Geistliche Musik im Konzert

Viele Meisterwerke der Musikgeschichte entstanden für die Aufführung im kirchlichen Raum und wurden unmittelbar in die Gestaltung des Gottesdiensts einbezogen. Mit dem Aufkommen der bürgerlichen Konzertkultur fanden kirchenmusikalische Werke Eingang in den Konzertsaal und sind heute fester Bestandteil auch des außerkirchlichen Repertoires. Zudem haben sich um sie herum zahlreiche Spezialfestivals etabliert, von denen neue Impulse für die Darbietung geistlicher Musik ausgehen.

Von Michael Gassmann

Geistliche Musik – ein Begriffsproblem

Der Terminus Geistliche Musik bedarf zunächst einer Erläuterung, wird er doch oft synonym verwendet mit den verwandten, teilweise aber nicht völlig deckungsgleichen Begriffen gottesdienstliche bzw. liturgische Musik, Kirchenmusik, religiöse Musik, Sakralmusik (musica sacra) und spirituelle Musik. Der folgende Beitrag wird zeigen, dass es fast unmöglich ist, hier eine Begriffsklärung herbeizuführen. Denn die Begriffsunschärfe ergibt sich aus der Sache selbst: So wie sich das religiöse und kirchliche Leben in Deutschland unentwegt verändert – die Kirchen verlieren Mitglieder, religiöse Sinnangebote jeglicher Couleur aber werden zahlreicher – so verändert sich auch das Verständnis von dem, was allgemein als „geistlich“ angesehen wird. Damit einhergehend verändert sich auch das Verständnis von dem, was als Geistliche Musik bezeichnet werden kann. Im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch dient Geistliche Musik einerseits als Gegenbegriff zur „weltlichen Musik“ und wird als Synonym für „religiöse Musik“ verwendet. Der Terminus bezeichnet in diesem Sinne jede Musik, die einen religiösen Inhalt besitzt oder für religiöse Zwecke geschaffen wurde. Andererseits meint, wer von Geistlicher Musik spricht, in der Regel und im engeren Sinne eine auf der Grundlage christlicher Themen und Texte komponierte, für die christlichen Kirchen entstandene und in den christlichen Kirchen verwendete Musik. Dementsprechend dient der Begriff häufig auch als Synonym für den Begriff „Kirchenmusik“. Dieser wiederum ist auch im kirchlichen Zusammenhang durchaus mehrdeutig. Er umfasst die liturgische Musik ebenso wie die außerhalb der Liturgie im Kirchenraum aufgeführte, für die Kirche komponierte Musik. Von besonderer Bedeutung ist schließlich der in der katholischen Kirche gebräuchliche lateinische Begriff der „musica sacra“, der unzulänglich meist mit „Kirchenmusik“ übersetzt wird, obwohl die Wendung „heilige Musik“ nahelegt, dass diese Musik von einer Qualität ist, die über menschengemachte musikalische Strukturen hinausgeht. Die Vorstellung von der Unantastbarkeit der gregorianischen Melodien oder die Idee einer Vereinigung von Menschen- und Engelsgesang, von himmlischer und irdischer Liturgie im Sanctus der Messe gehören zu diesem Konzept „Geistlicher Musik“.

Je näher man sich jedoch mit der Realität der Geistlichen Musik innerhalb und außerhalb der Kirchen befasst, umso mehr verschwimmt die Vorstellung über das, wofür man ihn nicht verwenden kann. Denn wo vor vielleicht einem halben Jahrhundert noch Klarheit herrschte, was „Geistliche Musik“ ist – die Behandlung christlicher Stoffe und Texte durch Musik – existiert heute eine verwirrende Vielfalt dessen, was man „musikalisch-spirituelle Sinnangebote“ nennen könnte. Neben die traditionelle, auch im Konzert praktizierte Kirchenmusik und die hergebrachten oratorischen Angebote in den Konzertsälen tritt sowohl in den Kirchen wie außerhalb der Kirchen ein breites Angebot von Konzerten, in denen sich christliche, jüdische, islamische und sogar buddhistische Klänge, Motive, Musiken mischen oder eine Musik, die ursprünglich keinerlei geistlichen Hintergrund hatte, durch einen geeigneten Raum und stimmungsvolle Illuminationen im Nachhinein „spiritualisiert“ wird. Praktikabel ist der Begriff „Geistliche Musik im Konzert“ deshalb nur dann, wenn er weit gefasst wird und außer der Kirchenmusik auch vielfältige Formen religiöser und allgemein-spiritueller Musik umfasst. In diesem Sinn wird deshalb im Folgenden das Phänomen „geistlicher Musik im Konzert“ schlaglichthaft erhellt, und zwar so, dass die Formen geistlicher Musik in Deutschland von den hergebrachten Angeboten der Kirchen über die traditionelle Oratorienkultur im Konzertsaal bis hin zu theatralischen, experimentellen, multimedialen, interreligiösen oder vage spirituellen Präsentationsformen, die vorwiegend in Festivals zu finden sind, beschrieben werden.

