für die Naturbeherrschung selbst notwendige – Unabhängigkeit kommt nun in Kunst und Religion zum expliziten Ausdruck. Kunst und Religion nehmen eine neue Ebene der Kultur ein, die unabdingbar zur ersten gehört, welche dem natürlichen Erhalt des Lebens dient.

Kunst und Religion in der Kultur

Kunst, die sich auf Kunst bezieht: In der von John Neumeier für das Hamburger Ballett choreographierten "Mathäus-Passion" wird Bachs Meisterwerk auch auf visueller Ebene zum Leben erweckt. (Foto: Kiran West/Hamburg Ballett)

Arbeit gegen den Tod – sie ist nur dann möglich, wenn sich das Leben dem Tod widersetzt. Im Leben der Menschen wird dieser Widerstand gegen den Tod sinnenfällig: da, wo Strukturen des Sinns zum Ausdruck gelangen, die gegenüber ihrer natürlichen Grundlage und ihrer lebensdienlichen Anwendung ein eigenes Gewicht bekommen. Das sinnhafte Verfahren in Wirtschaft und Technik, Recht und Staat, Wissenschaft und Bildung, es geht nicht auf in seinen Funktionen des Lebenserhalts. Kunst ist, im Unterschied zu diesen großen Kulturbereichen, sinnliches Sinnbilden ohne Verwendungszweck. Gerade darin kommt der Impetus der lebenserhaltenen Kultur zu sich selbst.

Das heißt: nicht ganz, denn die Architektur bildet den Übergang. Im Bauen kommt an den Tag, dass das, was den Menschen Schutz bietet vor Kälte und Hitze, Sonne und Regen, zugleich Medium des Ausdrucks ist, gewiss zweckmäßig, aber auch den unmittelbaren Zweck überschreitend. Gerade in der Architektur wird der Überschuss der Kunst anschaulich: Bauten sind steigerbar vom brauchbaren Funktions- zum darstellenden Repräsentationsgebäude.

Mit diesem Aussein auf den Überschuss ist die Bewegung der Kunst vorgezeichnet. Sie gewinnt ihren Inbegriff als sinnlicher Ausdruck des Sinnhaften, welches aller Kultur zugrunde liegt. Dabei nehmen die Künste Raum und Zeit als Medien des Sinnlichen in je eigener Weise auf. Skulptur und Malerei bedienen sich der Anschaulichkeit des Raums, sie leben vom festgestellten Nebeneinander, das sie ins Werk verdichten, um dieses dann wieder den Blicken der Betrachtung zu überlassen, denen unvermeidlich eine zeitliche Dimension innewohnt. Die Musik bewegt sich im Medium des zeitlichen Erklingens, sie gestaltet Abfolgen des Nacheinanders zu einem Ganzen, welches die Erstreckung im Verlauf benötigt, um durch den gehörten Klang als Eines wahrgenommen zu werden. Poesie und Schauspiel nehmen Wort und Geste, Mimik und Bewegung der Menschen auf, sie verhalten sich reflexiv zu den Interaktionen in Sprache und Handlung, lassen die Zuschauenden teilhaben an exemplarischen Szenen, die anregend und aufregend, beruhigend und reinigend wirken.

Wie stark die sich Künste, jede auf ihre Weise, ins Verhältnis zu ihren Medien Raum, Zeit und Kommunikation setzen, wird an ihren Steigerungen in der Moderne spürbar, wenn sich Kunst auf Kunst bezieht, so dass Musik über Musik, Bilder über Bilder, Poesie über Poesie möglich werden. Gewiss verdankt sich auch die Erfindung der Oper in der Moderne – Schauspiel und Musik zugleich! – diesem Bedürfnis kultureller Steigerung.