Kirchen- und Orgelkonzerte

Die Konzertaktivitäten der Kirchen bilden eine wesentliche Säule des Musiklebens in Deutschland. Allein die evangelische Kirche konnte mit 66.000 Veranstaltungen im Jahr 2014 7,6 Millionen Zuhörerinnen und Zuhörer begeistern. (Foto: Jörg Hejkal/© Jörg Hejkal)

Wer sich mit Geistlicher Musik im Konzert in Deutschland befasst, wird naturgemäß zunächst das Musikleben in den Kirchen in den Blick nehmen. Kirchenmusiker sind nach wie vor, gerade in kleineren Städten, wesentliche Stützen des Musiklebens. Dies hat vor allem mit den vielfältigen Aktivitäten auf dem Gebiet des Laienmusizierens zu tun: Mit einer großen Anzahl an Kinder- und Jugendchören, Instrumentalgruppen und leistungsfähigen Kantoreien ist die Kirchenmusik immer noch ein Breitenphänomen. Breit ist auch das stilistische Spektrum, das diese Gruppierungen abdecken. Es reicht vom Gregorianischen Choral über Bachkantaten und romantische Chorsätze bis hin zu Jazz, Gospel und Pop. Mit ihrer Konzerttätigkeit bauen die Kantorinnen und Kantoren und ihre Ensembles zudem eine wertvolle Brücke zum religiösen Leben: Für manchen Konzertbesucher mag der Besuch von Konzerten in Kirchen der erste Schritt hin zu einem kirchlichen Engagement sein.

Ein Zufalls-Beispiel unter hunderten möglichen mag verdeutlichen, welche Bedeutung die Kirchen und ihre Musiker für das Musikleben einer Stadt haben. In Göttingen wurde allein im November und Dezember 2016 folgendes an Kirchenkonzerten angeboten: mehrere Konzerte im Rahmen der 24. Internationalen Orgeltage, ein Gospelkonzert, ein a-cappella-Konzert, ein Gospelmusical über Mutter Teresa, ein Chorkonzert zum Ewigkeitssonntag mit Max Regers Requiem, Kammermusik in der Roringer Kirche, ein adventliches Kammerchorkonzert, zwei Orgelkonzerte über „Luthers Lieder“, Bibers „Rosenkranzsonaten“ in einem Kammerkonzert sowie ein Konzert des Singkreises St. Paulus. Das Spektrum ist also weit gespannt: Stimmungsvolle Kirchen werden für Kammermusikprogramme genutzt, die nicht immer einen geistlichen Bezug haben. Kleinere und größere Chöre bieten Konzerte an, deren Programmatik bis zum sehr groß besetzten Oratorium reichen. Ausflüge in christliche, aber außereuropäische Musikkulturen werden unternommen. Das Reformationsjahr 2017 prägt auch hier die Programmplanung. Orgelkonzerte bieten Gelegenheit, die zahlreichen Instrumente der Stadt kennenzulernen. Für eine deutsche Stadt mit etwas mehr als 100.000 Einwohnern ist dieses Angebot an Kirchenkonzerten durchaus repräsentativ. Eine Statistik der Evangelischen Kirche in Deutschland aus dem Jahr 2014 listet – nur für ihren Wirkungsbereich – rund 66.000 kirchenmusikalische Veranstaltungen mit etwa 7,6 Millionen Besuchern jährlich auf. 1 Die Kirchen gehören ohne Zweifel zu den wichtigsten Konzertveranstaltern in Deutschland.

Repräsentativ am Göttinger Beispiel ist auch die Existenz von „Internationalen Orgeltagen“. Kaum aufzuzählen sind die Orgelzyklen, Orgelwochen, Orgelnächte in deutschen Städten und Landschaften. Sie können breit aufgestellt sein wie das Internationale Düsseldorfer Orgelfestival, sich einem speziellen Aspekt der Orgelkunst widmen wie das Internationale Orgelimprovisationsfestival Berlin, bestimmte Instrumente in den Vordergrund stellen wie die Silbermann-Tage Freiberg oder sich einem bestimmten Repertoire verschreiben wie die orgel-mixturen Köln an der dortigen Kunst-Station Sankt Peter, die sich ausschließlich der Neuen Musik widmen. Sie dienen der Zurschaustellung einer ganzen Orgellandschaft, des Orgelreichtums einer bestimmten Stadt oder der Präsentation eines einzelnen Instruments. Solche Orgelreihen gehören zum scheinbar unveräußerlichen Traditionsbestand geistlicher Musik im Konzert. Als innovativ können sie in der Regel nicht gelten, beziehen aber frische Energie aus dem immer noch anhaltenden Wachstum einer Orgelszene in Deutschland, die nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und der Beseitigung vieler teils minderwertiger Instrumente aus der unmittelbaren Nachkriegszeit inzwischen aufgrund zahlreicher hochwertiger Orgelneubauten und grundlegender Restaurierungsarbeiten einen wohl nie dagewesenen Reichtum besitzt (vergleiche auch den Beitrag von Matthias Schneider „Zwischen Liturgie und Konzertsaal – Die Orgel“).

Orgelkonzerte, Chorkonzerte, oratorische Konzerte – mit ihren Konzertaktivitäten pflegen die Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker eine vitale Tradition, die breit aufgestellt und vielfältig angelegt ist. Man tut der kirchenmusikalischen Szene jedoch wohl nicht unrecht, wenn man – trotz gelegentlicher formaler und inhaltlicher Experimente – ihre Konzertaktivitäten als eher „herkömmlich“ bezeichnet.

Geistliche Musik im Konzertsaal und auf der Bühne

Traditionsreich sind auch die Oratorienkonzerte in den Konzertsälen – eine ehrwürdige Institution, seitdem Händel das Oratorium als geistliche Unterhaltung für das bürgerliche Publikum populär machte. Oratorienkonzerte sind etwas Besonderes: Anders als etwa bei Sinfoniekonzerten machen sich bei der Oratorienkultur regionale und konfessionelle Unterschiede deutlich bemerkbar. Ein herausragendes Beispiel ist Stuttgart, dessen pietistische Prägung zur Ausbildung einer quantitativ wie qualitativ einzigartigen Chorszene geführt hat. Mit Kammerchor und Barockorchester Stuttgart sowie der Gaechinger Cantorey (den Ensembles der Internationalen Bachakademie) stehen dem Publikum der Stadt hochprofessionelle Klangkörper zur Verfügung, die regelmäßig Oratorienkonzerte anbieten. Die Professionalität der aus bezahlten Berufsmusikern bestehenden Ensembles sei deswegen an dieser Stelle besonders erwähnt, weil gerade im Oratorienbereich Berufssänger eher die Ausnahme darstellen. Die Oratorienszene wird in der Regel von ambitionierten Laienchören getragen, die sich für ihre Aufführungen professionelle Orchester „leisten“. Als Beispiel mag das Netzwerk Kölner Chöre dienen, das in der Kölner Philharmonie gemeinsam eine sechsteilige Oratorienreihe anbietet, wobei jeder Chor des Netzwerks ein Konzert übernimmt. Es handelt sich durchweg um Laienchöre. Die Kölner stehen damit ganz in der Tradition der Gattung, zu deren zentralen Merkmalen das Gemeinschaftserlebnis und die Freude am Singen gehören. Dies mag auch der Grund sein, warum Oratorienkonzerte seit etwa 200 Jahren – sieht man von aufführungspraktischen Veränderungen ab – in nahezu unveränderter Form funktionieren. Ihr Beitrag zur Geistlichen Musik im Konzert unterscheidet sich damit wesentlich von den Festivals, deren Programmatik und formale Ausprägung beständig im Fluss ist.

Mit seiner Inszenierung der Mathäus-Passion aus dem Jahr 1980 am Hamburg Ballett betrat der Choreograf John Neumeier Neuland bei der szenischen Erschließung geistlicher Musik. (Foto: Kiran West)
Mit seiner Inszenierung der Mathäus-Passion aus dem Jahr 1980 am Hamburg Ballett betrat der Choreograf John Neumeier Neuland bei der szenischen Erschließung geistlicher Musik. (Foto: Kiran West)
Mit seiner Inszenierung der Mathäus-Passion aus dem Jahr 1980 am Hamburg Ballett betrat der Choreograf John Neumeier Neuland bei der szenischen Erschließung geistlicher Musik. (Foto: Kiran West)
Mit seiner Inszenierung der Mathäus-Passion aus dem Jahr 1980 am Hamburg Ballett betrat der Choreograf John Neumeier Neuland bei der szenischen Erschließung geistlicher Musik. (Foto: Kiran West)
Unter dem Titel "La Passione" präsentierte Romeo Castellucci im Jahr 2016 Bachs Matthäus-Passion in einer ebenso provokanten wie emotional ergreifenden Version an der Staatsoper Hamburg. (Foto: Bernd Uhlig)
Unter dem Titel "La Passione" präsentierte Romeo Castellucci im Jahr 2016 Bachs Matthäus-Passion in einer ebenso provokanten wie emotional ergreifenden Version an der Staatsoper Hamburg. (Foto: Bernd Uhlig)
Unter dem Titel "La Passione" präsentierte Romeo Castellucci im Jahr 2016 Bachs Matthäus-Passion in einer ebenso provokanten wie emotional ergreifenden Version an der Staatsoper Hamburg. (Foto: Bernd Uhlig)
Unter dem Titel "La Passione" präsentierte Romeo Castellucci im Jahr 2016 Bachs Matthäus-Passion in einer ebenso provokanten wie emotional ergreifenden Version an der Staatsoper Hamburg. (Foto: Bernd Uhlig)
Seine Lesart der Mathäus-Passion stellte der amerikanische Regisseur Peter Sellars im April 2010 in der Berliner Philharmonie vor. Sie gilt als Meilenstein in der szenischen Aufführungsgeschichte des Werks. (Foto: Monika Rittershaus)
Seine Lesart der Mathäus-Passion stellte der amerikanische Regisseur Peter Sellars im April 2010 in der Berliner Philharmonie vor. Sie gilt als Meilenstein in der szenischen Aufführungsgeschichte des Werks. (Foto: Monika Rittershaus)
Seine Lesart der Mathäus-Passion stellte der amerikanische Regisseur Peter Sellars im April 2010 in der Berliner Philharmonie vor. Sie gilt als Meilenstein in der szenischen Aufführungsgeschichte des Werks. (Foto: Monika Rittershaus)
Seine Lesart der Mathäus-Passion stellte der amerikanische Regisseur Peter Sellars im April 2010 in der Berliner Philharmonie vor. Sie gilt als Meilenstein in der szenischen Aufführungsgeschichte des Werks. (Foto: Monika Rittershaus)