Und die Religion? Einerseits steht sie neben den Künsten, als Sinnbilden ohne Zweck. Auf der anderen Seite sprengt sie die Verbindlichkeit von Raum, Zeit und Kommunikation, sie wird, der modernen Kunst analog, zum Sinnbilden über das Sinnbilden. In der Religion geht es nicht um Sachverhalte, die den Erhalt des natürlichen Lebens betreffen wie in Wirtschaft, Recht und Wissenschaft, auch nicht um die Sinnlichkeit des Sinns wie in bildender Kunst und Musik, sondern um die Herkunft des Sinnbildens selbst, also um die Befähigung des Menschen zum kulturellen Erhalt seines Lebens überhaupt. Abstrakter und konkreter zugleich ist die Religion. So gehört sie auf der einen Seite zur Kultur, weil auch sie gar nicht denkbar ist ohne das Leben der Menschen, das sich auf seine Fortsetzung eingestellt findet; und sie bringt, auf der anderen Seite, zugleich den letzten Horizont der Kultur zur Sprache, der dieses Leben allererst ermöglicht.

Dass die Religion es mit „Transzendenz“ zu tun hat, greift nicht auf außerweltliche Sachverhalte zurück (die es als solche nicht gibt), sondern auf die Strukturen, die ein Leben in der Welt so ermöglichen, dass es sich gegen Tod zu artikulieren vermag. Diese Befähigung zum Widerstand kommt nicht aus der natürlichen Welt. Ja, es lässt sich gar keine „Welt“ angeben, die als Grund der Religion in Betracht käme. Darum redet die Religion zu Recht von Gott. Von Gott aber so, dass er das Leben der Menschen in der Welt will und erhält – und über die Welt hinaus errettet. Der göttliche Ursprung des menschlichen Sinnbildens ist der Inbegriff der menschlichen Arbeit gegen den Tod, ist das Emblem der Kultur.

Religion in der Kirche

Gottesdienst in der Heilig Kreuz Kirche Giesing. Hier soll der Musik und den Künsten Raum gegeben werden. (Foto: © Katholische Kirchenstiftung Heilig Kreuz)

Diese Verfasstheit der Religion, dass sie nicht von den Gegenständen der Welt abhängt und auch nicht mit ihnen zu vermischen ist, hat sich als Konsequenz des Christentums in der westlichen Moderne ergeben. Sie gilt aber der Struktur nach für alle Religionen, auch da, wo Gott und Welt noch nicht so streng geschieden sind, wo also auch die Unterscheidung der Religion von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft noch nicht genau durchgeführt ist. Das heißt: Die Religion stellt sich immer nur in historischen Konstellationen dar. Diese sind von der geschichtlichen Lage, den kulturellen Gebräuchen, den frommen Traditionen usw. mitbestimmt.

Religion existiert nur als geschichtlich gelebte Religion. Das ist der Grund nicht nur für die unterschiedlichen Religionen in der Geschichte der Menschheit, damit hängen auch die verschiedenen sozialen Ausprägungen der Religion zusammen.

Wenn es darum geht, die Fähigkeit des Menschen zum Widerstand gegen den Tod auszubilden, dann kann das, wie überall in der Kultur, nur in gemeinsamen Interaktionen geschehen. Religion ist immer sozial verfasst. Sie steht, wie beschrieben, auf der einen Seite im Kontext aller Bereiche der Kultur und ist auf sie bezogen. Darum deutet und bewegt sie alle menschlichen Vorgangsweisen, das Leben zu erhalten, nimmt also z. B. stets zu der Art und Weise der materiellen Selbsterhaltung der Menschen Stellung. Agrarische Gesellschaften verfolgen eine Religion, die eng mit den Regelmäßigkeiten und den Zufälligkeiten des Jahreslaufes verbunden sind. In industriellen Gesellschaften dagegen findet man eine Religion, die sich eher auf die abstrakte Vermittlung der Menschen mit der Natur bezieht, also auf gesellschaftliche Verhältnisse von Abhängigkeit und Schuld. Das Christentum hat, der gesellschaftlichen Entwicklung entsprechend und sie wohl auch befördernd, die Religion auf das menschliche Innere eingestellt. Damit ist Religion in allem Tun und in allem Erleiden der Menschen präsent; die Verinnerlichung der Religion ist die Bedingung ihrer Universalität.

Auf der anderen Seite bilden die historischen Religionen auch eigene Interaktionszusammenhänge aus, also all das, was mit den Begriffen Kultus und Ritus und den dazu gehörigen Mythen bezeichnet wird. Denn so gewiss sich die Religion von anderen kulturellen Vollzügen unterscheidet, so sehr muss sie sich auch in der Welt der Erscheinungen als etwas Besonderes darstellen. Darum gibt es Religion immer nur in Gestalt von religiösen Gemeinschaften, christlich gesprochen: als Kirchen. Es ist diese Seite der Eigenständigkeit und Besonderheit der Religionen als religiöse Gemeinschaften oder Kirchen, die für die jeweilige Aneignung der Künste und die Prägung der Künste zuständig ist. Denn die soziale Verfassung der religiösen Gemeinschaften benötigt für den eigenen Ausdruck die Mittel der Kunst, die ihr historisch gegeben sind. Die Kunst hilft dazu, das Spezifische der Religion darzustellen. Die Darstellungen erstrecken sich über alle Bereiche der Kunst. Am massivsten finden sie sich in der Architektur, die Gebäude als Orte der Versammlung schafft und diese zugleich als Zeichen für die religiöse Wirklichkeit in die Welt stellt. Die kulturelle Aneignung erstreckt sich über Handlungszusammenhänge in Liturgien, die die Mitglieder einer Gemeinde mit den Prinzipien der Religion verbinden – durch Erzählungen und Handlungen, durch Zuschauen und Mitmachen. Bilder und Skulpturen treten hinzu – menschenähnliche Gebilde und Abbildungen, aber auch ganz formal-abstrakte Figurationen von Form und Farbe. Und Musik kommt ins Spiel, in unterschiedlicher Ausprägung. Zur Musik im Judentum und im Islam finden sich auf diesem Portal eigene Beiträge. Hier geht es im Weiteren um die christlichen Kirchen.

Im Christentum, so wurde hervorgehoben, spielt die Unabhängigkeit der Religion von der Kultur – bei aller Einwurzelung – eine besondere Rolle. Gott ist nicht im Rhythmus der Natur, nicht im Wechsel der Jahreszeiten, nicht in kosmischen Gegebenheiten zu finden. Gott stellt sich den Menschen in einem Menschen dar, in Jesus Christus. Dadurch gewinnt die Selbständigkeit der Kunst eine große Bedeutung. Selbst für das vormoderne Zeitalter des Christentums, als man von einer äußeren Unterscheidung von Religion und Kunst noch nicht konsequent sprechen konnte, gab es doch die zutreffende Überzeugung, dass Bilder religiöser Szenen oder frommer Menschen nicht Überfremdungen der Kunst darstellen, sondern dass gerade die Kunst selbst auf das hin zuläuft, was auch die Religion meint: das authentische Bild. Diese Identität von Kunst und Religion konnte auch nach dem Ende kirchlicher Auftragskunst weiter bestehen; sie gilt, unausgesprochen, noch heute und selbst da, wo man Kunst gegen Religion in Stellung zu bringen versucht. Diese Überlegungen laufen also darauf hinaus, die oft gebräuchliche Rede von einer kirchlichen Abhängigkeit der Kunst (in vormodernen Zeiten und auch noch heute) kritisch zu betrachten. Die Verwandtschaft von Kunst und Religion im Zusammenhang der Kultur bewährt sich auch und gerade unter der Signatur autonomer Kunst.

Die Künste in der Kirche

Die Lichtinstallation des Londoner Künstlers und Turner-Preisträgers Martin Creed am Kirchturm von Sankt Peter in Köln lädt zum Nachdenken ein. Sie entspricht damit der christlichen Aufforderung, den Glauben zu verinnerlichen. (Foto: Lea Letzel/Kunst-Station Sankt Peter)

Das Christentum ist die Religion der Verinnerlichung, lautet die religionstheoretische These. Durch diese Verinnerlichung wird der Grund des menschlichen Symbolbildens, das den Menschen ihre gesamten kulturellen Aktivitäten eröffnet, so mit dem eigenen Leben verbunden, dass er überall gegenwärtig ist. Schon begrifflich gehört zum Vorgang der Verinnerlichung eine gegenläufige Bewegung: Einmal setzt Verinnerlichung eine äußere Darstellung voraus, an der sie sich vollzieht. Sodann findet eine erfolgte Verinnerlichung ihren Ausdruck. Erst in dem Zusammenhang beider Bewegungen, in der Korrespondenz von Darstellung und Ausdruck, ist der Sachverhalt vollständig beschrieben.