Allerdings hat das Oratorium – insbesondere die Oratorien Händels und die Passionen Bachs – in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Schritt auf die Theaterbühnen unternommen. Der Sache nach liegt dieser Schritt ja gar nicht fern, denn die oft dramatische Erzählstruktur der Oratorien ist der Oper verwandt. Eher schon mag dieser Schritt in frömmigkeitsgeschichtlicher Hinsicht beachtenswert sein, denn er kann den Blickwinkel auf das Werk verändern: Weniger die zur Andacht einladende religiöse Botschaft als die Neugier auf den dramatischen Fortgang der Handlung kommt auf der Theaterbühne zu ihrem Recht. Oder ist es gerade die Abhandlung elementarer moralischer Themen, die die Oratorien für Regisseure heute interessant macht? Jedenfalls finden Händels geistliche Sujets mit einiger Regelmäßigkeit Eingang ins deutsche Theater: Jürgen Flimm inszenierte Händels frühes Oratorium „Il trionfo del tempo“ 2012 in Berlin, Händels „Jephta“ kam 2013 bei der Winteroper Potsdam auf die Bühne, 2015 „Saul“ an der Oper Dortmund, 2016 „Israel in Eqypt“ wiederum an der Winteroper Potsdam.

Etwas anders ist der Fall der Bachʼschen Passionen gelagert: Neben Bühneninszenierungen (etwa Peter Sellarsʼ Matthäus-Passion in der Berliner Philharmonie und Romeo Castelluccis provokanter Version des Werks in den Hamburger Deichtorhallen 2016) treten zahlreiche Choreographien: John Neumeier und sein Hamburger Ballett machten bereits 1980 den vielbeachteten Anfang mit der Matthäus-Passion (eine bis heute immer wieder aufgenommene Choreographie). Martin Hagel brachte dasselbe Werk 2013 mit Street Dancern in den Berliner Dom, 2014 vertanzte Laurent Chétouane unter dem Titel „Bach / Passion / Johannes“ die Johannes-Passion; mehrere Education-Projekte wie etwa „Bachbewegt“ der Stuttgarter Bachakademie nähern sich den Oratorien Bachs tänzerisch. Offenbar ist es das Rituelle des Tanzes, das mit der archaischen Wucht des Passionsgeschehens eine künstlerisch fruchtbare Verbindung eingehen kann.

Festivals

Zahlreiche Veranstaltungsreihen außerhalb der Kirchen rücken die geistliche Musik auf vielfältige Weise in den Fokus. Das auf Neue Musik ausgerichtete Festival Acht Brücken in Köln etwa stellte seine Ausgabe 2016 unter das Motto "Musik und Glaube". (Foto: Jörg Hejkal/© Jörg Hejkal)

Geistliche Musik im Konzert ist ein kulturelles Phänomen, das von den Entwicklungen und Tendenzen im Konzertbetrieb Deutschlands nicht zu trennen ist. Hier ist die enorme Zunahme des Konzertangebots (und damit einhergehend des Publikums) über die letzten Jahrzehnte zu nennen. An diesem Gesamtbild haben insbesondere die Festivals großen Anteil, deren rasch zunehmende Zahl auch als Ausdruck des Bemühens gelten kann, in einem stark verdichteten, kompetitiven Umfeld Aufmerksamkeit durch Bündelung zu erzielen. Festivals sind aber auch Veranstaltungen, bei denen die „Rahmung“, also die Einbettung des Konzertgeschehens in einen stimmungsvollen Ort (Kirchen zum Beispiel) und/oder ein gesellschaftliches Ereignis eine größere Rolle spielt als im Abonnement-Betrieb der Konzerthäuser, deren Programmplanung sich freilich – etwa durch die Schaffung von Themeninseln – mehr und mehr an Festivalstrukturen orientiert. Auch der touristische Aspekt, insbesondere die Erschließung historischer oder architektonisch bedeutsamer Bauwerke (auch hier wieder das Beispiel Kirchen), besitzt für Festivals eine weit größere Bedeutung. Zudem gehört die „Formatentwicklung“, also die Erfindung konzertanter Ereignisse, bei denen Raum, Musik und Publikum in ein anderes als das gewohnte Verhältnis treten, zum Markenkern nicht weniger Festivals. Festivals sind schließlich Orte, an denen die alte Verbindung von Kult und Kultur durch die zeitliche Begrenzung, den besonderen Festcharakter und die Herausbildung einer „Festivalgemeinde“ stärker erlebbar wird als im regulären Konzertbetrieb, der eine gleichmäßige kulturelle Versorgung über das Jahr sicherstellt.

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Festivals

Geistliche Musik ist Gegenstand zahlreicher Festivals in Deutschland. Neben dem traditionellen Repertoire der christlichen Kirchenmusik finden dabei oft auch weniger gewohnte Stilistiken Eingang in die Programme. Zeitgenössische Werke, Gospelgesänge sowie die Musik anderer Religionen haben das Spektrum in den letzten Jahren erweitert.

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In der Summe bedeutet dies: Festivals sind eine Erscheinungsform des Konzertlebens, bei der der Kirchenraum fast von selbst in den Fokus der Programmplanung rückt. In unterschiedlicher Stärke und Ausprägung bieten sie zudem Gelegenheit, neue Präsentationsformen auszuprobieren und Programme inhaltlich wie formal weiterzuentwickeln. Welche Auswirkungen dies für die geistliche Musik im Konzert hat (und auf die Definition dessen, was „geistliche Musik“ überhaupt ist!) wird im Folgenden gezeigt werden.

Festivals für Alte Musik

Auf der Grenze von kirchlichem und nicht-kirchlichem Konzertleben bewegen sich Festivals für Alte Musik. Die nachhaltige Etablierung der historisch-informierten Aufführungspraxis ist, neben der Entwicklung einer nahezu unübersehbaren Festivalszene, wohl diejenige Entwicklung, die für die Geistliche Musik im Konzert am bedeutendsten ist. So sehr ist eine an den Erkenntnissen aufführungspraktischer Forschungen orientierte Spielweise selbstverständlich geworden, dass das gesamte Repertoire geistlicher Musik vor Mozart in einer anderen Spielweise kaum noch denkbar ist.

Logische Folge dieser Entwicklung ist die Spezialisierung der Musikerinnen und Musiker und der Festivalprofile insbesondere auf dem Gebiet der Alten Musik. „Tage Alter Musik“ gibt es unter anderem im Saarland, in Bamberg, Regensburg, Würzburg, Nürnberg (Musica Franconia) und Herne. In Stuttgart ist es das Festival STUTTGART Barock, in Köln das Kölner Fest für Alte Musik, das sich der historisch-informierten Aufführungspraxis verschrieben hat. Musik vor Mozart aber bedeutet in der Regel: Musik für den Hof oder für die Kirche. Festivals für Alte Musik sind deshalb fast immer auch Festivals für Geistliche Musik im Konzert. Nahezu alle Festivals für Alte Musik programmieren Musik, die für die Kirche geschrieben wurde; und im Sinne größtmöglicher Authentizität wird dieses Repertoire im Rahmen jener Festivals regelmäßig in Kirchen zur Aufführung gebracht. Damit wohnt ihnen einerseits ein bewahrendes, gelegentlich sogar museales Element inne. Aber zugleich – über die „Links“ des historischen Instrumentariums und der (je nach Alter des Repertoires unterschiedlichen) Archaik der Tonsprache – knüpfen diese Festivals auch an eher „Zeitgeistiges“ an: an verschiedene Formen von Weltmusik etwa oder die Musik nichtchristlicher Religionen.

Einen sehr deutschen Sonderfall der Festivals für Alte Musik stellen die mehr als ein Dutzend Bachwochen dar, etwa in Ansbach, Greifswald, Stuttgart (bis 2016), Thüringen, Lüneburg, Heidelberg, Hamburg, Aachen und Leipzig. Ihre zugleich kirchennahe und gelegentlich noch kunstreligiöse Prägung sowie ihre bewahrende Grundhaltung („Bachpflege“ ist das sonderbare Stichwort, das man hie und da noch hört) sind offensichtlich. Mancherorts, in Köthen und Leipzig etwa, erprobt man Konzertformate jenseits der Aufführungstradition, aber im Großen und Ganzen gehören Bachwochen eher nicht zur experimentellen Festival-Avantgarde.