Diese logische Struktur hat im Christentum zu historischer Gestalt gefunden: In der antiken und mittelalterlichen Kirche, in der Orthodoxie und im Katholizismus bis auf die Gegenwart einerseits; in der Reformation und allen nachfolgenden protestantischen Kirchenbildungen andererseits. Orthodoxie und Katholizismus leben aus der Aneignung des Dargestellten, verstehen sich vornehmlich so, dass die Individuen in das Ganze der Kirche eingeschlossen werden. Der Protestantismus dagegen setzt auf den Ausdruck des Angeeigneten in der individuellen Gestaltung des Lebens im Kontext historischer Gemeinschaften. Wir haben es, empirisch gesehen, immer mit dem Zugleich und Nebeneinander dieser beiden Formationen zu tun; man sieht aber auch, dass beide einander nicht ausschließen, sondern sich ergänzen, so wenig ein allgemeiner Überbau über beide gefunden werden könnte. Dieses Miteinander sorgt für allerlei Gesprächs- und Konfliktstoff zwischen den Kirchen; hier kommt es besonders darauf an, wie diese unterschiedliche Prägung sich in der Kultur zur Geltung bringt.

In der Tat lässt sich nämlich aus dem genannten typologischen Unterschied der Konfessionen ein verschiedener Umgang mit den Elementen der Kultur erkennen. Der Kirchenraum ist das erste und sichtbarste Beispiel. Dass Kirchenräume im Katholizismus geweiht werden, also Anteil an der Heiligkeit der Kirche selbst erhalten, weist auf ein unterschiedliches Verständnis hin – evangelische Kirchenräume werden mit einem Gottesdienst in Gebrauch genommen. Denn sie sind Orte des Ausdrucks des Glaubens, der dort kommuniziert wird – wogegen im Katholizismus das Moment der objektiven Versammlung überwiegt. Diese Differenz der Akzente zeigt sich weiter in der Liturgie, bei der auf katholischer Seite der Ablauf und die Darstellung überwiegen, während die evangelische Praxis auf innere Beteiligung zielt. Entsprechend ist die Funktion der Bilder und Skulpturen im Kirchenraum ebenfalls verschieden: Während die Bilder von Heiligen deren Präsenz anzeigen (in der Orthodoxie bis in die Heilsvermittlung hinein gesteigert), dienen sie im evangelischen Verständnis der Erinnerung an Glaubenszeugen, stehen also grundsätzlich auf derselben Stufe wie diejenigen, die sie betrachten.

Hier geht es insbesondere um die Musik; auch in ihr lässt sich der genannte Unterschied auffinden. Denn die katholische Kirchenmusik besitzt ihre klassische Gestalt in der Vertonung der Messe, also in der Hineinnahme der Musik in die Liturgie. Idealtypisch steht dieser Verwendung im evangelischen Gottesdienst der Choral gegenüber, also die Äußerung der Innerlichkeit des Glaubens mit Mitteln der Kunst, als Dichtung und Komposition. Man kann den Versuch unternehmen, im Ausgang von dieser Differenz der Aneignungstypen von Musik durch die Kirchen deren gesamte Musikpraxis zu untersuchen. Dabei werden sich empirisch natürlich Überlappungen seitens der Komponisten ergeben: Bach hat eben nicht nur Kantaten und Choralvorspiele geschrieben, sondern in der h-moll-Messe ein Meisterwerk der Messvertonung geschaffen. Es lassen sich aber auch Linien in Theorie und Praxis der Musik in den Kirchen ziehen: Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat der Gemeindegesang festen Eingang in den katholischen Gottesdienst gefunden, bedarf also noch einer Traditionspflege.