Festivals mit geistlicher bzw. spiritueller Musik

Die bedeutenden Festivals geistlicher Musik werden, anders als ihr Name vermuten ließe, nicht von der evangelischen oder katholischen Kirche getragen, sondern von Vereinen oder den Städten, in denen sie stattfinden. Einige wichtige Beispiele mögen aktuelle Tendenzen bei der Profilierung dieser Festivals verdeutlichen:

Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Das Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd spannt einen weiten Bogen von der Tradition des Abendlands bis zur spirituellen Musik anderer Kontinente. (Foto: Hartmut Hientzsch/Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd)
Bei der "Internationale Orgelwoche Nürnberg – Musica Sacra" – einem der wichtigsten Festivals für geistliche Musik in Deutschland – nimmt die Entwicklung neuer Programmformate einen großen Raum ein. (Foto: Internationale Orgelwoche Nürnberg)
Bei der "Internationale Orgelwoche Nürnberg – Musica Sacra" – einem der wichtigsten Festivals für geistliche Musik in Deutschland – nimmt die Entwicklung neuer Programmformate einen großen Raum ein. (Foto: Internationale Orgelwoche Nürnberg)
Spiritualität mit Schwerpunkt Neue Musik: Im Jahr 2016 stellte das Kölner Festival "Acht Brücken" sein Programm unter das Motto "Musik und Glaube". (Foto: Jörg Hejkal/© Jörg Hejkal)
Spiritualität mit Schwerpunkt Neue Musik: Im Jahr 2016 stellte das Kölner Festival "Acht Brücken" sein Programm unter das Motto "Musik und Glaube". (Foto: Jörg Hejkal/© Jörg Hejkal)
Beim Festival "Musica Sacra International" im Allgäu erklingt geistliche Musik aus sämtlichen Weltreligionen. (Foto: Musica Sacra International)
Beim Festival "Musica Sacra International" im Allgäu erklingt geistliche Musik aus sämtlichen Weltreligionen. (Foto: Musica Sacra International)

Das Programm des traditionsreichen, dreiwöchigen Festivals Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd gibt einen ersten Hinweis darauf, in welche Richtung sich Festivals geistlicher Musik gegenwärtig entwickeln. Die Ausgabe 2016 stand unter dem Motto „Als Mann und Frau“ und bot neben Konzerten mit Werken wie Mozarts c-Moll-Messe und Monteverdis „Marienvesper“ auch ein interreligiöses Programm über das Hohelied Salomonis mit der tunesischen Sängerin Ghalia Benali, sephardische Hochzeitslieder in einer illuminierten Kirche, ein Konzert, das in die „Klangwelt der Hildegard von Bingen“ einführen sollte, eine „Friedensoper“ und einen Workshop zu Jazz- und Gospelgesang. Der Begriff Kirchenmusik wird hier also weit gedehnt und umfasst nicht nur Ausflüge in die politisch engagierte und eher populäre Musik; bemerkenswert ist auch die Ausweitung der Programmatik in Richtung der anderen monotheistischen Religionen und einer von christlichen Inhalten teils losgelösten Spiritualität, für die Hildegard von Bingen mittlerweile zum Synonym geworden ist.

Die Internationale Orgelwoche Nürnberg – Musica Sacra (ION) trägt traditionell gleich zwei Bestimmungen in ihrem Namen. Zwar ist der „Markenkern“ des 1951 gegründeten Festivals mit seinem großen Orgelwettbewerb bis heute erhalten geblieben; doch in den letzten Jahren haben sich die Akzente verschoben. Zum einen nimmt die Entwicklung neuer Konzertformate mittlerweile einen zentralen Raum ein („Konzertdesign“ nennt der Intendant die Arbeit an allen Parametern, die ein Konzerterlebnis ausmachen). Zum anderen steht weniger eine im engeren Sinne christliche oder kirchliche Thematik im Mittelpunkt als vielmehr eine Spiritualität, die Grundmotive menschlichen Daseins in den Blick nimmt. Das Vorwort zum Festival 2016, das unter dem Motto „Zukunft“ stand, erhellt dies eindrücklich: „Man kann nach der Zukunft suchen, im Vertrauten wie im Neuen. Trotzdem bleibt sie ungewiss. Aber ohne Zukunft ist alles schon vorbei. Auch die ION ist auf dem Weg in die Zukunft. Mit den Künstlern von morgen, mit experimentellen Formaten. Auf der Suche nach Momenten des Innehaltens und des tiefen Erlebens von Musik. Nach Resonanzräumen für das, was uns bewegt.“ 2

Ergänzend zu ihrem auf kirchenmusikalisch geprägten Kernprogramm ist bei vielen Festivals, etwa Musica Sacra in Nürnberg, eine Öffnung zu außerchristlichen Formen spiritueller Musik zu beobachten. (Foto: Nina Kuhn/Internationale Orgelwoche Nürnberg)

Es geht also nicht um „musica sacra“ im engen Sinn, sondern eher um Gefühls- und Bewusstseinszustände, die intensive Formen des Gemeinschaftserlebens ermöglichen. Dementsprechend gestalten sich die einzelnen Programme, die in Kirchen, aber auch außerkirchlichen Räumen zur Aufführung kommen. Beispiele aus dem Jahr 2016: „Musik für die Ewigkeit“, „Nacht Lieder“, „Liebesanfänge – Ein musikalisches Storytelling-Projekt“, „Un-Sterblichkeit“.

Programmatisch etwas anders aufgestellt ist der von einem Verein getragene Romanische Sommer Köln, mit dem die großen romanischen Kirchen Kölns bespielt werden. Gregorianischer Choral, Alte Musik, Jazz, christliche Kirchenmusik, Neue Musik und Musik nicht-christlicher Kulturen bilden das Spektrum, das durch die Platzierung der Konzerte in Kirchen eine sakrale Grundierung erhält. Den Höhepunkt des Romanischen Sommers bildet die „Romanische Nacht“, über die es im Programm 2016 heißt: „Musik und Ort verschmelzen zu einem einzigartigen Ambiente am Mittsommerabend: Eintauchen in verschiedene Kulturkreise, Genrevielfalt, Raumerfahrung, uralte Werke neben Uraufführungen, Tradition mit modernen Elementen und Moderne mit Tradition […] ‚Wege‘ öffnen sich, Klänge aus unterschiedlichen Kulturen schaffen musikalische Bezüge quer durch Raum und Zeit.“ 3 Dieses Festival nutzt die Aura der alten christlichen Kulträume zu interreligiösen und interkulturellen Erlebnissen. Die vage Botschaft zielt auf ein Publikum, das nicht mehr kirchlich gebunden ist, aber die Erfahrung meditativer Versenkung in „Raum und Zeit“ nicht missen möchte.

Das PODIUM Festival Esslingen, vielgerühmt für seine experimentelle Programmarbeit und getragen von einem besonders jungen Team, ist eigentlich kein Festival für Geistliche Musik, und man mag sich wundern, warum dieses Festival überhaupt hier genannt wird. Der Grund ist, dass sich auch und gerade in diesem, oftmals als Labor für die Zukunft des Konzerts wahrgenommenen Festival ein Interesse an Spiritualität deutlich manifestiert: Im August 2015 veranstaltete das Podium Festival erstmals und unter dem Motto „Raum und Rausch“ ein Konzertwochenende im Kloster Bebenhausen, dessen Programmkonzeption sorgfältig auf die Besonderheiten des Kirchenraums abgestimmt war. Angekündigt wurden „vier besondere Kammerkonzert-Formate, die sich in den verschiedensten Räumlichkeiten der Klosteranlage mit musikalischen Zuständen des Rausches beschäftigen: die meditative Entrückung, der ewig-treibende Klangfluss, das sinnliche Naturrauschen, die berauschend-virtuose Begeisterung.“ 4 Ebenso wie bei dem im darauffolgenden Jahr am selben Ort veranstalteten Konzertwochenende, das in sommerlicher Festival-Atmosphäre unterschiedliche musikalische Vorstellungen von Schönheit – „der Natur, des Unterwegsseins, der Fantasie und des Fremden“ 5 – in den Blick nahm, fehlt hier vordergründig jeder konkrete religiöse Bezug. Dennoch: Rausch, Entrückung, Natur, Ewigkeit – dies alles sind Begriffe aus dem Bereich einer Spiritualität, die man religiös nennen kann oder auch nicht.

Musik für die Seele: Beim alle zwei Jahre in Hamburg stattfindenden Festival "Lux aeterna" steht weniger ein religiöser als vielmehr ein mystischer Bezug im Mittelpunkt. (Foto: Claudia Höhne)

Bemerkenswert ist, dass Spiritualität als Festivalgegenstand sogar von den ganz großen Konzertveranstaltern in Betracht gezogen wird. Das seit 2013 alle zwei Jahre in Hamburg stattfindende Festival Lux aeterna – ein Musikfest für die Seele etwa wird von der HamburgMusik gGmbH – Elbphilharmonie und Laeiszhalle Betriebsgesellschaft veranstaltet. Ein Zitat aus der Veranstaltungs-Website mag die Ausrichtung des Festivals ein wenig näher beleuchten. Hier heißt es:

„Wenn Hamburg im Februar im grautrüben Nieselregen versinkt, stellt sich die Frage nach dem Sinn des Seins noch etwas drängender als sonst. Eine wärmende, sinnliche Antwort bietet das Festival Lux aeterna. Wer seine Schritte zu den hellerleuchteten Konzerthäusern und Kirchen lenkt, kann sich dort von Musik umhüllen lassen, die uns auf einer besonderen, unterbewussten Ebene anspricht.“ 6