"SilentMOD": Im Innern des Kölner Doms sorgten die DJs Blank & Jones für sakral anmutende Klänge, während die Außenseite mit Lichtkunstprojektionen gestaltet wurde – ein Beispiel für die Vielfalt, mit der Musik und Kunst den kirchlichen Raum erfüllen können. (Foto: Christopher Jelen/Erzbistum Köln)

Eine bedeutende Veränderung in der Wahrnehmung der Musik hat die moderne, säkulare Auffassung der Musik mit sich gebracht. Sie lässt sich in zwei Hinsichten beschreiben. Erstens tritt Musik als autonome Kunstform auf. Sie sucht sich eigene Aufführungsräume in Konzertsälen und Opernhäusern, auf Festivals und Freiluftveranstaltungen. Sie verfolgt eigene Zielsetzungen, die vom Mehrheitsgeschmack und der Musikindustrie stärker bestimmt werden als von ästhetischen Innovationen. Zweitens kommt aber gerade in der Autonomie der Musik ihr religiöser Sinn zur Geltung. Denn indem die Musik, wie ausdrücklich oder verschwiegen auch immer, im Verlauf der Zeit mit den Mitteln der Komposition klingend ein Ganzes zweckfrei zum Ausdruck bringt, steht sie als Kulturgröße selbst für den Hinweis auf den Grund aller Kultur ein. Ihr wird gewissermaßen aus säkularen Motiven eine religiöse Funktion aufgenötigt – insbesondere unter solchen gesellschaftlichen Umständen, die ein Zurücktreten der Kirchen als Akteure in der Öffentlichkeit zur Folge haben.

Dieser doppelte Sachverhalt schlägt nun seinerseits wieder auf die Kirchen zurück, sofern sie Musik nicht nur im Gottesdienst verwenden: Sie werden zu Kunst-Anbietern in der Kultur neben anderen Veranstaltern; Kirchen werden zu Konzertsälen, in denen man manches geboten bekommt. Wichtig zu sehen ist aber, dass diese „Öffnung“ eigentlich die Übernahme einer anderen Funktion darstellt, sozusagen eine religiöse Mimikry autonomer Musik, mit welcher Kirchen auch versuchen, ihren selbst empfundenen Resonanzverlust zu kompensieren. Doch ist das auch gar nicht grundsätzlich zu beklagen, wenn man sich die Beobachtung zu eigen machen kann, dass auch und gerade autonome Musik eine religiöse Komponente besitzt.

Musik – die himmlische Kunst

Wir hatten von verschiedenen Kunstformen und ihrem religiösen Gebrauch gesprochen, neben der Musik von Architektur und bildender Kunst, von Poesie und Schauspiel. Und doch nennt unsere Tradition immer die Musik, wenn es darum geht, welche Kunst den Himmel erfüllt. Da ist nicht von Kathedralen und Skulpturen, nicht von Bildern und Rezitationen die Rede, sondern vom geformten Klang der Musik. Martin Luther hat, dem ganz entsprechend, gemeint, der Musik den höchsten Rang unter den Künsten zumessen zu dürfen, und ihr die beste Eignung für die Religion zugesprochen. Warum? Das muss mit der Musik selbst zu tun haben.

Musik – das ist allerfüllender Klang ohne Grenzen. In der Musik verbindet sich die Harmonie der Sphären mit der Individualität des Hörens, das Universum dringt mit seiner umgreifenden Präsenz ins Ohr. Die abstraktesten Strukturen, die kaum die Mathematik im Nacheinander ermessen kann, werden im Augenblick und zugleich hörbar und gegenwärtig. Die Zeit in ihrem allmächtigen Verlauf wird zu einem Ganzen, das als solches gehört und empfunden werden kann. Zeit ohne Ende verlaufend, Zeit im Augenblick konzentriert, beides zugleich: das ist, allein unter den Künsten, Emblem der Ewigkeit. Darum wird allein in der Musik die Unabhängigkeit des Grundes unseres Lebens, der Ursprung unserer Kultur in der Zeit, für uns zeitlich-endliche Wesen empfindbar. Die Arbeit gegen den Tod verliert im Augenblick des Hörens der Musik ihre Anstrengung und verbindet sich mit der Verheißung der Ewigkeit. Musik ist die himmlische Kunst – darum steht sie in einer besonderen Verantwortung von Kultur und Kirche.

Über den Autor

Prof. Dr. Dietrich Korsch war Professor für Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Philipps-Universität Marburg. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen bei Martin Luther, in der neueren Theologiegeschichte (Friedrich Schleiermacher, Karl Barth), in dogmatischen Grundfragen sowie in der theologischen Ästhetik.

Stand des Beitrags: 07.02.2017