Dass Geistliche Musik hier in einem umfassenden Sinn zum Tragen kommt, verdeutlicht ein Blick in das Programm der letzten Festivalausgabe im Jahr 2015, bei der Künstler, Komponisten und Werke mit starkem spirituellen Bezug, jedoch nicht ausschließlich mit kirchlicher Ausrichtung in den Vordergrund gerückt wurden. Mehr als auf den konkreten geistlichen Inhalt hebt das Programm auf die „mystische Qualität der Musik“ und auf ihre „fast magische Abstraktheit“ ab. Im Mittelpunkt steht dabei die transzendentale Wirkung der Musik, die als nächstliegendes und intuitiv verständlichstes Ausdrucksmittel spiritueller Empfindungen angesehen wird. Nach eigener Aussage wollten die Festivalveranstalter auf eine Situation reagieren, in der die „Sehnsucht nach seelischer Balance und der Besinnung auf innere Werte“ größer sei denn je. 7 Das ist bemerkenswert, denn dieses Festival in hundertprozentig weltlicher Trägerschaft schwingt sich hier zum spirituellen Sinngeber auf, zum Lieferanten für Mystik, zum Anbieter innerer Werte. Es bietet sich an, ein Bedürfnis zu befriedigen, dass früher nur die Kirchen befriedigen konnten.

Fazit

Eine besondere Performance erlebten die Besucher der Spielemesse "gamescom" im August 2016 während der Licht- und Klanginstallation "SilentMOD", die erste Veranstaltung ihrer Art im Kölner Dom. (Foto: Christopher Jelen/Erzbistum Köln)

Geistliche Musik im Konzert ist in Deutschland ein Phänomen, bei dem sich zwar einerseits eine starke und vitale Traditionsverhaftung, andererseits aber auch Entwicklungen konstatieren lassen, die den gesellschaftlichen Wandel widerspiegeln und noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wären. Entkirchlichung, Internationalisierung und Multikulturalisierung einerseits, die Sehnsucht nach Auszeiten und Entschleunigung andererseits – dies alles bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das Konzertleben, soweit es sich Geistlicher Musik verschreibt. Während die Kirchen weiterhin flächendeckend Kirchenkonzerte und Orgelwochen abhalten und damit eine lebendige und keineswegs überholte Tradition pflegen, die gerade für das Laienmusizieren von kaum zu überschätzender Bedeutung ist, vollziehen sich außerhalb der alten kirchenmusikalischen Welt bemerkenswerte Entwicklungen: Das geistliche Oratorium drängt es mehr und mehr an den antiken Ort des Ritus – das Theater –, und es etabliert sich eine Festivalszene, die fasziniert zu sein scheint von religiösen oder allgemein spirituellen Themen, ohne doch kirchengebunden zu sein. Das Konzertleben spiegelt damit die Wirklichkeit religiösen Lebens in Deutschland, das sich durch eine abnehmende Kirchenbindung und eine Zunahme spiritueller Angebote auszeichnet. Wer eine Definition dessen versucht, was Geistliche Musik im Konzert heute ist, kommt an dieser neuen Wirklichkeit nicht vorbei. Und vielleicht muss man so weit gehen zu sagen: Die Zukunft geistlicher Musik im Konzert wird heute überwiegend von den nicht-kirchlichen Festivalmachern vorhergesehen und formuliert. Schon wirken die Impulse der Festivals zurück in den Kirchenraum: Als im August 2016 während der Spielemesse „gamescom“ der Kölner Dom unter dem Titel „SilentMOD“ mit einer kunstnebelverstärkten Lichtinstallation und elektronischen Klängen bespielt wurde, da ergriff die neue Spiritualität, die sich nur noch lose an das Christentum andockt, auch von der Kirche Besitz.

Die Definition „geistlicher Musik“ wird also weiter und weiter gefasst. Musik aller Religionen und Kulturen gehört mittlerweile dazu und nahezu jede Musik, die in irgendeiner Form „Versenkung“ ermöglicht. Ob diese Entwicklung anhält oder sich irgendwann umkehrt, ist vorerst nicht abzusehen.

Über den Autor

Dr. Michael Gassmann studierte Kirchenmusik in Köln, Orgel in London sowie Musikwissenschaft und Kunstgeschichte in Freiburg/Breisgau, wo er mit einer Arbeit über Edward Elgar promoviert wurde. Nach Stationen als Journalist, u. a. bei der FAZ, Geschäftsführer des Musik Podium Stuttgart und als Wissenschaftlicher Leiter/Chefdramaturg der Bachakademie Stuttgart ist er seit 2015 Leiter des Künstlerischen Betriebs beim Internationalen Musikfestival „Heidelberger Frühling“.

Stand des Beitrags: 07.02.2017